NIDWALDEN/BERN: Schwäne werden ein Fall für den Bund

Einzelne Schwanabschüsse brachten nichts. Die Regierung hat nun beim Bund ihr Gesuch für regulierende Eingriffe in den Schwanenbestand erneuert.

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Alle Massnahmen nützten bisher nichts: Auch gestern tummelten sich zahlreiche Schwäne auf der Allmend in Ennetbürgen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue NZ)

Alle Massnahmen nützten bisher nichts: Auch gestern tummelten sich zahlreiche Schwäne auf der Allmend in Ennetbürgen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue NZ)

Kürzlich hat die Nidwaldner Justiz- und Sicherheitsdirektion beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) ein Gesuch um bestandsregulierende Massnahmen an der Schwanenpopulation im Bereich der Allmend von Buochs und Ennetbürgen eingereicht. Eigentlich ist das Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt, lediglich eine Erneuerung des Gesuches, welches Nidwalden bereits im April 2014 eingereicht hatte. Das Bafu lehnte dieses aber im Juni 2014 ab.

Begründung: Die Bestandsregulation stelle den stärksten Eingriff in den Bestand einer geschützten Wildtierart dar. Bevor sie ergriffen werden dürfe, müssten laut Jagdgesetz zuerst sämtliche zumutbaren, milderen Massnahmen zur Schadenverhütung ergriffen werden wie beispielsweise Fütterungsverbote oder auch Einzelabschüsse. Nach dem Aufstellen von Fütterungsverbotstafeln liess der Kanton mangels Alternativen im November 2014 schliesslich drei Schwäne abschiessen, was für viel Empörung in der Bevölkerung sorgte und auch zur Gründung eines Komitees gegen die Abschüsse führte, auf deren Webseite sich mittlerweile fast 250 Personen eingetragen haben.

Konkreter Vorschlag der Regierung

«Genützt haben diese Einzelabschüsse allerdings leider nichts. Sogar die Tiere in unmittelbarer Nähe der erlegten Artgenossen zeigten sich kaum beeindruckt», schreibt Regierungsrätin Karin Kayser, Vorsteherin der Justiz- und Sicherheitsdirektion, im erneuten Gesuch, und weiter: «Da sich zeigte, dass die Schwäne auf Vergrämungsabschüsse keine Reaktion wie Fluchtverhalten zeigen, wurde darauf verzichtet, weitere Tiere zu erlegen.» Nidwalden schlägt dem Bund nun konkret vor, dass in den nächsten fünf Jahren die überzähligen Schwäne gezielt dezimiert werden sollen, damit anschliessend eine Population erreicht sei, die sich dank guter Altersdurchmischung und natürlicher Wintermortalität wieder im Gleichgewicht befinde. «Gemeint ist damit einzig und allein das Stechen von Eiern während der Brutzeit, wir wollen keine Abschüsse machen müssen», bestätigt Karin Kayser auf Nachfrage. Jedes Jahr würde zu Beginn der Vegetationszeit vorgängig eine Zählung stattfinden. Bei einem Bestand von mehr als 20 Tieren würde dann eine entsprechende Bestandsreduktion angeordnet. Die Zählung würde gegen Ende der Vegetationszeit wiederholt, um die Auswirkungen zu prüfen.

Entscheid innert Monatsfrist

Martin Baumann, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bafu in Bern, bestätigt den Eingang des Schreibens aus Nidwalden. «Bei der Ablehnung des ersten Gesuchs sind wir davon ausgegangen, dass die Einzelabschüsse nützen und das Fütterungsverbot Wirkung zeigt. Offenbar stimmt die Erfahrung in Nidwalden nicht mit der aus anderen Kantonen überein», sagt Baumann. Das Bafu werde nun mit dem Kanton Kontakt aufnehmen, um die Details des Gesuchs zu besprechen. Grosse Bedeutung komme dabei dem effektiv durch Schwäne verursachten Wildschaden zu. «Wir hoffen, dass wir innerhalb eines Monats einen Entscheid fällen können.» Falls das Bafu das Gesuch genehmige, müsste der Kanton eine entsprechende Verfügung erlassen. Man müsse sich bewusst sein, dass bestandsregulierende Massnahmen gesetzlich klar geregelte Eingriffe seien, die zudem gemäss Natur- und Heimatschutzgesetz dem Verbandsbeschwerderecht unterliegen.

Massnahmen könnten also von den beschwerdeberechtigten Verbänden vor Gericht gezogen werden, um deren Rechtmässigkeit zu überprüfen. Beschwerdeberechtigte Verbände sind insbesondere der Schweizer Vogelschutz, Pro Natura oder der WWF. «Insgesamt muss deshalb die Arbeit der Behörden von Kanton und Bund in dieser Angelegenheit fachlich fundiert und rechtlich korrekt sein, von Vorteil ist auch ein gutes Einvernehmen zwischen Behörden und Verbänden auf Kantonsebene bezüglich des Umgangs mit dem Schwan», sagt Martin Baumann.

Gibt es andere Lösungen?

Karin Kayser lässt noch offen, ob man sich mit einem positiven Entscheid zum Gesuch aus Bern überhaupt begnügen würde. Die Konferenz der kantonalen Jagddirektoren stelle ebenso wie Nidwalden die grundsätzliche Sinnhaftigkeit der Einzelabschüsse, also des kaskadenmässigen Ablaufs bis zur schlussendlichen Regulierungsmassnahme, in Frage. «Auch wenn unser Gesuch bewilligt wird, müsste trotzdem jeder Kanton bei gleichen Problemen das ganze Verfahren durchlaufen wie wir, also ebenfalls Abschüsse vornehmen», erklärt Karin Kayser. «Es könnte geprüft werden, unter welchen Umständen beispielsweise das Eierstechen für die Kantone legitim würde, oder ob der Schwan dafür aus dem Schutzstatus entlassen werden könnte.»

Parlament definiert jagdbare

Arten Martin Baumann vom Bafu verweist auf die geltende Gesetzeslage. «Der Schwan wurde 1984 vom eidgenössischen Parlament zur geschützten Tierart erklärt, das Parlament könnte ihn auch wieder zur jagdbaren Tierart erklären, was zahlreiche kantonale Probleme beim Umgang mit den Schwänen lösen würde.» In begründeten Sonderfällen könne auch der Bundesrat den Schutzstatus einer Tierart anpassen, dies durch entsprechende Änderung der Jagdverordnung. Dies hat der Bundesrat im Jahr 2012 mit der Saatkrähe oder dem Rebhuhn gemacht, wobei diese Massnahmen bei der Saatkrähe mit deren schnellen Populationszunahme und den dadurch entstehenden Schäden begründet wurde, beim Rebhuhn mit der Gefahr des Aussterbens. Beim Schwan hingegen sei keine solche dramatische Veränderung erkennbar, weshalb dessen Schutzstatus Sache des Parlaments sei»

Anpassungen am Jagdgesetz und der Liste der jagdbaren Tiere muss grundsätzlich das Parlament vornehmen, es braucht also dort entsprechende Vorstösse. Wohl noch dieses Jahr wird der Nationalrat eine Motion des Bündner Ständerats Stefan Engler zum Jagdgesetz behandeln, in dem es im Zusammenhang mit dem Wolf ebenfalls um die Frage erweiterter Eingriffsmöglichkeiten bei geschützten Arten geht. Die Motion wurde im Ständerat bereits angenommen. Es wäre also möglich, dass dabei auch der Schutzstatus der Schwäne oder der Spielraum zum Umgang mit ihnen ein Thema wird.

Philipp Unterschütz