Seeklang Festival betritt Neuland

Beim ersten Seeklang Festival in Hergiswil wird in vielerlei Hinsicht Neuland betreten. Die Premiere ist geglückt.

Kurt Liembd
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Eröffnung des ersten Seeklang Festivals mit Elodie Théry, Marija Bokor, Jesper Gasseling, Miao-Yu Hung und Hayaka Komatsu (von links).

Eröffnung des ersten Seeklang Festivals mit Elodie Théry, Marija Bokor, Jesper Gasseling, Miao-Yu Hung und Hayaka Komatsu (von links).

Bild: Kurt Liembd (Hergiswil, 6. August 2020)

«Terra Nova» – unter diesem Titel steht das erste Seeklang Festival, das während vier Tagen in Hergiswil über die Bühne geht. Der Auftakt am Donnerstag in der Aula Grossmatt war vielversprechend und offenbarte vom ersten Ton an, auf welch hohem Niveau sich die jungen Künstler bewegen. Zum «Terra Nova», was lateinisch etwa «Neuland» bezeichnet: Zwar werden keine Uraufführungen gespielt, jedoch wird Neuland in anderer und verschiedener Hinsicht betreten. Zum einen ist es schon Neuland, dass im Lopperdorf erstmals ein klassisches Festival über vier Tage stattfindet.

Wer weiss, wie sich dies entwickeln wird. Auch die Klassik-Festivals in Gstaad, Davos oder im Engadin haben ja mal klein angefangen. «Terra Nova» bedeutet aber auch, dass man Bestehendes für sich neu entdeckt. Jesper Gasseling erklärt es so: «Diese Entdeckerlust, auch in traditionellen Werken, ist zentral für die Seeklang-Philosophie.»

Junge Künstler zeigen Mut für zeitgenössische Musik

Neu zu entdecken gab es bereits einiges am Eröffnungsabend vom Donnerstag und ebenso am Freitag. So schien es gewagt, das Festival mit Darius Milhaud, einem der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, zu eröffnen. Es zeugt jedoch von Mut und Entschlossenheit der jungen Künstler, das Publikum in die musikalischen Sphären des 20. Jahrhunderts zu entführen. Die fünf Künstler boten einen Ausflug in die Polytonalität auf höchstem Niveau. Wie der Komponist dabei verschiedene Tonarten «frech» übereinanderstellt, dürfte für einige Zuhörer durchaus «Terra Nova» gewesen sein. Aufgeführt wurde die Ballettmusik «La Création du Monde» (Erschaffung der Welt). Es war eindrücklich, welche brodelnde Dramatik und Vielfalt an Stilelementen dabei zu Tage kam.

So entdeckte man gar Elemente aus Jazz, Avantgarde bis zu Polyrhythmik. «Das klingt teilweise nach Gershwin», brachte es Christoph Heeb, Mitglied der Kulturkommission Hergiswil, treffend auf den Punkt. Die jungen Künstler, das sind der Hergiswiler Jesper Gasseling und Miao-Yu Hung (Violine), Hayaka Komatsu (Bratsche), Elodie Théry (Cello) und Marija Bokor (Klavier).

Gestern spielten zudem noch Polina Yarullina (Cello) und die Hergiswilerin Andrea Loetscher (Flöte), die in Bachs Flötenkonzert brillierte.

Im zweiten Teil des Eröffnungskonzertes stand das Klaviertrio in B-Dur des grossen Meisters Beethoven auf dem Programm, mit der Hauptsolistin Marija Bokor sowie Jesper Gasseling (Violine) und Elodie Théry (Cello). Dieses berühmte Klaviertrio bewegte sich musikalisch in einer anderen Welt, erwies sich aber als ebenso überraschend wie Darius Milhaud. Beethovens Klaviertrio mit seinen vier ausgedehnten Sätzen und einer Spieldauer von rund 45 Minuten nimmt fast symphonische Ausmasse an.

Von mild bis überschwänglich

Die Interpreten wurden nicht müde, bis zum letzten Takt auf höchstem Niveau zu agieren. Ihr Spektrum reichte von milder Stimmung und elysischem Wohlklang bis zu überschwänglichen, walzerartig schwingenden Freudenausbrüchen. Auch gelang es ihnen auf wundersame Weise, einen gewissen Humor, dem Beethoven oft innewohnt, auszuloten. Eine über­ragende Pianistin und zwei Streicher liessen «Terra Nova» auch hier entdecken. Jesper Gasseling spielte auf einer 400 Jahre alten italienischen Violine.

Das Publikum überschüttete die Künstler mit reichem Beifall, sodass diese gerne noch eine populäre Zugabe spielten in Form des populären «Libertango» vom argentinischen Komponisten Astor Piazolla.

Weitere Konzerte: Samstag, 8. August um 19.30 Uhr (Thema «Inventions») und Sonntag, 9. August um 18 Uhr (Thema «Expansions»), jeweils in der Aula Grossmatt Hergiswil. Dauer jeweils rund eine Stunde. Vorverkauf und Infos: www.jespergasseling.com.