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NIDWALDEN: Zwei Monate mit dem Velo durch den Balkan

Die Stanserinnen Fabienne Niederberger, Carina Odermatt und Lou Rosset bereisten mit ihren Velos den Balkan. In zwei Monaten haben sie 2800 Kilometer zurückgelegt.
Carina Odermatt
Lou Rosset, Carina Odermatt und Fabienne Niederberger (von links) haben per Velo den Balkan erkundet. Hier stehen sie auf dem 1600 Meter hohen Vrsic-Pass in Slowenien, nach der wohl anstrengendsten Etappe ihrer Reise. (Bilder: Carina Odermatt)

Lou Rosset, Carina Odermatt und Fabienne Niederberger (von links) haben per Velo den Balkan erkundet. Hier stehen sie auf dem 1600 Meter hohen Vrsic-Pass in Slowenien, nach der wohl anstrengendsten Etappe ihrer Reise. (Bilder: Carina Odermatt)

Carina Odermatt

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

Die Reaktionen auf unsere Idee, mit dem Velo den Balkan zu bereisen, fielen damals unterschiedlich aus. Von «gefährlich» über «verrückt» bis hin zu «wahnsinnig toll» reichte das Spektrum. Unsere Familien und Freunde haben uns unterstützt, während uns andere ins Gesicht sagten, dass sie ein derartiges Vorhaben ihren Kindern niemals erlauben würden. «Weshalb ausgerechnet durch diese Region?», wurden wir mehr als einmal gefragt. Der Balkan – abgesehen von Touristendestinationen wie Griechenland oder Kroatien – ist mit Vorurteilen behaftet. Auch wir waren nicht ganz vorurteilsfrei, doch genügend neugierig und bereit, hinzugehen und selber nachzusehen.

Meine langjährige Freundin Fabienne Niederberger (21) und ich (22) packten also am 3. Mai 2017 alles, was wir zum Leben brauchten – oder dachten zu brauchen –, auf unsere Velos und machten uns mit Zug und Fähre auf den Weg nach Patras in Griechenland. Etwas mehr als zwei Monate radelten wir durch Griechenland, Albanien, Montenegro, Kroatien, Bosnien, Slowenien und erreichten schliesslich Klagenfurt in Österreich, von wo wir den Zug nach Hause nahmen.

Der perfekte Zeitpunkt für eine Reise

Fabienne hat vor knapp einem Jahr die kaufmännische Berufsmatura abgeschlossen und dann im Winter 2017 an der Rezeption eines Hotels in Wengen gearbeitet. Sie befindet sich noch auf der Suche nach dem richtigen Studium. Ich habe nach der Matura am Kollegium St. Fidelis zwei Zwischenjahre gemacht, in denen ich fünf Monate durch Südamerika gereist bin und ein obligatorisches Vorstudium für das Osteopathiestudium abgeschlossen habe, welches ich im September beginnen werde. Wir hatten also beide etwas Zeit im Frühling, und die Idee einer Velo­reise schwebte uns schon länger vor. Es war der perfekte Zeitpunkt, uns diesen Traum zu erfüllen. Am 11. Juli stiess dann Lou Rosset (21) im Süden Albaniens zu uns, und wir waren knapp einen Monat als Stanser Dreierteam unterwegs. Lou hatte erst noch die Prüfungen des ersten Jahres der Pädagogischen Hochschule in Luzern abschliessen müssen.

Übernachten bei Einheimischen und in der Natur

Das Zelt, der Gaskocher und das Velo ermöglichten uns grosse Freiheit und Unabhängigkeit. Wir stellten unser Zelt dort auf, wo es uns am besten gefiel. In Griechenland und Albanien campierten wir oft direkt am Strand, in Montenegro und Bosnien in der schönen Bergwelt, an Flüssen und Seen. Wenn wir in der Abendsonne zu toller Aussicht auf unserem Gaskocher etwas zubereiteten, konnten wir unser Glück oft kaum fassen. Dieses Leben in der Natur haben wir unglaublich genossen.

In Kroatien und Slowenien, wo das Wetter etwas unstabiler war, haben wir meistens durch die Internetplattformen Couchsurfing und Warmshower bei Einheimischen übernachtet, die kostenlos Reisende bei sich aufnehmen. Die Idee dahinter ist die Förderung des kulturellen Austauschs, wobei Warmshower nur für Veloreisende ist. So ergaben sich spannende Begegnungen.

