Nidwalden

Warum Jugendliche anders reden

Mara Weber aus Hergiswil vergleicht die Jugendsprache mit jener der Senioren. Ihre Maturaarbeit bringt Überraschendes zutage.

Romano Cuonz
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Mara Weber aus Hergiswil präsentiert ihre Maturaarbeit.Bild: Romano Cuonz (Stans , 9. Dezember 2020)

Mara Weber aus Hergiswil präsentiert ihre Maturaarbeit.Bild: Romano Cuonz (Stans , 9. Dezember 2020)

«Es war an Weihnachten vor einem Jahr, da sagte ich während einer Diskussion zu meinem Vater ‹He Alter, was denkst du eigentlich?›», erzählt die Hergiswiler Maturandin Mara Weber. Zu ihrem Erstaunen habe sich daraus ein kleiner Streit ergeben. «Für mich als Jugendliche bedeutet ‹Alter› so viel wie Kumpel oder Kollege», beteuert Mara Weber. Weil sie und ihr Vater sich da nicht einig waren, habe sie beschlossen, in der Maturaarbeit einen «Vergleich der Jugend- und Seniorensprache» anzustellen.

Dieses Vorhaben setzte die 17-jährige Nidwaldnerin nachgerade akribisch um. Allein schon die Leitfragen, die sie sich für ihre Arbeit stellte, machen neugierig: Wie und weshalb sprechen Jugendliche ihre eigene Sprache und wie wirkt sie auf andere Generationen? Wie sprechen Senioren und was macht ihre Sprache aus? Punkto Vorgehen liess sich die Maturandin von Esther Galliker, einer promovierten Luzerner Linguistin, beraten.

Feldversuche mit Gesprächen

Neben dem obligaten Theorieteil beinhaltet Mara Webers Arbeit Ergebnisse eines Feldversuches. Dabei organisierte sie inhaltlich fokussierte Gespräche. Einmal diskutieren sieben jugendliche Probanden im Alter von 17 bis 18 über einen Trailer zu einem Actionfilm. Ein anderes Mal äussern sich fünf Senioren zwischen 75 und 79 Jahren zur Jugendsprache. «Ich wollte herausfinden, wie Jugendliche oder Senioren miteinander spontan diskutieren», erklärt die Maturandin.

«Eines der auffälligsten Merkmale der Jugendsprache, das ich beim Feldversuch feststellen konnte, war ihre Direktheit und Flexibilität», bilanziert Mara Weber. Festgestellt habe sie, dass Jugendliche oft ironisch sprächen und vieles ins Lächerliche zögen. Häufig fielen in den Gesprächen Wörter wie «mega», «geil» oder «cool». Auffallend die vielen Anglizismen wie etwa «Bitch», «cheate» oder «chillen». Doch selbst das russische «Bratan» oder «Bratina» für Bruder und Schwester oder das arabische «Habibi» für Geliebter werden gebraucht.

In ihrer Umfrage bei 302 Personen zwischen zehn und 100 Jahren forderte Mara Weber sowohl Jugendliche als auch Senioren auf, typische Begriffe in ihrer Sprache zu benennen. Da tauchen denn auch ungewohnt grobe Ausdrücke wie: «Die huere pinke Maske hend geil usgseh» oder «De Film isch fuzz geil» auf. Die Maturandin notiert: «Der womöglich wichtigste Faktor für die Benutzung der Jugendsprache ist die Abgrenzung. Jugendliche befinden sich in einer schwierigen Lebensphase und wollen ihren Platz in der Gesellschaft finden. Anders sein als die Erwachsenen.»

Im Allgemeinen akzeptieren Ältere Jugendsprache

Überraschend ist die Reaktion der älteren Teilnehmer (31 – 64 Jahre) auf die Jugendsprache. Zwar antwortet keiner dieser Probanden, dass er oder sie selber so spräche. Doch die meisten geben an, dass sie die Jugendsprache im Allgemeinen akzeptieren, auch wenn sie gewisse Wörter als deplatziert oder sogar primitiv empfänden. Ein Beispiel dafür ist eine unter Jungen geläufige, wenig reflektierten Frage im Jugoslang: «Hey Mann, bisch behinderet?»

Was die Seniorensprache angeht, kommt Mara Weber zu einem anderen Ergebnis: «Diese weicht recht wenig von der Standardsprache ab, die Senioren sind sehr unterschiedlich und so ist es auch ihre Sprache.» Einige Wörter, die sie brauchten, verstehe man nicht, weil sie besonders alt seien oder aus einem unbekannten Dialekt stammen würden. Und da zieht Mara Weber ein erstaunliches Fazit: «Auf den ersten Blick würde man vielleicht vermuten, dass Jugendliche einen lebendigeren Sprachstil haben als ältere Menschen, doch das stimmt so nicht.» Sie sei während ihrer Feldarbeit Senioren begegnet, die eine vom Dialekt geprägte sehr bildhafte und kraftvolle Sprache benutzt hätten. Da seien zu ihrer Überraschung auch Ausdrücke wie: «Ich rede so wie mer de Schnabu gwachse isch» oder gar «Dräcksecku» gefallen!

Mara Weber hat in einjähriger Arbeit viele interessante Erfahrungen gemacht. Ein Linguistik Studium aber komme für sie doch eher nicht in Frage, sagt sie. Eines frage sie sich schon: «Werde ich mich an die Jugendsprache meiner allfälligen Kinder oder Grosskinder dereinst stören oder mich wie meine Seniorengruppe daran erfreuen?»

Arbeit kann Verständnis generieren




Die Linguistin Esther Galliker ist eine ehemalige Schülerin des Kollegiums St. Fidelis und arbeitet heute als Dozentin und Projektmitarbeiterin an der Hochschule Luzern/Wirtschaft. Sie sagt: «Es ist etwas anderes, wenn eine junge Person zur Jugendsprache forscht und darüber nachdenkt, als wenn es eine erwachsene Wissenschaftlerin tut. Die jungen Leute wissen ganz viel über ihre Sprache und können so wertvolle Momentaufnahmen in Gruppen von Gleichaltrigen machen. Ein wichtiger Punkt ist auch: Erwachsene behaupten oft, dass Jugendliche die Sprache nicht mehr beherrschen. Ich selber habe etwas anderes festgestellt: sie gehen sehr bewusst und vor allem vielseitig und kreativ mit der Sprache um. Mara Webers Maturaarbeit kann helfen, Verständnis zu generieren für eine andere Art von Sprache, für einen andern Stil.» (cuo)