NIDWALDEN: Zucht und Ordnung im «Armenhaus»

Mit ihrer Maturaarbeit über das Armenwesen in Nidwalden 1811 bis 1979 hat Nicole Odermatt beim Geschichtswettbewerb «Historia» den 1. Preis gewonnen. Gekonnt und einfühlsam schildert sie den harten Alltag von Menschen in der Armenanstalt Buochs.

Romano Cuonz
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Nicole Odermatt präsentiert ihre preisgekrönte Maturaarbeit vor dem Alterswohnheim in Buochs. An dieser Stelle stand früher ... (Bild: Romano Cuonz (26. August 2017))

Nicole Odermatt präsentiert ihre preisgekrönte Maturaarbeit vor dem Alterswohnheim in Buochs. An dieser Stelle stand früher ... (Bild: Romano Cuonz (26. August 2017))

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Wo sich heute das ebenso schmucke wie komfortable Alterswohnheim Buochs erhebt, stand – noch bis 1988 – die allererste Armenanstalt des Kantons Nidwalden. Erbauen liess sie 1836 Landammann Louis Wyrsch, ein früherer Legionär in holländischen Diensten. «Als mir ein alter Mann, der einst selber Heiminsasse war, vom harten Leben im ersten Buochser Armenhaus erzählte, berührte mich dies sehr», erklärt die Maturandin Nicole Odermatt.

Für mittel- und hilflose Arme habe damals eben die Losung «Schlucke, Grind izieh, Straf fasse» gegolten. «Jetzt wollte ich unbedingt mehr über das Leben von Behinderten, Mittellosen und auch Kindern in den Anstalten erfahren», sagt die Gymnasiastin. Deshalb habe sie die Entstehung der Armengemeinden in Nidwalden und den harten Alltag in Armenhäusern als Thema für ihre Maturaarbeit gewählt.

Armenpflege fast ohne Mittel

«Obwohl Buochs früh ein eigenes Armenhaus besass, fand ich dazu kaum schriftliche Quellen», sagt Nicole Odermatt. Deshalb habe sie Leute gesucht, die das Armenhaus aus eigener Erfahrung kannten. «Mit fünf Personen konnte ich Interviews über ihre Erfahrungen und Erlebnisse führen», sagt Nicole Odermatt. «Ich war tief betroffen und begann zu verstehen, wie hart das Leben und der Alltag der ‹Waiseheysler› gewesen sein mussten.»

Ab 1811 gab es in Nidwalden sechs Armengemeinden. Sie hatten die Aufgabe, sich um das «Wohl» von Leuten auf der Schattenseite des Lebens zu kümmern. Die Hauptverantwortung lag beim Waisenhausvater. Weil wenig Geld zur Verfügung stand, da überall gespart werden musste, übertrug der Staat die Armenpflege 1852 Ingenbohler Ordensschwestern. Während 120 Jahren arbeiteten 92 von ihnen im Heim und leisteten Arbeit um Gotteslohn. Ihre Aufgabe war nicht leicht: Das Armenhaus ­wurde zugleich als Kinder- und Altersheim, als psychiatrische Klinik, ja sogar als Trinker-Heil­anstalt benutzt.

An Liebe und Nestwärme fehlte es

Zusätzlich erschwerten die knappen Mittel das Wirtschaften der Klosterfrauen. Um sich selber zu versorgen, betrieben die Insassen unter der Knute des gestrengen Waisenhausvaters Landwirtschaft in Fronarbeit. Dazu führte die Armenanstalt Buochs eine Holzhandlung, und sie besorgte auch die «Güselabfuhr». Über hundert Jahre – bis 1950 – mussten sich Kinder und Erwachsene die Räume im Bürgerheim teilen.

In der Maturaarbeit von Nicole Odermatt schildern fünf frühere Bewohner (aus Rücksicht bleiben ihre Namen hier ungenannt) ihr hartes Leben als «Waiseheysler». B. erzählt etwa: «Im Heim hatte es ‹Süffle›, die hend ä huärä Mais gmacht und sich ufe Grind gä. Und all das haben wir Kinder ­mitbekommen.» Zwar hätten sie ­alles gehabt, was es zum Leben brauchte, doch an Nestwärme und Liebe habe es ihnen gefehlt. «Wir mussten die Treppen auf den Knien abreiben und den ­Boden schrubben und an schulfreien Nachmittagen Socken und Pullover stricken», schildert der ehemalige Armenhausbewohner B.

Ja, nicht nur bei den alten «Süffeln» hätten Schwestern und Waisenhausvater mit Gewalt und Drohungen für Ordnung gesorgt. «Kamen wir Kinder nicht sofort unseren Pflichten nach, gab es den Hintern voller Schläge», erinnert er sich. «Wer nicht gehorchte, musste schon einmal ohne Essen ins Bett oder i Chäller abbe und ufs Taburettli liggä.» Kinder, die das Bett nässten, wurden kalt abgeduscht. Oder man zog ihnen das schmutzige Nachthemd über den Kopf mit den Worten: «Schmöck dy Dräck!» B. erinnert sich auch, mit welchen Worten allfällige Reklamationen abgeblockt wurden: «D Schnorre zue, muesch gar nid diskutiere, chasch froh si, dass da bisch und z Ässe hesch.»

Als «Waiseheysler» abgestempelt

Nicole Odermatt bleibt in ihrer Arbeit stets sachlich. Sie nennt aber die Zustände beim Namen. So meint die Maturandin: «Noch näher als die Erniedrigungen durch die Schwestern ging den Insassen die Behandlung durch Dorfbewohner.» Wer im Waisenhaus lebte, habe einen Stempel aufgedrückt erhalten: «Dr Waise­heysler»! Kameradschaft mit andern Schülern gab es für sie nicht. Kein Kind aus gutem Haus wollte – oder durfte – sich mit Heimkindern abgeben.

Der frühere Bewohner B. sagt dazu: «Wenn im Dorf epper eppis bosged hed, dann war es eh immer ein ‹Waiseheysler›.» Nicole Odermatt erwähnt in ihrer Arbeit aber auch all jene, die sich für das Wohl der Kinder eingesetzt hatten. So hält sie etwa fest: «1947 reichte die SP Buochs Klage bei der kantonalen Armen- und Vormundschaftskommission ein, weil sie von Übergriffen auf Insassen erfahren hatte.» Das Verfahren habe damals mit einem Verweis an die Adresse des Waisenhausvaters geendet.

Kein Zufall, dass Nicole Odermatt beim Geschichtswettbewerb «Historia» den ersten Preis gewonnen hat. Das einhellige Juryurteil: «In dieser Arbeit werden Strukturen und Lebensbedingungen im ersten Nidwaldner Armenhaus gekonnt rekonstruiert und der harte Alltag der Insassen einfühlsam und eindringlich sichtbar gemacht.»

... das erste Armenhaus Nidwaldens. (Bild: PD)

... das erste Armenhaus Nidwaldens. (Bild: PD)