Ski alpin
Wenn Frieren schöner ist als Schwitzen

In Oberrickenbach lebt die skiverrückte Familie Christen und die Eltern leisten Aussergewöhnliches zu Gunsten der vier Kinder.

Ruedi Wechsler
Merken
Drucken
Teilen

Es kommt selten vor, dass die sechsköpfige Familie vollzählig zu Hause anzutreffen ist. Am letzten Freitagabend war dies wieder mal der Fall. Die «Nidwaldner Zeitung» packte diese Gelegenheit und traf sich mit der Skifamilie im Eigenheim. Vater Erwin war in seiner Jugend ein erfolgreicher Skirennfahrer und fünf Jahre als Profi in den USA und Japan unterwegs. In Arosa lernte er seine grosse Liebe, Skilehrerin Margret, kennen. Sie fragte sich bei ihrer ersten Ankunft im engen kleinen Tal, wo sie denn hier oberhalb von Wolfenschiessen gelandet sei?

Die Familie Christen auf dem Jochstock im Rahmen des Projektes «I believe in you».

Die Familie Christen auf dem Jochstock im Rahmen des Projektes «I believe in you».

Bild: Ruedi Wechsler (Oberrickenbach, 18. April 2021)

Das Rennvirus der beiden übertrug sich auf die Kinder. Die Familie sieht sich als gewöhnliche und sportbegeisterte Familie, die mit Schule, Arbeit und Hobbys den hektischen Alltag bewältigt. Erwin zählt Skifahren, Wandern, Velofahren und Freeriden zu seinen Hobbys. Liedermacher Peter Reber ist sein Vorbild.

Intensives Familienleben fördert Teamspirit

«Das gemeinsame Hobby Skifahren fördert unseren Familienzusammenhalt stark. Unzählige Erlebnisse wären ohne die identischen Interessen undenkbar», stellt Erwin fest. Pro Woche investiert er mindestens einen Tag in die Rennbetreuung, Transport oder Material. Ein bis zwei Stunden pro Tag wendet der Elektromonteur für die Skipräparation auf. Diese Saison hat er mindestens 220 Paar Ski für seine Kinder vorbereitet. Auf die Frage, warum in Nidwalden eine Generation mit grossem Potenzial heranwächst, meint Erwin:

«Wir als kleiner Kanton haben kurze Wege, kennen einander und sind super strukturiert.»

Das Fundament sei mit der Begabtenförderung Hergiswil gelegt worden und das hätten sie vor allem der Gruppe um Walti Odermatt (Vater von Beinah-Weltcup-Sieger Marco) zu verdanken. «Sie war der Dosenöffner und schaufelte den beschwerlichen Weg frei für unseren Nachwuchs.»

Margret erholt sich momentan von einer Kreuzbandoperation. Sie arbeitet 60 Prozent bei der Kriminalpolizei Nidwalden. Die Familie ist ihr Wichtigstes und bedeutet ihr alles. «Glücklicherweise wusste ich anfangs nicht, was da auf mich zukommt. Aber man wächst langsam hinein. Mein Job, die Alltagsorganisation, Transporte, Schultermine und Renntage bringen mich schon mal an die Grenzen», sagt Margret und ergänzt: «Die Freude am gemeinsamen Erlebnis mit der Familie entschädigt für den grossen Aufwand. Ebenso die sportlichen Fortschritte und die Erfolge der Kinder tragen dazu bei.» Auf die grösste Herausforderung angesprochen meint Margret: «Das ist die ganze Organisation, damit alle zur richtigen Zeit mit dem richtigen Material am richtigen Ort sind. Zudem darf die Schule nicht hintenanstehen und die ganze Administration muss ebenso bewältigt werden.» Erwin und Margret, die auch JO-Chefin des SC Bannalp-Wolfenschiessen ist, bezeichnen Nidwalden als Skikanton.

