NIDWALDEN: Zugunfall: Noch werden Zeugen befragt

Drei israelische Touristen sind 2014 bei einem Zusammenprall mit einem Zug ums Leben gekommen. Der Untersuchungsbericht liegt immer noch nicht vor – auch wegen sprachlicher Hürden.

Matthias Piazza
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Bei diesem - 2014 noch ungesicherten - Bahnübergang in Wolfenschiessen geschah der Unfall. Mittlerweile ist auch dieser Bahnübergang mit einer Barriere gesichert. (Archivbild Markus von Rotz / Neue NZ)

Bei diesem - 2014 noch ungesicherten - Bahnübergang in Wolfenschiessen geschah der Unfall. Mittlerweile ist auch dieser Bahnübergang mit einer Barriere gesichert. (Archivbild Markus von Rotz / Neue NZ)

Den Rettern bot sich ein schreckliches Bild: Beim ungesicherten Bahnübergang Allmend in Wolfenschiessen war ein Kleinbus mit israelischen Touristen mit einem Zug der Zentralbahn zusammengeprallt. Drei Insassen verloren ihr Leben, fünf weitere wurden verletzt. Auch wenn auf den ersten Blick klar schien, dass der Fahrer des Kleinbusses den heranfahrenden Zug schlicht übersehen hat, wurde die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) aktiv.

Seit dem tragischen Unglück im Sommer 2014 sind eineinhalb Jahre vergangen. Doch der Untersuchungsbericht, der zunächst als Formsache galt, liegt noch immer nicht vor. Christoph Kupper, Bereichsleiter Bahnen und Schiffe bei der Sust, räumt auf Anfrage unserer Zeitung ein, dass es sich um eine überdurchschnittlich lange Dauer handelt. Der Grund liege allerdings nicht bei der Sust selber, denn der Bericht sei im Entwurf fertig. «Weil die Betroffenen aus Israel kommen, sind die Wege eben länger. So sind auch das Eidgenössische Departement für Auswärtiges und die israelische Botschaft involviert», erklärt Kupper. «Im Moment liegt das Ganze beim Anwalt der Überlebenden.» Diese habe man unmittelbar nach dem Unfall nicht befragen können. Nun erhoffe man sich zusätzliche Informationen zum Unfallhergang. «So können sie etwa Aussagen darüber machen, ob sie ein Pfeifsignal des Zuges gehört haben», erläutert Christoph Kupper.

Angehörige wollen Entschädigung

Bevor diese Gespräche nicht stattgefunden haben, werde der Untersuchungsbericht auch nicht veröffentlicht. Kupper rechnet, dass dies nochmals ein halbes bis ein Jahr in Anspruch nehmen wird. «Das Ganze ist wirklich sehr kompliziert», bestätigt auch Massimo Aliotta. Er ist der Rechtsvertreter der Geschädigten. «Wegen sprachlicher und interkultureller Hürden und den vielen Beteiligten dauert alles viel länger als üblich», erklärt Aliotta. Die Mitglieder der involvierten Familien seien Arabisch sprechende Drusen, die im Norden Israels leben. Keiner verstehe Deutsch. Alle offiziellen Dokumente in Israel seien auf Hebräisch und müssen ins Englische übersetzt werden. «Es mussten deshalb in Israel selber weitere Anwälte beigezogen werden, was die Verfahrensabläufe erheblich erschwert», führt Massimo Aliotta weiter aus. Er geht aber davon aus, dass man in rund zwei Monaten mehr sagen und anschliessend die Sust über allfällige neue Erkenntnisse informieren könne.

Der zuständige Staatsanwalt Erich Kuhn sagte unlängst gegenüber unserer Zeitung: «Der Untersuchungsbericht bildet das letzte grössere Puzzleteil, um abschliessend festzuhalten, ob beim Unfall eine strafbare Handlung vorgelegen hat.» Allerdings scheint ein Strafverfahren gegen eine konkrete Person unwahrscheinlich. Solange der Ausgang des Verfahrens aber unklar ist, wartet Massimo Aliotta mit weiteren Schritten zu. Konkret: eine Schadenersatzforderung im Namen der Geschädigten.

Als Betrag nannte er in einem früheren Artikel eine Summe, die sicher höher als eine Million Franken betrage, da es sich um vier Familien mit 20 bis 30 Angehörigen handle. Die Forderung begründet er mit der Kausalhaftung der Bahn. Diese verpflichte sie grundsätzlich, Unfallopfer zu entschädigen. Man wolle der Zentralbahn die Forderung auf aussergerichtlichem Weg stellen. Erst wenn sie nicht darauf eingehe, werde man Klage einreichen.

Mittlerweile wurden sämtliche Bahnübergänge der Zentralbahn in Nidwalden gesichert. So steht auch seit über einem Jahr beim betroffenen Übergang Allmend eine Barriere.

Matthias Piazza

Aus Fehlern für Zukunft lernen

Ablauf map. Ereignet sich ein Unfall mit einem öffentlichen Verkehrsmittel, tritt die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) in Aktion. So auch beim tragischen Unglück in Wolfen-schiessen. Während die Staatsanwaltschaft sich vor allem auf die juristischen Aspekte konzentrierte, steht bei der Sust die organisatorische und menschliche Seite im Vordergrund. Der Bericht kann der Staatsanwaltschaft als Grundlage für das Strafverfahren dienen, das ist aber nicht dessen Zweck. «Wir halten vor allem Ausschau nach Lücken im System», erklärt Christoph Kupper von der Sust. «In unseren Untersuchungen dreht sich immer alles um die Frage, wie man das System Bahn sicherer machen kann.» Der Mensch mache Fehler und dürfe Fehler machen. Umso wichtiger sei es, aus Unfällen Erkenntnisse zu gewinnen, um die Technik zu verbessern und so die Abläufe sicherer zu machen.

«Die Überlebenden könnten Aussagen machen, ob sie ein Pfeifsignal des Zuges gehört haben.» Christoph Kupper, Sust-Bereichsleiter (Bild: pd)

«Die Überlebenden könnten Aussagen machen, ob sie ein Pfeifsignal des Zuges gehört haben.» Christoph Kupper, Sust-Bereichsleiter (Bild: pd)