Nidwaldner Landschreiber Hugo Murer: Abschied in Zeiten von Corona

Die Coronakrise hat auch die letzten Tage seiner 38-jährigen Karriere beim Kanton dominiert. Hugo Murer hat sich den Gang in die Pension anders vorgestellt.

Philipp Unterschütz
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Hugo Murer an seinem Arbeitsplatz im Regierungsgebäude.

Hugo Murer an seinem Arbeitsplatz im Regierungsgebäude.

Bild: Philipp Unterschütz (Stans, 12. März 2020)

Drei Bananenschachteln voller Akten. So viel wird der Nidwaldner Landschreiber Hugo Murer Ende März beim Staatsarchiv abliefern. Als er 1999 – damals noch als Landratssekretär – sein Büro zügelte, sorgte er bei den Archivaren für einen Schock. 28 Bananenschachteln mit Tausenden Akten aus dem Land- und Regierungsrat und sogar noch von der 1996 abgeschafften Landsgemeinde waren zu klassieren und abzulegen. Der Übergang in die digitale Welt, die er als massive Verbesserung ansieht, war nur eine von vielen Veränderungen, die Hugo Murer in seinen 38 Jahren in verschiedenen Aufgabengebieten beim Kanton miterlebte ...

So oder ähnlich sollte der Beitrag beginnen, der die letzten Tage von Landschreiber Hugo Murer im Dienst des Kantons Nidwalden beschreiben wollte. Ende dieses Monats wollte der kürzlich 65 Jahre alt gewordene Beckenrieder nämlich in Pension gehen. Doch seit dem ursprünglichen Gespräch mit ihm sind über zwei Wochen vergangen. Zwei Wochen, in denen das Coronavirus die Welt verändert hat – auch in Nidwalden. Und trotz aller Überraschungen und Erlebnisse, die eine Berufskarriere in so verantwortungsvollen Ämtern mit sich bringt, seine letzten Arbeitstage verlaufen auch für Hugo Murer ganz anders, als er es sich noch vor kurzer Zeit ausgemalt hat.

Verabschiedung fällt dem Coronavirus zum Opfer

«Auch ich arbeite mittlerweile im Homeoffice», erzählte er in einem weiteren – diesmal telefonischen – Gespräch am vergangenen Wochenende. Die Weisungen des Bundes nimmt er ernst. Aus dem Amt als Landschreiber scheiden wird er deshalb aber umständehalber still und leise. Die offizielle Verabschiedung mit anschliessendem Apéro hätte an der Landratssitzung am 1. April stattfinden sollen. Die Sitzung wurde abgesagt – ebenso wie die internen Verabschiedungen von Arbeitskollegen.

Weil nun auch noch sein Nachfolger Armin Eberli dieser Tage an Covid-19 erkrankt ist, wird Hugo Murer vorerst weiter arbeiten – aus heutiger Sicht bis voraussichtlich Mitte April. «Wir haben zurzeit auch noch Krankheitsfälle beim Rechtsdienst. Wir müssen die vorhandenen Ressourcen möglichst gut und effizient einsetzen», schreibt er am Freitagmorgen auf unsere Anfrage per E-Mail.

Hugo Murer nimmt es gelassen. «Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Verabschiedung findet einfach später in besseren Zeiten statt», meint er pragmatisch. «Alle müssen sich nun von Tag zu Tag anpassen. Und ich habe momentan auch gar keine Zeit, daran herum zu studieren.» Tatsächlich treiben ihn in seinen letzten Amtstagen ganz andere Probleme um.

Es stellen sich ganz neue Fragen

Es geht in der Coronakrise plötzlich um essenzielle politische Rechte auf kommunaler und kantonaler Ebene. «Wir mussten noch nie eine Abstimmung verschieben, wie es nun am 17. Mai mit der Teilrevision des Steuergesetzes der Fall ist. Es stellen sich ganz neue Fragen.» Auch die Nidwaldner Gemeinden, wo die Gemeindeversammlungen abgesagt werden mussten, an denen die Bürgerinnen und Bürger Entscheide fällen sollten, erwarten Beratung über das weitere Vorgehen. «Wir müssen das mit ihnen absprechen und koordinieren, um möglichst eine einheitliche kantonale Lösung zu finden», sagt Hugo Murer. 

