OBERDORF: Mehr Zeit für andere statt für Virtuelles

Der Amoklauf von München im Juli ging durch die Medien. Das Ehepaar Gander hielt sich damals ganz in der Nähe auf. Vor allem das Verhalten Mitbetroffener machte die beiden Oberdorfer nachdenklich.

Marion Wannemacher
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Maya Gander ist derzeit mit ihrem Mann Hans in Ecuador unterwegs. (Bild: PD)

Maya Gander ist derzeit mit ihrem Mann Hans in Ecuador unterwegs. (Bild: PD)

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@nidwaldner­zeitung.ch

Damit hatten Maya und Hans Gander nicht gerechnet. Ein Kurztrip nach München sollte es werden. Das Ehepaar sass in einem City-Tour-Bus und befand sich damit nur ein paar hundert Meter entfernt von dem Ort beim Olympia-Park, wo sich ein Drama abspielte. Dort in einem Einkaufszentrum tötete ein 18-jähriger Schüler 9 Menschen und verletzte 4 weitere. Mehr als 30 Personen verletzten sich auf der Flucht oder bei Paniken.

Unmittelbar davon betroffen fühlte sich das Ehepaar, als es im «Weissen Bräuhaus» einkehrte und Schüsse vom Marienplatz zu hören waren. «Die Leute kippten Tische um, gingen hinter diesen in Deckung, Gläser und Teller zerbrachen», berichteten die beiden Oberdorfer damals in unserer Zeitung.

Ein halbes später denke sie nicht mehr häufig an den Terroranschlag zurück, schreibt Maya Gander uns per E-Mail. Zurzeit befindet sie sich mit ihrem Mann auf einer Studienreise in Ecuador. Zum Glück konnten die beiden ihre Erlebnisse offensichtlich gut verarbeiten: «Für mich war es gut, zu Hause meinen Freunden das Erlebte zu erzählen», sagt Maya Gander. Dabei habe ihr auch unser Zeitungsbericht geholfen.

Filmen mit dem Handy, statt Erste Hilfe zu leisten

Ein Erlebnis erschütterte damals die 54-Jährige und ihren Mann besonders: Eine Frau hatte sich im «Weissen Bräuhaus» an den Scherben tiefe Schnittwunden zugezogen. Doch statt ihr zu helfen, zückten die anderen Gäste ihre Handys, um das Chaos im Restaurant zu filmen. Später hiess es dann in Medienberichten, dass genau solche Handybilder und -filme wohl zusätzlich für Angst und Panik gesorgt hätten.

Maya Ganders Fazit zum Jahreswechsel: «Meine Denkweise und Weltanschauung hat sich leider nur bestätigt seit München. Für mich war München mein drittes schweres Erlebnis.» Sie erlebte mit ihrem ersten Mann den Wirbelsturm «Lothar», der dessen Motorradatelier in Büren verwüstete. Damals seien Schaulustige aus der ganzen Schweiz angereist. «Auch damals waren die Fotos wichtiger, als Hilfe anzubieten», erinnert sie sich. «Mein erster Mann starb an den Folgen eines medizinischen Unfalls.»

Heute sagt Maya Gander: «Wir Menschen sind nicht mehr krisenresistent. Durch den Egoismus, das Wegsehen haben wir sehr viel Herzlichkeit verloren. Jedoch Nächstenliebe, wirkliches Helfen in der Not beim Nächsten, glaube ich, kennen nur wenige», sagt sie.

Die beiden Nidwaldner jedenfalls erkannten damals die Not der Frau und halfen ihr, einen Druckverband auf die blutende Wunde zu legen. Die Ganders blieben bei ihren Erfahrungen nicht stehen. Sie äussern auch ihre Meinung: «Ich wollte und will immer noch die Menschen aufrütteln und zum lebensnahen Denken ermuntern», sagt Maya Gander heute.

Zum Thema Schicksal hat sie ihre eigene Einstellung. «Durch meine Schicksalsschläge habe ich erlebt, dass es kommt, wie es kommen muss. Es sterben mehr Menschen an den Folgen eines medizinischen Unfalls oder an Spitalviren als an Terroranschlägen.»

Hoffnung auf handyfreie Zonen irgendwann

Für 2017 hat sie klar definierte Wünsche: «Dass sich die Menschen wieder mehr Zeit nehmen für die Familie, für die Mitmenschen und für sich selber und weniger Zeit in der virtuellen Welt im stillen Kämmerlein verbringen. Ich wünsche mir, dass sie wieder lernen, mit Menschen zu kommunizieren und nicht mit Maschinen.»

Vielleicht bringe uns ja die Zukunft nicht nur rauchfreie, sondern auch handyfreie Zonen. «Zeit haben und Zeit verschenken, das ist unser grösster Luxus und ist Lebensqualität.»

Und noch eine Quintessenz zieht Maya Gander aus den Ereignissen von München: «Wir alle haben 24 Stunden jeden Tag zur Verfügung. Also kann ich jeden Tag neu entscheiden, mit wem und womit ich diese Zeit verbrauche.»