OB- UND NIDWALDEN: Handyverbote an Schulen sind umstritten

An vielen Schulen ist die Nutzung von Smartphones streng reguliert, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt. Ist das noch zeitgemäss? An den Gymnasien gibt es Zweifel, an den Volksschulen weniger.

Franziska Herger
Drucken
Teilen
An gewissen Schulen sind Handys auf dem Pausenplatz verboten, an anderen nicht (gestellte Szene). (Bild: Reto Martin)

An gewissen Schulen sind Handys auf dem Pausenplatz verboten, an anderen nicht (gestellte Szene). (Bild: Reto Martin)

Franziska Herger

franziska.herger@obwaldnerzeitung.ch

Vornübergebeugte Kinder und Teenager, ihrer Umwelt entrückt, die Augen gebannt am Bildschirm eines Smartphones klebend – ein bekanntes Bild in vielen Familien und nach den Ferien bald auch wieder auf Pausenplätzen, sollte man meinen. Doch eine Umfrage unserer Zeitung in Ob- und Nidwalden zeigt: Obwohl in sämtlichen befragten Schulen Kurse über den richtigen Umgang mit Smartphones, Internet und sozialen Medien abgehalten oder die Themen gleich in den Unterricht eingebaut werden, haben sich viele Schulen zusätzlich für ein totales oder zeitweises Handyverbot entschieden.

So etwa an den Gemeindeschulen Engelberg, wo das Handyverbot auf der Primarstufe vor über zehn Jahren eingeführt wurde. Seit drei Jahren gilt es auch auf der Oberstufe. Hintergrund seien Fälle von Sexting (Versenden intimer Bilder per Chat oder SMS) und Mobbing mittels Chats und sozialer Medien gewesen, sagt Schulleiter Joe Kretz. «Das kam zwar nicht gehäuft vor, aber wenn es in der Schule geschieht, ist diese automatisch involviert.»

Werde das Handy in die Freizeit verbannt, seien solche Fälle dagegen ausschliesslich Sache der Eltern. In den ersten Jahren hätte ab und zu ein Handy wegen eines Regelverstosses konfisziert werden müssen, so Kretz. «Das Kind musste es dann abends mit einem Elternteil abholen. Peinlich, aber wirksam.» Heute sei das kaum mehr nötig.

Vom totalen Verbot zur (fast) freien WLAN-Nutzung

Die Lungerer Schulleiterin Annelise Zimmermann findet, Schüler sollten in den Pausen «miteinander etwas machen», statt sich gegenseitig SMS und Snapchat-Nachrichten zu schreiben. Wie in Engelberg sind daher auch in Lungern Handys während der Schulzeit tabu. «Ausnahmen sind aber zulässig, etwa wenn ein Oberstufenschüler für einen potenziellen Lehrbetrieb erreichbar sein muss», erklärt Zimmermann. Eine der strengsten Regelungen hat die Stiftsschule Engelberg. Schülern, die gegen das Handyverbot während des Unterrichts (und für die jüngeren Schüler auch während der Pausen) verstossen, wird das Smartphone bis zu 48 Stunden entzogen. Das werde von den Eltern mitgetragen, sagt Prorektor Tobias Barmettler auf Anfrage.

Die Kantonsschule Obwalden in Sarnen kennt dagegen das Handyverbot nur im Unterricht. Wer es trotzdem benutzt, muss für ein Putzämtli antraben. «In den Pausen dürfen die Schüler dagegen unser WLAN nutzen», sagt Rektor Patrick Meile. Die Schüler unterschreiben vor Schulantritt Richtlinien, wonach sie gewisse Seiten, etwa gewaltverherrlichende oder pornografische, nicht besuchen dürfen.

Bei jedem Läuten der Blick aufs Handy

«Wir versuchen, den Schülern den richtigen Umgang mit dem Internet und den sozialen Medien beizubringen und appellieren an Informationsabenden auch an die Verantwortung der Eltern», so Meile. «Ein komplettes Verbot wäre realitätsfremd.»

In Nidwalden gibt es – gleich wie in Obwalden – keine kantonale Regelung zur Handynutzung in der Schule. Die Richtlinie «Problemfall Handy» aus dem Jahr 2012 empfiehlt Schulen jedoch, die Handynutzung in der Schulhausordnung zu regeln. Das ist etwa in Buochs geschehen. Auf der Primarstufe war die Handynutzung schon immer verboten. Seit 2016 müssen elektronische Geräte auch für Oberstufenschüler «während Schulzeit und Pausen auf dem Schulareal vollständig ausgeschaltet und nicht sichtbar sein». Eine Reaktion auf einen unbefriedigenden Zustand, sagt Schulleiter Piero Indelicato. «Wir mussten feststellen, dass bei jedem Läuten für die Fünf-Minuten-Pausen zum Zimmerwechseln viele Schüler sofort aufs Handy starrten. Das wirkte störend.» Die Umstellung sei für die Schüler anfänglich schwierig gewesen, so Indelicato. «Doch inzwischen ist das für alle völlig normal und akzeptiert.»

Am Kollegi Stans sind sich die Lehrer uneinig

Ähnlich ist es in Hergiswil, wo Oberstufenschüler das Handy während der Schulzeit abgeben und Primarschüler es zumindest ausschalten müssen. «Die Schüler sind weniger abgelenkt, weniger nervös», sagt Gesamtschulleiter Peter Baumann. Und wiederholt Joe Kretz’ Erfahrung: «Phänomene wie beleidigende und mobbende Chatnachrichten und Filmchen verschieben sich in die Freizeit.» Nicht ganz einig über die Wirksamkeit des Handyverbots ist man sich dagegen im Kollegi Stans. Die Regelung, wonach Smartphones jeweils morgens für Erst- bis Drittklässler verboten sind, werde gerade überdacht, sagt Rektor Patrik Eigenmann.

Zwar hätten sich die Schüler gut daran gewöhnt. Doch teilweise bräuchten sie die Smartphones für ihre Tages- und Arbeitsorganisation. Zudem sei die Durchsetzung unpraktisch. «Ein Lehrer sieht in den Pausen nicht jedem Schüler sofort an, ob er ins Untergymnasium geht», so Eigenmann. Wie weiter? «In der Lehrerschaft gibt es Stimmen, die das Verbot aufheben wollen, andere wären gleich für eine handyfreie Schule», sagt der Rektor. Bald soll die Entscheidung für das nächste Schuljahr fallen. Eigenmann kann sich etwa vorstellen, handyfreie Wochen abzuhalten. «Damit die Schüler wieder einmal fühlen, wie es ohne ist.» Persönlich sei er gegen ein komplettes Verbot. «Damit greift man in eine Lebenswelt ein, in der die Jungen nun mal stecken.»

Engelberg denkt über Abschaffung nach

Und auch in Engelberg will man neue Wege gehen und denkt über eine Abschaffung des Handyverbots nach. «Schüler sollen künftig ihre eigenen elektronischen Geräte für die Schularbeit im Unterricht mitnehmen», erklärt Joe Kretz. «Kinder, die keine haben, erhalten eines von der Schule», skizziert er die Pläne, die jedoch noch nicht spruchreif seien. «Aber in der Pause lassen auch künftig alle ihre Geräte im Schulzimmer.»