Das andere Themengebiet, das ihn in diesen Tagen herausfordert, ist die Wirtschaft. «Von Grossbetrieben bis zu selbstständigen Künstlern – was können und müssen wir auf kantonaler Ebene machen?» Für Lösungen auf solche Fragen braucht es stabile rechtliche Grundlagen.

Keiner kennt die Nidwaldner Gesetze so gut wie Hugo Murer

Schon vor der Krise war Hugo Murer die erste Anlaufstelle im Kanton in rechtlichen Fragen. Nicht nur, weil er ausgebildeter Jurist ist, sondern, weil sich kaum einer so intensiv mit den Gesetzen des Kantons befasst hat wie er. Heute hat Nidwalden eine Gesetzessammlung in neun Bänden. Als Murer 1981 als juristischer Mitarbeiter in die Standeskanzlei eintrat, gab es diese Sammlung noch nicht. Seine erste Aufgabe war es, eine solche mit der Gesetzbuchkommission systematisch aufzubauen, Gesetze zu verfassen und bestehende widersprüchliche Bestimmungen zu bereinigen. Durch diese Arbeit hat er enorm wichtige Kenntnisse gewonnen: «Wenn man die Entstehungsgeschichte eines Gesetzes kennt, versteht man es viel besser. Man weiss, vor welchem Hintergrund es entstanden ist und was der Gesetzgeber erreichen wollte!»

Trotz der turbulenten Zeiten: Hugo Murer geht gelassen in Pension. Sein Nachfolger als Landschreiber, der noch bis Ende März amtierende Landratssekretär Armin Eberli, ist seit vergangenem Sommer bekannt, arbeitet ebenfalls seit vielen Jahren beim Kanton und kennt als Murers Stellvertreter die Materie bestens. Die Informationen fliessen, die Übergabe erfolgte Schritt für Schritt. Anders als im August 2009, als der damalige Landratssekretär Hugo Murer von einem Tag auf den anderen den völlig überraschend verstorbenen Landschreiber Josef Baumgartner ersetzen musste und wochenlang beide Positionen innehatte. «Das hat mich schon geprägt. Da war nichts abgesprochen. Das zeigte mir, wie das Schicksal spielen kann.»

Landschreiber Hugo Murer an seinem Arbeitsplatz im Regierungsgebäude.
12 Bilder
Hugo Murer als Landratssekretär an der letzten Landsgemeinde am 28. April 1996 in Stans (sitzend rechts). Am Rednerpult Landammann Hanspeter Käslin.
Marsch anlässlich der letzten Landsgmeinde am 28. April 1996 in Stans. Von links: Landratssekretär Hugo Murer, mit den Regierungsräten Beatrice Jann, Paul Niederberger, Marianne Slongo, Hugo Kayser
Landschreiber Hugo Murer mit Bundesrat Ueli Maurer (re) am 5. Juli 2019.
Hugo Murer (Mitte) mit Landammann Alfred Bossard und Bundesrat Ueli Maurer (rechts) am 5. Juli 2019 in Stans.
Die Grünen Nidwalden reichen Unterschriften für das Referendum gegen die Teilrevision des Steuergesetzes ein. Leo Amstutz (Präsident der Grünen Nidwalden), Jeannette Mauron (Vorstandsmitglied Grüne Nidwalden) und Doris Hellmüller (Vizepräsidentin Grüne Nidwalden, von links) übergeben die Unterschriften an Landschreiber Hugo Murer.
Thomas Wallimann (IG ZB-Pendler) und Daniel Daucourt, Präsident VCS-Sektion Ob-/Nidwalden übergeben Landschreiber Hugo Murer am Bahnhof Stans die Petition für bessere Verbindungen nach Luzern.
Roland Blättler (links) vom Kurverein Kehrsiten übergibt im Januar 2016 Landschreiber Hugo Murer die Petition mit über 300 Unterschriften für bessere Schiffsverbindungen nach Kehrsiten.
Übergabe der Unterschriften für die Initiative zur Abschaffung der Handänderungssteuer in Nidwalden im Juni 2011 (v.l.): Peter R. Wyss, Landschreiber Hugo Murer, Bruno Duss und Beat Stauffer.
Urs Steiger (links), Projektleiter und Vorstandsmitglied beim Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee, überreicht Hugo Murer, Landschreiber von Nidwalden, im Mai 2011 in Beckenried eine Charta für den Vierwaldstättersee.
Landrat am 30. Juni 2010 im Rathaus Stans. Vorne von links: Ratssekretär Hugo Murer, die Regierungsräte Res Schmid, Yvonne von Deschwanden und Hugo Kayser.
Michèle Blöchliger, Präsidentin der SVP Nidwalden, überreicht am 23. Dezember 2004 Landratssekretär Hugo Murer im Beisein von weiteren SVP Exponenten die Volksinitiative für die Reduktion der Regierungsräte von 7 auf 5.

