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Kolumne

Passfahrt ins Mittelalter

Franziska Ledergerber wirft in ihrem «Ich meinti »einen Blick zurück in die Vergangenheit.
Franziska Ledergerber
Franziska Ledergerber.

Franziska Ledergerber.

Auf unserer Rückfahrt aus dem Süden ging es in Airolo für einmal nicht gerade in die Röhre oder rechts den Gotthardpass hoch, sondern links dem Ufer des Ticino entlang durch das Bedrettotal und in kurvigen Serpentinen hinauf zum Nufenenpass. Je näher wir der Passhöhe kamen, desto hektischer wurde die Fahrt. Vor uns ein Wohnmobil, das gleichsam vor jeder Kurve einen Sicherheitshalt einlegte und hinten, satt am Heck, ein «Schtürmi», der immer wieder zu Überholmanövern ansetzte, diese aber stets abbrechen musste, weil ihn entgegenkommende Autos und Motorräder daran hinderten. Alles in allem eine nervige Angelegenheit, die uns den ungetrübten Blick auf die Schönheit der kargen Berglandschaft gründlich verdarb.

Wie kann man nur, werden Sie jetzt denken. Wie kann man sich mitten im Sommerferienverkehr eine solche Fahrt antun? Diesem Einwand würde ich zustimmen, hätte uns im Vorfeld nicht Werner Rysers Roman «Walliser Totentanz» in seinen Bann gezogen. Schauplatz ist das Oberwallis in den Jahrzehnten zwischen den Burgunder- und Mailänderkriegen, von 1460 bis 1530. Mit akribischer Genauigkeit hat der Autor recherchiert, Originaltexte gelesen und geschickt das Weltgeschehen mit Regionalpolitik und dem Leben in der Dorfgesellschaft verwoben.

Das Wallis jener Epoche ist gespalten zwischen zwei mächtigen Einheimischen: dem Kriegsherrn Georg Supersaxo, der zum französischen König hält, und dem papsttreuen Kardinal Matthäus Schiner. Zankapfel ist Oberitalien, um dessen Besitz die Eidgenossen skrupellos mitkämpfen. Im Zentrum steht die Kräuterfrau Magdalena Capelani aus Münster. Das Dorf ist angewiesen auf ihr Wissen um die Heilkräfte der Natur und verdächtigt sie zugleich als Hexe. Der Luzerner Bildschnitzer Jörg Keller spielt eine ebenso wichtige Rolle. Im Auftrag von Kardinal Schiner schnitzt er für die Kirche in Münster einen bedeutenden Hochaltar. Darin gibt er seinen Heiligenfiguren das Antlitz lebender Vorbilder. So hat er auch Bruder Klaus in der berühmten Holzstatue verewigt, die im Stanser Rathaus zu besichtigen ist.

Inzwischen waren wir in Münster angelangt, parkierten an der viel befahrenen Kantonsstrasse und begaben uns, an schwarz gekleideten Einheimischen vorbei, zur Kirche. Eben hatte eine Beerdigung stattgefunden. Weihrauch hing noch in der Luft. Den Altarraum durften wir nicht betreten, aber auch vom Kirchenschiff aus berührte uns die Schönheit und Vollkommenheit dieses spätgotischen Hochaltars.

Die Fahrt ging nun weiter über den Grimsel- und Brünigpass, wo uns ein Car mit der Aufschrift «Jungfrau Bus» entgegen kam. In einem Interview zog Werner Ryser einmal Parallelen zur heutigen Zeit und zum Irrsinn des Islamischen Staates (IS): «Der Mensch ist des Menschen Wolf.» Der IS sei wohl 500 Jahre im Verzug. Im Zusammenhang mit dem IS und seinen Schergen, denen im Himmel siebzig Jungfrauen versprochen wären, bescherte uns der «Jungfrau Bus» in der engen Kurve eine etwas gruselige Assoziation. Der Bus indessen war mit einer bunten Schar von Touristen unterwegs nach Grindelwald zum Jungfraujoch.

Unwillkürlich überkam mich ein Gefühl der Demut und Dankbarkeit in einer freien, humanistisch orientierten Gesellschaft, im Hier und Jetzt, leben zu dürfen.

Franziska Ledergerber, Hausfrau und ausgebildete Lehrerin, Hergiswil, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

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