Nidwaldner Autor auf der Suche nach der alles erklärenden Antwort

Der in Bern lebende Buochser Peter Zimmermann hat seinen ersten Roman veröffentlicht. «Was der Igel weiss» spielt zu einem grossen Teil in Nidwalden.

Christian Hug
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Autor Peter Zimmermann.

Autor Peter Zimmermann.

Bild: PD

Für seine Doktorarbeit hat Peter Zimmermann über die Gesellschaftstheorie von Theodor Adorno geforscht – ein beinharter Brocken über einen der gnadenlosesten philosophischen Theoretiker der Neuzeit. «Seither habe ich keinen einzigen Satz von Adornos Schriften mehr gelesen», sagt Peter Zimmermann, und man freut sich geradezu für ihn, denn wer tut sich Adorno schon freiwillig an ... Aber irgendwie musste das sein.

Als Peter Zimmermann, Jahrgang 72, aufgewachsen in Buochs, 1992 am Kollegi Stans die Latein-Matura absolviert, fasste er zwar den Beschluss, dass er irgendwann mal einen Roman schreiben wolle. Einfach so. Aber zuerst kam das Studium: Philosophie an der Uni Bern mit besagtem Doktorat über Adorno 2005. Dann unterrichtete er einige Jahre am Kollegi Stans, was er an der Uni Bern gelernt hatte. Er wechselte an zwei Mittelschulen im Kanton Bern und wurde schliesslich Fachdidaktiker an der Uni Fribourg. So heissen Lehrer, die Lehrer lehren. Das war 2012. «Es war nur ein 65-Prozent-Pensum», erzählt Zimmermann, «aber es reichte für ein Auskommen in Bern.» Denn fast noch wichtiger war: Zimmermann war inzwischen in seiner wissenschaftlichen Laufbahn ordentlich vorwärtsgekommen, und nun wollte er endlich seinen Traum verwirklichen. Die restlichen 35 Prozent seines Arbeitspensums wollte er dem Schreiben widmen. Seine Partnerin Elisa ermutigte ihn zu diesem Schritt, «nun mach endlich», sagte sie.

Gewagt, geschrieben. Ein erster Schreibversuch war 100 Seiten lang, «stark autobiografisch», wie der Autor sagt, und verschwand in der Schublade. Gut gemeint, mässig geraten. Zimmermann hatte nie einen Schreibkurs besucht. Er ist ein Autodidakt. Er machte in literarischen Online-Foren mit, in denen man sich gegenseitig unterstützt, und schrieb einfach drauflos. «Im Chatroom ‹Wortkrieger› habe ich über tausend Beiträge zu Texten von anderen Teilnehmern geschrieben – und umgekehrt sehr viele Reaktionen auf meine Texte erhalten.»

Der neue Roman des Buochsers Peter Zimmermann.

Der neue Roman des Buochsers Peter Zimmermann.

Bild: PD

2015 fing er an, Kurzgeschichten zu schreiben. Im selben Jahr konnte er seine erste Publikation feiern, die Kurzgeschichte «Am Schwarzhorn» in der Literaturzeitschrift «Das Narr», was die Kurzform ist für «Das narrativistische Literaturmagazin». Wie es sich für aufstrebende Jungliteraten gehört, machte er fleissig bei Literaturwettbewerben mit, gewann sogar den einen und anderen Preis. Das sind schöne Erfolge für einen, der seine Form als Schreiber suchte. Bis heute hat Peter Zimmermann 20 Kurzgeschichten geschrieben. Zehn davon sind bereits in verschiedenen Periodika veröffentlicht. Was bedeutet, dass mit den zehn anderen eventuell ein Schatz unentdeckter Perlen seiner Entdeckung harrt.

Eigene Jugend als Vorlage

Dann wagte er sich endlich an seinen ersten Roman. Es sollte um dieselben Themen gehen, mit denen sich Zimmermann auch in seinen Kurzgeschichten auseinandersetzt: Freundschaften und Beziehungen, Schuld und Unschuld, Tiere und der Anstand der Menschen ihnen gegenüber. Konkret: Die Geschichte der Teenager Tom und Patrick, deren Freundschaft in eine schwere Belastungsprobe schlittert, weil sich Tom in Jasmin verliebt. Aber nicht die Liebe ist das Problem, sondern der Umstand, dass sich Jasmin in einer Veganer-Aktivistengruppe engagiert, Tom ihr aus lauter Liebe nacheifert und natürlich irgendwann in ernsthafte Schwierigkeiten gerät, die auch Patrick betreffen. Als Rahmenhandlung und Spannungskicker erzählt der Autor das Wiedersehen seiner beiden männlichen Protagonisten Jahre später in Bern.


Sein Drama siedelt Peter Zimmermann in Nidwalden an, seine Figuren besuchen das Kollegi in Stans, sie bewegen sich am Fusse des Bürgenstocks, tanzen im Jugendlokal Süesswinkel in Buochs und gehen nach Luzern an Konzerte. Logo: Hier schöpft der Autor aus seiner eigenen Biografie. «Tatsächlich basieren die Grundlagen meiner Geschichte auf meinem eigenen Leben. Im Kollegi kenne ich mich aus und ich habe selber im Süesswinkel getanzt», erzählt Peter Zimmermann. «Die Figuren und die Handlung aber sind erfunden. Deshalb habe ich einige Orte, die für Nidwaldner klar erkennbar sind, absichtlich umbenannt. Es soll immer klar bleiben, dass es eine erfundene Geschichte ist.» So heisst denn Stans zwar Stans, aber der Süesswinkel heisst LSB, was die Kurzform für Luftschutzbunker ist. Und das Kollegi St. Fidelis heisst schlicht Schule.

Vernissage abgesagt

«Was der Igel weiss» heisst Zimmermanns erster Roman, er ist 250 Seiten stark mit einem herrlichen Titelbild des Zuger Illustrators Pirmin Beeler und ist mit der finanziellen Unterstützung der Gemeinde Stans beim Verlag Edition Bücherlese erschienen – ein kleiner, aber feiner Verlag in Luzern, der auf hochwertige Schweizer Literatur spezialisiert ist.

Schade nur, dass die Veröffentlichung des Buches in die Zeit der Coronakrise fällt: Die Vernissage und die ersten Lesungen sind ausgefallen. Peter Zimmermann hat als Ersatz eine kleine Heimlesung auf Youtube gestellt, zu finden unter dem Autorennamen und dem Buchtitel.

Alles prächtig also für den aufstrebenden Nidwaldner Jungliteraten. Eine Frage aber bleibt noch: Warum heisst der Roman «Was der Igel weiss», wenn doch gar kein realer Igel vorkommt? Peter Zimmermann antwortet: «Es gibt diesen Satz des griechischen Philosophen Archilochos: Der Fuchs weiss viele Dinge, der Igel aber die eine grosse Sache. Was bedeutet: Der Igel weiss die eine grosse Antwort, die alle Fragen dieser Welt erklärt. Genau diese Antwort sucht meine Figur Tom.»

Peter Zimmermann: Was der Igel weiss. Edition Bücherlese, 250 Seiten.