Francesca Cacciatori reiste für die Musik um die Welt

Die Pianistin lebt seit über 50 Jahren in Nid- und Obwalden. Sie unterrichtete in Engelberg und wohnt heute in Emmetten.

Zéline Odermatt
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Francesca Cacciatori zu Hause an ihrem Flügel. (Bild: Corinne Glanzmann, Emmetten, 6. August 2019)

Francesca Cacciatori zu Hause an ihrem Flügel. (Bild: Corinne Glanzmann, Emmetten, 6. August 2019)

Bald wird Francesca Cacciatori 90 Jahre alt. Ein Meilenstein. Aber nur einer von vielen in ihrem Leben. Die gebürtige Venezianerin kam schon als Kind zur Musik. Ihre Eltern, ein Arzt und eine Malerin, hatten das so entschieden. «Ich und meine Geschwister mussten alle Klavier lernen», erzählt Francesca Cacciatori bei einem Besuch in ihrer Wohnung in Emmetten, in der ein Flügel die Hälfte des Wohnzimmers einnimmt. Mit 18 Jahren hatte sie das Konzert-Diplom in der Tasche. «Ich dachte, was mache ich jetzt?», erzählt sie.

Die Ungewissheit hielt nicht lange an: Ein Dirigent entdeckte ihr Talent und mit Anfang 20 tourte sie bereits als Cembalo-Solistin mit einem Orchester durch Europa. «Das war eine sehr schöne Zeit», erinnert sich die 1979 eingebürgerte Schweizerin. Im Orchester war auch der Bruder des berühmten italienischen Pianisten, Arturo Benedetti Michelangeli. «Ich war jung und habe gedacht, dass das noch gut klingen würde, wenn ich Francesca Benedetti Michelangeli hiesse.» Sie verlobten sich, aber kurze Zeit später löste sie die Beziehung wieder auf. «Der Name ist eben nicht alles», so die Pianistin. Über das Ende der Romanze war jemand anders glücklich, Vittorio Cacciatori. Er spielte als Violinist im selben Orchester. «Innerhalb von zwei Monaten waren wir verheiratet», erzählt die Künstlerin lächelnd. «Wir haben sofort begonnen, zusammen Musik zu machen.»

«Engelberg war perfekt für uns»

Nach ihrer Zeit im Orchester reisten sie zu zweit für Konzerte durch ganz Europa. In die Schweiz, genauer gesagt nach Engelberg, verschlug es das Paar 1965 – natürlich um ein Konzert zu spielen. Sie entschieden sich zu bleiben. «Der Ort war perfekt für uns. Im Sommer konnten wir Musikunterricht geben, uns für Sonderkonzerte vorbereiten und im Winter für Konzerte verreisen.»

Die grossen Reisen liessen auch nicht lange auf sich warten. In Engelberg lernten sie nach einem ihrer Konzerte die Familie Costa kennen, die sich ab den 1960er-Jahren im Kreuzfahrtgeschäft etablierte und heute eines der bekanntesten Unternehmen im Kreuzfahrt-Sektor ist.

Francesca Cacciatori bei einem Konzert in Engelberg im Jahr 1976. (Bild: Francesca Cacciatori/ Reproduktion: Corinne Glanzmann)

Francesca Cacciatori bei einem Konzert in Engelberg im Jahr 1976. (Bild: Francesca Cacciatori/ Reproduktion: Corinne Glanzmann)

Francesca und Vittorio sagten zu und die Reisen mit dem Kreuzfahrtschiff um die Welt führten sie in den Jahren 1977 bis 1979 auf fast alle Kontinente. Sie waren in Kenia, Mexico, Indien, den USA und sogar im sich damals für die westliche Welt wieder öffnenden China. «Wir waren einige der ersten Touristenschiffe, die nach dem Ende der Kulturrevolution den Fluss nach Schanghai hinauf fuhren.» Das Ehepaar wurde sogar von einem Bodyguard begleitet. Denn Vittorio Cacciatori spielte auf einer «Guarneri del Gesù». Die Violinen des italienischen Geigenbauers sind Millionen wert.