Den Balkan in all seinen Facetten erleben

Im Gegensatz zu anderen Veloreisenden, die wir auf der Strecke getroffen haben, fokussierten wir uns nicht auf den sportlichen ­Aspekt des Unterwegsseins. Wir kommen nicht aus dem Radsport und benutzen das Velo zu Hause vorwiegend zweckmässig. So kamen wir einige Male an unsere Grenzen, als wir Pässe überquerten oder an heissen Tagen lange Strecken vor uns hatten. Am Schluss der Reise hatten wir rund 2800 Kilometer und unzählige Höhenmeter in den Beinen. Denn im Balkan ist es selten flach, und wir befanden uns mehrmals auf über 1000 Metern über Meer. An unserem wohl anstrengendsten Tag überquerten wir den Vrsic-Pass in den Julischen Alpen Sloweniens. Er ist 1600 Meter hoch und die Strasse quälend steil. Sie hat 50 Haarnadelkurven, von denen jede mit Nummer und Höhenmetern beschriftet ist. Doch die Aussicht vom Gipfel war die Schweisstropfen schlussendlich wert. Wir machten die Erfahrung, dass mentale Stärke uns weiter bringt als trainierte Oberschenkel. Mit der richtigen Einstellung ist vieles möglich.

Unser wahres Ziel war es ­jedoch, den Balkan in all seinen Facetten zu erleben. Und das Velo war das ideale Mittel dafür. Es öffnete uns die Türen, um intensiv mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten. Wir reisten langsam, durch Dörfer, Städte und verlassene Natur, und die Einheimischen wurden neugierig: «Woher seid ihr? Wo wollt ihr hin? Macht ihr tatsächlich alles mit dem Velo?» Die Tatsache, dass wir als junge Frauen eine derartige Reise machten, war für die Menschen erstaunlich. Besonders als wir zu zweit unterwegs waren, wurden wir oft gefragt: «Habt ihr keine Angst so alleine?» Wir antworteten: «Wir sind nicht alleine, wir sind zu zweit.» «Ja, aber ihr seid zwei junge Frauen ohne Mann», entgegneten uns die Leute. Hier lag das Problem: Wir hatten keinen Beschützer. Diese Konversation führten wir oft, und sie begann uns mit der Zeit zu nerven. Denn wir hatten uns immer sicher gefühlt.

Die Begegnungen mit den Menschen waren wertvoll

Wir hatten stark das Gefühl, dass die Einheimischen uns für unseren Mut bewunderten und auf ­irgendwelche Weise positiv an unserem Projekt teilhaben wollten. Überall haben wir sehr grosszügige und liebenswerte Menschen kennen gelernt, und wir wurden mit allem möglichen beschenkt. In Albanien ist es uns sogar mehrmals passiert, dass Einheimische uns in ihre Häuser eingeladen haben.

Einmal übernachteten wir bei einer albanischen Bauernfamilie auf dem Dach ihres Hauses. Die Tochter begrüsste uns mit: «Unser Haus ist euer Haus!» Sie lebten sehr einfach, mit einem Zimmer für die vier jugendlichen Kinder und einem Badezimmer ohne Dusche. Denn in Albanien verdienen viele Menschen nur 5 Euro am Tag. Die Kinder nahmen uns mit auf eine kleine Wanderung zu einem Aussichtspunkt, und wir assen mit der Familie auf dem Boden vor dem Haus. Den ganzen Abend unterhielten wir uns vorwiegend auf Italienisch, obwohl weder Fabienne noch ich die Sprache jemals gelernt haben. Mit Englisch war es im Balkan – bis auf Slowenien und Kroatien – immer schwierig. Oft sprachen die Menschen nur ihre Muttersprache, und wir bemühten uns, wenigstens ein paar Wörter Griechisch, Albanisch und Serbokroatisch zu lernen.

Reise hat sich in jeder Hinsicht gelohnt

Es war nicht immer einfach. Einmal hatten wir einen hart­näckigen Platten, den wir nicht reparieren konnten. Manchmal wurden wir verregnet oder im Zelt von einem Gewitter überrascht. Auf einer Strecke in Bosnien waren die Strassen voller Verkehr, die Lastwagen rücksichtslos und die Tunnel ohne Licht. Meist hatten wir ruhige Strassen, doch der Verkehr war die grösste Gefahr für uns. All die positiven Erinnerungen überwiegen jedoch bei weitem, und sich auf den Balkan einzulassen, hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Er ist landschaftlich und kulturell extrem vielfältig: Glasklare Strände und wilde Bergwelten geben sich hier die Hand. Unterschiedliche Religionen leben friedlich zusammen, Kirchen wurden neben Moscheen erbaut. Moderne Mercedes teilen sich die Strassen mit Kutschen, während Hirten ihre Ziegenherden am Strassenrand grasen lassen. Manchmal fühlten wir uns um 40 Jahre in der Zeit zurückversetzt.

Diese Reise in den Balkan gehört für uns alle zum Besten, was wir bisher erlebt haben. Und uns ist klar: Die Velos werden wir bald wieder mit Packtaschen beladen.

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