Landschreiber Hugo Murer an seinem Arbeitsplatz im Regierungsgebäude.

Bild: Philipp Unterschütz (Stans, 12. März 2020)

Landsgemeinden sorgten für viel Adrenalin

Eine der grössten Umwälzungen, die er in seiner Amtszeit miterlebte, war die Abschaffung der Landsgemeinde 1996. Als Landratssekretär hatte er noch fünf Landsgemeinden begleitet. «Der Reiz war das Unberechenbare. Ein Adrenalinstoss, stressig, wir waren angespannt und nervös. Vor einer Landsgemeinde haben wir nie viel gegessen», erzählt Murer. Es sei wichtig gewesen, das Volk zu spüren. «Wer gute Argumente hatte, konnte an einem Tag sein Anliegen durchbringen. Wer hingegen andere schlechtmachte, hatte keine Chance.» Seit 1981 – seinem Beginn im Dienste des Kantons – habe sich der Umgang miteinander polarisiert und heute würde angesichts des Aufwands bei politischen Anträgen sehr genau überlegt, wie gross die Chancen dafür seien. Ob aber Landsgemeinde oder Urnenabstimmung, beide Systeme hätten Vor- und Nachteile.

Mit seiner eigenen Pension habe er sich erst im Zuge der Nachfolgeregelung befasst, erzählt Hugo Murer. Aber jetzt freue er sich wirklich. «38 Jahre Fremdbestimmung sind genug. Mein Leben war abhängig vom Terminplan des Regierungs- und Landrats.» Beispielsweise hätte er nie wählen können, wann er in die Ferien wollte. Oder die Proben des Seebuchtchors Buochs-Ennetbürgen: Da habe er wegen Terminkollisionen etwa die Hälfte gefehlt.

Gewöhnen wird er sich aber sicherlich daran müssen, dass mit der Pension auch Schluss ist mit der Rolle des wohl am besten informierten Mannes im Kanton. Der Informationsfluss wird schlagartig gekappt. Er werde sich aber mit Sicherheit nicht einmischen mit Ratschlägen, wie man es ab und zu beobachten könne.

Vorläufig gibt es nur Absagen für Institutionen und Vereine

«Ich hatte bisher zwei Regierungen, eine vom Kanton und eine zu Hause. Jetzt ist es dann nur noch eine», scherzt Hugo Murer und macht damit klar, dass er sich sehr wohl Gedanken über seine neue Rolle gemacht hat. Das «Eindringen ins Reich» seiner Frau sieht er aber nicht als Problem. Gemeinsam hat das Ehepaar auch einen Kurs von Pro Senectute zur Vorbereitung auf die Pension besucht. «Ich habe gedacht, ich weiss schon vieles. Aber der Kurs war wirklich sehr vielfältig mit medizinischen, psychologischen oder finanziellen Themen. Empfehlenswert», bilanziert Hugo Murer.

Nun wird er Zeit haben fürs Wandern, Pilzsammeln, Skifahren, Kochen, Gartenarbeiten, Konzertbesuche oder Singen. Und eine längere Reise in den australischen Frühling ab September plant das Ehepaar. Eines will Hugo Murer aber mit Sicherheit nicht machen: «Ich werde mindestens sechs Monate keine Zusagen für Ämter oder Beratungen von Vereinen oder Institutionen annehmen.» Bereits sind diverse Anfragen eingegangen, die er alle abgelehnt hat. Seinen Kalender will Hugo Murer jetzt endlich selber bestimmen.

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