OBERDORF: Karl Lussi googelt auch ohne Computer

Karl Lussi hat ein phänomenales Gedächtnis: Nicht nur Zahlen sind abgespeichert, auch die Geschichten darum herum kennt er im Detail.

Rosemarie Bugmann
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Karl Lussi im Stall bei den Kälbern, die er jeden Tag füttert. (Bild Corinne Glanzmann)

Karl Lussi im Stall bei den Kälbern, die er jeden Tag füttert. (Bild Corinne Glanzmann)

11. Januar 1951? «Das war ein Donnerstag.» Karl Lussi braucht nicht lange für die Antwort, die natürlich stimmt. Er spricht leise, lächelt manchmal, dann wieder ist er ganz ernst. Ein feingliedriger Mann, kurz geschorene Haare, ein freundliches Gesicht ganz ohne Falten. Karl Lussi ist 85 Jahre alt. «Ich bin noch immer ledig und bleibe es wohl auch», sagt er. Sein ganzes Leben hat er in Oberdorf verbracht, zuerst auf dem Hof seiner Eltern und später im neuen Haus daneben. Sein Bruder hatte den elterlichen Hof übernommen, jetzt ist bereits die nächste Generation am Zug. Karl Lussi hat immer im Betrieb mitgeholfen. Auch heute noch ist er nicht ganz untätig. «Ich schiebe de Buitsche ’s Fueter zueche», sagt er. Auf Deutsch: Er füttert die Kälber. Eine Lehre hat er nie gemacht, und das Kollegi kam auch nicht in Frage. «Während der Kriegszeit waren die Knechte im Militärdienst, da gab es doppelte Arbeit, und es hat jeden gebraucht», erklärt er.

Gereist: nein, gewusst: alles

In seinem Kopf aber ist alles abgespeichert, was irgendwie mit Geschichte, Wetter oder Geografie zu tun hat. Er kennt nicht nur die Daten, sondern auch die Ereignisse dazu, Telefonnummern, Höhenmeter und viele andere Details mehr. 8. Mai 1945? Die Frage kommt von Karl Lussi. Klar, Kriegsende, das ist irgendwo drin. «Es war ein Dienstag», sagt er, und «ich kann mich gut erinnern.» Aber er weiss nicht nur Dinge, an die er sich erinnern kann. Er kennt auch Daten aus der Geschichte. 1291, Gründung der Eidgenossenschaft, ein Datum, das die meisten kennen. Karl Lussi aber weiss mehr. Er rattert den ganzen Bundesbrief herunter, auswendig, ohne nur einmal zu zögern.

Ein paar Minuten später ist das Thema die Geografie. Nein, nein, gereist sei er nie, sagt er. Das Weiteste war ein Feuerwehrausflug nach Liechtenstein am 31. Juli 1949. Es war sehr heiss. Dann erinnert er sich an den 23. August im gleichen Jahr. «Da gab es ein schweres Gewitter mit 30 Blitzeinschlägen in Nidwalden.» Nachprüfbar ist das auf die Schnelle nicht. Aber es wird schon stimmen, wie alle seine Daten und Zahlen.

Er weiss es einfach

In seiner Freizeit ist und war Karl Lussi oft unterwegs, zum Beispiel in den Bergen. Heute noch geht er gerne aufs Stanserhorn, aber nicht mehr zu Fuss. «Das Hotel liegt auf 1850 Metern, der Kulm auf 1898», erwähnt er so nebenbei. Er weiss es, weil es oben so angeschrieben ist. Wie steht es mit dem Schwalmis? Da ist nichts angeschrieben. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. 2246 Meter. «Ich weiss es einfach», sagt er bescheiden und lächelt. Auf jede Frage weiss er eine Antwort. Er kennt alle Pässe, wohin sie führen, wie hoch sie sind und wann die Eröffnung war sowie das Wetter dazu. Zu jedem Datum oder Ereignis hat er eine kleine Geschichte zu erzählen, selbst erlebt oder nicht. Fernsehen schaue er nicht oft, nur Meteo, sagt er. Dazu liest er jeden Morgen die Zeitung. Bei diesem Kopfspeicher könnte ein Computer vor Neid erblassen. «Ich weiss nicht, wie man einen Computer bedient», sagt er. Und überhaupt, er sei nur ein mässiger Schüler gewesen.» Geschichte und Geografie hatte ich lieber als Französisch.» Das hindert ihn aber nicht daran, die Geschichte von Napoleon zu erzählen, gespickt mit den dazugehörenden Daten, der Grösse der Heere und sonstigen Details.