NIDWALDEN: Wenn einer allem auf den Grund geht

Die Sust Stansstad vermittelt einen Überblick über das einzigartige Werk von Charles Wyrsch. In seinen Bildern treten auch Widersprüche zu Tage.

Romano Cuonz
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Charles Wyrsch vor Werken in seiner Ausstellung in Stansstad. (Bild Romano Cuonz)

Charles Wyrsch vor Werken in seiner Ausstellung in Stansstad. (Bild Romano Cuonz)

Romano Cuonz

«Ich bin überrascht, wenn ich meine Werke ausgestellt sehe, es freut mich sehr, aber ich bin immer noch kritisch gegenüber meinen Arbeiten, ich bin nie zufrieden!» Worte von Charles Wyrsch – diesem einzigartigen Doyen der Innerschweizer Malerei – anlässlich der Vernissage in der Stansstader Sust. Worte, die genau jene Eigenschaft zum Ausdruck bringen, die Wyrsch von vielen andern Künstlern der Zentralschweiz deutlich abhebt: Bis ins hohe Alter ist der bald 96-jährige Künstler selbst für revolutionäre Kunstströmungen offen geblieben, bis heute geht er auf alles Neue zu. Unvorein­genommen und mit grosser Neugier. Und doch wäre er nie auf den Gedanken gekommen, etwas auf irgendeine Art zu kopieren. Stets blieb er eigenständig.

Monika-Maria Herzog, eine Kennerin seines Werks, sagt es an der Vernissage so: «Sein zähes Ringen, sein steter Versuch, dem Wesen eines Menschen, einer Landschaft, eines Gegenstandes auf den Grund zu gehen, machen seine Werke unverkennbar.»

Ein Buochser als Weltbürger

Charles Wyrsch kommt 1920 im damals noch ländlichen Buochs zur Welt. Weil die Mutter kurz nach seiner Geburt stirbt, wächst er bei den Grosseltern und auch bei einer Tante in Zug auf. Später macht er im väterlichen Geschäft eine Lehre als Flachmaler. Jedoch: Wyrsch erkennt bald, dass er frei arbeiten, die Welt sehen und erfahren will. Mit äusserster Gründlichkeit legt er in Schulen in Luzern, Genf, Paris und Basel das Fundament für eine künstlerische Laufbahn. Namentlich für die Malerei.

Noch an der gegenwärtigen Ausstellung in Stansstad betont der alte Mann, was für ihn ein Leben lang so wichtig gewesen ist: «Da sind Zeichnungen von Reisen, ich habe die ganze Welt bereist und viel gesehen in meinem Leben, das sind Erinnerungen.» In der Tat: Wyrschs Verlangen, die Welt zu sehen, ist beinahe unstillbar. Er bereist verschiedene Länder Europas, am liebsten Spanien oder die Bretagne, fährt nach Südamerika und China. Und er sagt auch, warum das für ihn so wichtig ist: «Jede Rückkehr aus den Weiten der Welt liess mich die Umwelt zu Hause genauer wahrnehmen.»

Kampf zwischen Hell und Dunkel

Dass Charles Wyrsch zu den wichtigsten Zentralschweizer Künstlern der älteren Generation gehört, manifestiert sich bis heute an zahlreichen Ausstellungen. Und doch bietet sich in der Sust eine einmalige Gelegenheit: Hier sind nämlich auf drei Stockwerken Werke aus allen Schaffensperioden in Pastellkreide, Bleistift, Kohle und Öl zu bestaunen. Das geht von kleinformatigen Landschaftszeichnungen über die berühmten «Fernsehbilder», zahlreiche Porträts, Akte, Landschaften, Stillleben, religiöse Motive zu Leben und Tod bis hin zur abstrakten Malerei. Wyrsch selber sagt in Stansstad: «Die abstrakten Bilder sind für mich schön, aber die gegenständlichen, etwa von meiner verstorbenen Frau Edith, sagen mir heute mehr.» Was das Werk dieses Nidwaldners auszeichnet, bringt Monika-Maria Herzog zum Ausdruck. «Bei Charles Wyrsch finden wir typische Elemente einer Innerschweizer Mentalität, die stark vom Katholizismus geprägt wurde», sagt sie. Und: «Da ist auch diese spezifisch barocke Haltung, in die Wyrsch als Künstler und Mensch stets eingebunden bleibt. Mit und trotz allen Exkursionen in fremde Welten und avantgardistische Kunst.» Gemeint seien damit auch Widersprüche, die in den Werken zu Tage träten: Schönheit neben Vergänglichkeit, Lust und Lebensfreude neben Todesbangen.

All dies kann man in der Ausstellung exemplarisch beobachten: etwa wenn man von warm farbigen Aktbildern weitergeht zu einem düsteren Stillleben mit Totenkopf. Herzog dazu: «Hell und Dunkel, die unser Leben und unsere Gesellschaft prägen, haben im Werk des Künstlers eine besondere Bedeutung. Effektiv: Genau damit charakterisiert sich Wyrschs Schaffen als ein ständiger Kampf zwischen Hell und Dunkel.»

Hinweis

Kunstausstellung Charles Wyrsch: «Überblick über sein Schaffen» in der Sust, Stansstad: Noch bis zum 28. März. Öffnungszeiten: Samstag 14–18 Uhr. Sonntag und Feiertage 11–17 Uhr.