Sie kann alle für die Musik begeistern

Das Leben in Engelberg sah hingegen ganz anders aus. Während Francesca Cacciatori an der Stiftsschule Engelberg und am Konservatorium in Biel fast 40 Schülern pro Woche Unterricht gab, hatte ihr Mann 1977 das Dreikönigskonzert in Engelberg ins Leben gerufen. Er war zudem ab 1978 für das Engelberger Streichorchester wie auch das Kurorchester verantwortlich.

Als Klavierlehrerin sei sie gerne auf die Wünsche ihrer Musikschüler eingegangen und nahm auch Schüler auf, die zunächst wenig musikalisches Talent vorwiesen. «Sie konnte alle für die Musik begeistern», sagt ihre Tochter Ingrid Cacciatori über sie. «Noch heute erhalte ich Telefonanrufe von meinen ehemaligen Schülern. Einige von ihnen waren besonders talentiert», erzählt Francesca Cacciatori stolz. Einer ihrer Schüler wurde Lehrer am Zürcher Konservatorium, ein anderer leitete später die Klassikabteilung für Radio DRS.

Künstler besetzten das Bett des Sohnes

Ein weiteres Erbe von ihr und ihrem Mann Vittorio sind die Engelberger Konzertwochen, die während 25 Jahren jeweils im Juli und August stattfanden. Die Pianistin trat dort als Solistin mit Konzertisten aus aller Welt auf. Viele bekannte Künstler, wie beispielsweise der Schweizer Pianist und Dirigent Mario Venzago, gingen bei den Cacciatoris ein und aus. Ihr Sohn Pier-Giuseppe habe oft um sein Bett im Zuhause der Familie kämpfen müssen, weil so viele Künstler zu Besuch waren. Auch mit dem ersten Kapellmeister am Stadttheater Luzern, Ernst Beer, war die Familie eng verbunden. Francesca Cacciatori spielte als Solistin unter ihm und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Luzern (AML).

Francesca Cacciatori fotografiert vor einem Plakat der Engelberger Konzertwochen 1972. (Bild: zvg)

Francesca Cacciatori fotografiert vor einem Plakat der Engelberger Konzertwochen 1972. (Bild: zvg)

Tägliche Konzerte in Kursaal und -park

Daneben gaben die Eheleute Konzerte als Duo und Trio mit einem italienischen Cellisten. Fast täglich traten sie dreimal im Kursaal oder Kurpark in Engelberg auf. Ein grosser Aufwand, wie die Pianistin erzählt: «Wir hatten drei Outfitwechsel, am Abend musste natürlich eine Abendgarderobe her.» Sie seien jedoch ein eingespieltes Team gewesen: «Es war wie atmen für uns. Jeder wusste, wie der andere spielt, Notenblätter brauchten wir keine.» Am wichtigsten sei ihr der Kontakt zum Publikum. «Am schönsten ist es, wenn der Funke überspringt und magische Momente entstehen», erzählt sie. Durch die Jahre ist die Künstlerin bescheiden geblieben: «Das ist mein Beruf. Wenn sich Menschen daran erfreuen, dann erfüllt mich das.»

Francesca Cacciatori am Klavier mit ihrem Mann Vittorio Cacciatori (links) an der Violine. (Bild: zvg)

Francesca Cacciatori am Klavier mit ihrem Mann Vittorio Cacciatori (links) an der Violine. (Bild: zvg)

Das Orgelspielen brachte sie sich selbst bei

Obwohl sie nun schon länger pensioniert ist, spielt sie bis heute regelmässig Orgel in der Kirche. «Die Pfarrei wollte, dass ich sofort beginne, als ich nach Emmetten gezogen bin», sagt Cacciatori. Das Orgelspielen hat sie sich selbst beigebracht. «Das Instrument hat Ähnlichkeiten mit dem Cembalo», deshalb sei es ihr leicht gefallen, erklärt sie. «Ich mache das zum Spass.» Aufhören will sie noch lange nicht. «Jeden Sonntag ruft mich meine Tochter an, um zu fragen, wie es in der Kirche gelaufen ist, und ich sage immer: ‹Tipptopp. Es ist alles gelungen, wir waren erfolgreich.›» Etwas zusammen zu bewirken und sich daran zu erfreuen, belebe jeden. Für ihren 90. Geburtstag wünscht sie sich vor allem eines: Ruhe. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie und ihre Instrumente in der nahen Zukunft verklingen werden.