OBWALDEN: Für einen Augenblick Herr der Lüfte

Schnelle Maschinen und waghalsige Sprünge: Auf Melchsee-Frutt drückten Schneetöff-Fahrer am Samstag auf die Tube. Es war das erste Rennen dieser Art in der Zentralschweiz.

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Spektakel im Schnee: Beim Zielsprung hebt ein Pilot mit seinem Schneetöff ab. (Bild Roger Grütter)

Spektakel im Schnee: Beim Zielsprung hebt ein Pilot mit seinem Schneetöff ab. (Bild Roger Grütter)

Lautstärke war das eine – auch fürs Auge wurde etwas geboten. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
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Regel nummer 1: Die Kurve richtig kriegen. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Kein Raumgleiter, sondern ein Schneetöff. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Ein Schneetöff hebt ab. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Seine Verfolger jagen ihm fliegend nach. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Wer wagt den höheren Sprung? (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Ein Quartett stiebt davon. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Nummer 71 hat keinen Bodenkontakt. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Eine Gruppe auf wildem Ritt. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Die 7 will hoch hinaus. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Die 69 geht in die Luft. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Stilstudie "s'Männli mache". (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Hier hat einer Schräglage. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)
Aber eben, das Rennen vergeht wie im Fluge. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)

Lautstärke war das eine – auch fürs Auge wurde etwas geboten. (Bild: Roger Gruetter | Neue LZ)

Oliver Mattmann

Das Adrenalin steigt schon beim Zuschauen. Wenn die Schneetöff-Fahrer über bucklige Hügel bergauf «walzen», um die Kurven schiessen und dann mit hohen Tempi ihre 230 Kilogramm schwere Vehikel noch durch die Lüfte fliegen lassen, geht die Post ab. Der 50-jährige Walliser Marcel Köppel spricht von einem «Kick», aber nicht «auf Biegen und Brechen». Der ungleich jüngere Pilot Loic Michel (24) aus Châtel-St-Denis liebt an diesem Sport vor allem die Sprünge. «Den Zuschauern wird eine grössere Show geboten. Das war vor zehn Jahren mit flacheren Kursen noch nicht der Fall.»

Motorengeheul versus Bergidylle

«Das Schneetöff-Rennen auf der Frutt ist das erste dieser Art überhaupt in der Zentralschweiz», sagt Josef Agner (29), der den Wettkampf mit den schnellen 180-PS-Boliden zusammen mit dem Töff-Treff Obbürgen organisiert. Und gleich bei der Premiere ists der finale Durchgang der 17. Snowcross-Schweizer-Meisterschaft. Für Agner, der seit ein paar Saisons selber wettkampfmässig fährt, soll es nicht dabei bleiben. «Es wäre toll, wenn jedes Jahr ein Rennen hier stattfindet. Was wir dafür tun können, ist eine gute Show abzuliefern. Der Rest ergibt sich von alleine.» So einfach ist es dann aber auch wieder nicht. Die Organisatoren mussten ausweisen, dass sie das Renngelände vorschriftsgemäss absperren, und eine Versicherung für Haftungsfälle abschliessen, um die Bewilligung zu erhalten. Und natürlich mussten Tourismus und Sportbahnen Melchsee-Frutt ihren Segen geben.

Auf den ersten Blick wollen die Bergidylle und Ruhe, die von vielen Gästen hier bewusst gesucht wird, und ein Rennen mit aufheulenden Motoren nicht wirklich zusammenpassen. «Wir haben diese Diskussion auch geführt», bestätigt Thomas Keiser, Marketingleiter der Sportbahnen, «und es wurden Bedenken geäussert.» Doch liege die Strecke in einem Gebiet fernab den üblichen Wegen von Tagesgästen. «Diese werden nicht gestört.» Zudem weise man von der Pistenfahrzeug-Meisterschaft bereits Erfahrungen mit solchen Anlässen auf. «Bisher sind uns nie negative Rückmeldungen zu Ohren gekommen», so Keiser.

Szene hat bescheidene Grösse

Snowcross hat seinen Ursprung in den USA, Kanada und Skandinavien. Unterdessen hat sich die Sportart auch im Alpenraum und Osteuropa ausgebreitet. Hierzulande ist die Szene relativ klein und vor allem in der Westschweiz angesiedelt. «Es sind seit Jahren die üblichen Verdächtigen an den Rennen», sagt Josef Agner aus dem nidwaldnerischen Obbürgen zum Kreis der rund 30 Fahrer. Er hofft daher insgeheim, dass das gestrige Rennen positiv auf mögliche Nachwuchsfahrer abfärbt. Allerdings verwundert nicht, dass nur wenige diesen Sport ausüben. Ein neuer Schneetöff kostet um die 15 000 Franken, gute Occasionen etwa die Hälfte. Und wer das Gefühl hat, die Piloten sitzen bloss bequem in ihrem Sattel und bewegen das Steuer ein bisschen hin und her, der irrt. «Das geht ganz schön an die Substanz. Bei löchrigen Pisten werden die vielen Schläge zur Tortur», so Agner. Wer konditionell nicht auf der Höhe sei, habe an den Rennen nichts verloren.

Denkbar ist aber auch, dass für viele das Bild von Benzinfressern in der verschneiten Natur schlichtweg nicht aufgeht. Unlängst haben Umweltschutzverbände wie Pro Natura Trainings- und Spassfahrten im Gelände abseits der Rennpisten kritisiert. Auch Agner sagt: «Fahren im Wald ist für mich ein Tabu.» Er wehrt sich aber dagegen, Schneetöff-Fahrer generell als Umwelt-Sündenböcke abzustempeln. «Dann müsste man auch Besitzer von Luxusautos an den Pranger stellen.» Er betont zudem, die Frutt-Piste liege ausserhalb von Naturschutzgebieten und Gewässerzonen. Daher empfinde er einen einzelnen Renntag wie der gestrige als vertretbar.