Powern bis zur Erschöpfung

Anja, die 17-Jährige und zugleich älteste der vier Jugendlichen, besucht das zweite Gymnasium der Sportmittelschule Engelberg. Das Mitglied des Nationalen Leistungszentrums Mitte von Swiss Ski, mit dem Helmsponsor Pilatus Flugzeugwerke, zählt zu den Jahrgangsbesten. Ihr Lieblingsskigebiet ist die Bannalp, wo sie auf viele schöne Erlebnisse zurückblickt. Ihr Ziel ist der schnellstmögliche Weg ins C-Kader und zu ihren Stärken sagt die Slalom- und Riesenspezialistin: «Ich bin ehrgeizig und gehe im Kraftraum an meine Grenzen. Im Ausdauerbereich kann ich mich bis zur Übelkeit quälen.»

Crowdfunding «I believe in you»

Skiklubmitglied Corina Durrer besucht in Chur die Sportmanagementschule. Mit einer Studentengruppe arbeitet sie an einem Projektauftrag (effiziente Beratung oder ein Crowdfunding) für Firmen, Sportler oder Teams. Die einzige Bedingung ist eine Olympic-Talent-Card. Bei der Familie Christen sind Anja, Andre und Remo im Besitz dieser Talent-Card. Corina Durrer hatte die Idee, dieses Projekt mit einer Familie zu lancieren, und klopfte bei Familie Christen an, ob sie sich als Statisten beteiligen würden. Das Projekt wurde von der Schule bewilligt. Familie Christen musste dem Projektteam ein Wochenende für Filme, Interviews und Fotos zur Verfügung stehen. Den Rest erledigt das Team mit der Vermarktung und der Präsentation. Bei «I believe in you» wird es ab Mittwoch für 40 Tage aufgeschaltet. Wird das angestrebte Ziel erreicht, müssen die Teilnehmenden einen Projektbericht darüber verfassen.

David ist eine Minute vor seinem Zwillingsbruder Andre zur Welt gekommen. Wenn er sich zwischen seinen Sportarten Skifahren und Eishockey – er spielt beim EHC Engelberg – entscheiden müsste, würde sich der Fan des HC Ambrì-Piotta und des SC Bern für das Eishockey entscheiden. «Ich fahre Animationsrennen und unterstütze meine Geschwister als Motivator.»

Umgeben von den verschiedensten Skimodellen: die Familie Christen daheim im Skikeller; von links: Erwin, André, Margret, Anja, David und Remo.

Umgeben von den verschiedensten Skimodellen: die Familie Christen daheim im Skikeller; von links: Erwin, André, Margret, Anja, David und Remo.

Bild: Ruedi Wechsler (Oberrickenbach, 18. April 2021)

Andre besucht die zweite Oberstufe an der Begabtenförderung Hergiswil. Er ist im U16-Kader des Zentralschweizer Schneesport-Verbands und trainiert im Nidwaldner Skiverband. Letzte Saison führte der 14-Jährige die Swiss-Ski-Punkteliste beim starken Jahrgang 2006 an und sagt: «Für die Renneinsätze gibt es mir ein gutes Gefühl und viel Motivation. Mein Traum ist eine Profikarriere und ich möchte später einmal im Weltcup zum Einsatz kommen.»

Auf den Spuren von Marco Odermatt

«Mit derselben Einstellung meines Vorbilds Marco Odermatt möchte auch ich in die Rennen starten. Meine Konkurrenten im Ziel sollen wissen, dass da oben noch einer steht, der auf das Podest steigen will.» Geduld zählt nicht zu seinen Stärken und meint dazu:

«Früher konnte ich nicht verlieren und suchte die Fehler bei den Trainern, Daddy oder dem Material.»

Andre lobt seine Trainer Heiko Hepperle und Dominik Zimmermann. «Fachlich, technisch und organisatorisch sind sie top. Sie sehen die kleinsten Details und können sofort korrigierend eingreifen. Ich kenne keine ähnlich guten Trainer.» Für den jüngsten Spross Remo (13) steht der Spass am Skifahren im Vordergrund und er sagt: «Ich bestreite sehr gerne Skirennen. Ich will aus Fehlern lernen, nicht stehen bleiben, und mich stetig verbessern. Faszinierend finde ich, dass die ganze Familie die gleichen Interessen verfolgt.» Grosse Dankbarkeit der vier Skicracks sind während des Gesprächs spürbar. Sie geht an ihre Eltern, die dieses aussergewöhnliche Familienunternehmen erst ermöglichen.