NIDWALDEN: War es Drohung und sexuelle Nötigung?

Das Kantonsgericht verhandelte über eine sexuelle Begegnung mit schlimmen Folgen. Der Angeklagte bestreitet den Hergang und spricht von einvernehmlichem Geschlechtsverkehr.
Kurt Liembd
Fast sechs Stunden lang verhandelte das Kantonsgericht über einen Fall von sexueller Nötigung. (Archivbild: Markus von Rotz)

Fast sechs Stunden lang verhandelte das Kantonsgericht über einen Fall von sexueller Nötigung. (Archivbild: Markus von Rotz)

Kurt Liembd

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

Tatort: die lauschige Seepromenade bei der Ermitage in Beckenried. Wo schon manches in Minne geschah und sich Verliebte näherkamen, endete für einmal eine Begegnung mit schlimmen Folgen. Aus einem Treffen von zwei Bekannten wurde eine mutmassliche sexuelle Nötigung mit Verletzungen an Brust und im Intimbereich. Fast sechs Stunden lang verhandelte das dreiköpfige Kantonsgericht unter der Leitung von Livia Zimmermann über den Vorfall und versuchte in minutiöser Kleinarbeit herauszufinden, was genau an diesem Sommerabend des 14. August 2013 geschah.

Allein die Befragung des angeklagten Mannes (24) und der Klägerin (25) dauerte rund drei Stunden. Dabei ging es um intimste Details, obwohl 14 Personen im Gerichtssaal sassen. «Sie müssen sich einfach die vielen Leute hier im Saal wegdenken», sagte Livia Zimmermann zum Angeklagten, um bei ihm die Bereitschaft für Aussagen zu erhöhen. Die beiden wurden getrennt befragt, das heisst ohne Anwesenheit des anderen im Gerichtssaal. Während der Befragung des Mannes wartete die Frau im Nebenraum und umgekehrt.

Anzeige erfolgte erst nach drei Jahren

So gab es Widersprüche in ihren Aussagen, auf welche der Staatsanwalt Nidwalden, der Verteidiger und die Rechtsbeiständin in ihren Plädoyers detailliert eingingen. Konkret soll sich Folgendes abgespielt haben: Am 14. August 2013, um etwa 20 Uhr, hielten sich der Mann und die Frau, damals 20 und 21 Jahre alt, an der Seepromenade bei der Ermitage in Beckenried auf einer Parkbank auf. Sie kannten sich seit mehreren Jahren, da sie in der gleichen Jung- und Dorfmusik spielten, hatten allerdings nie eine sexuelle Beziehung, weil die Frau das nie wollte. Als sie am besagten Abend auf der Parkbank über ihre Probleme sprach, wurde der Mann gegen ihren Willen zutraulich und versuchte sie zu küssen. Bei der folgenden sexuellen Nötigung zwang er die Frau zu Oralverkehr. Durch seine Handlungen fügte er ihr schmerzhafte Verletzungen im Bereich ihrer Piercings an der Brust und im Intimbereich zu.

Auf dem Nachhauseweg auferlegte er der Frau ein Schweigegebot und drohte, dass «etwas geschehen würde und sie dran wäre», wenn sie den Vorfall weitererzählen würde. Die Frau war dadurch derart verängstigt, dass sie sich erst rund drei Jahre später traute, darüber zu sprechen und Anzeige zu erstatten. Heute lebt sie im Kanton Zürich und ist noch immer in psychiatrischer Behandlung.

Beide Parteien fordern Genugtuung

Vor Gericht zeigte sich der Mann wortkarg und bestritt, sexuelle Nötigung begangen zu haben. Vielmehr sagte er, es sei zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr gekommen. Sein Verteidiger, der Stanser Anwalt André Britschgi, sprach von einem «höchst umstrittenen Sachverhalt». Eine Frau, die sexuell genötigt werde, könne ja schreien, beissen und schlagen. Das habe sie aber nicht getan. Deshalb beantragte Britschgi vollumfänglichen Freispruch und eine Genugtuung von mindestens 5000 Franken für seinen Mandanten.

Die Zürcher Anwältin Viviane Lüdi, Rechtsbeiständin des Opfers, verlangte hingegen eine Verurteilung und eine Genugtuung von 17 000 Franken für das Opfer. Staatsanwalt Erich Kuhn stellte dem Angeklagten viele kritische Fragen und beantragte eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren und eine Busse von 2000 Franken. Das Urteil erscheint übernächste Woche.

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