«... spülen, bitte!»

Karl Tschopp schreibt in seinem «Ich meinti »über Erlebnisse bei seinem Zahnarzt.

Karl Tschopp
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Karl Tschopp. (Bild: PD)

Karl Tschopp. (Bild: PD)

Hören Sie diese Stimme auch? Sie haben richtig geraten, es ist mein Zahnarzt, der das sagt. Man versteht ihn kaum, denn er spricht hinter einem Mundschutz, mit einer Lupenbrille ausgerüstet und mit surrenden Handgeräten. Bewaffnet wie ein futuristischer Krieger im Schneetarnanzug sitzt er seitlich vor mir und beugt sich nach getaner Erst-Arbeit über mich, so als würde er sich tatsächlich interessieren, ob ich noch atme. Ich antworte wortlos mit einem Nicken und beuge mich trotz leichter Rückenschmerzen nach vorne zu der Schale mit dem vollen Glas mit rosafarbenem Wasser. Ich will endlich den Spülvorgang einleiten und das jetzt nicht mehr rosafarbene Dreckwasser ausspucken, alles peinlichst genau beobachtet von der Dentalassistentin. Weil mein Mund schläft und das Wasser an meinen Mundwinkeln unkontrolliert herunterläuft, fühle ich mich seltsam und hilflos ausgeliefert, lasse mich aber tapfer wieder nach hinten fallen und der «Unmensch» nimmt seine Arbeit wieder auf.

Wieso wird man eigentlich Zahnarzt? Diese Frage wurde übrigens nie richtig wissenschaftlich geklärt. Ganz böse Zungen behaupten, es müsse eine gewisse sadistische Veranlagung vorhanden sein. Andere sagen, das Geschick von Händen und Fingern sei entscheidend, nämlich auf kleinstem Raum Hand anzulegen, um für das dentale Wohl zu sorgen. Von den ersten zarten Milchbeisserchen bis hin zum prunkvollen Gebiss begleitet uns der Zahnarzt, um sich mit der grössten Fehlkonstruktion unseres Körpers zu befassen. Solange nämlich der Mensch lebt, faulen ihm die Zähne, wenn er nicht alles Erdenkliche dagegen unternimmt. Und fallen diese auch noch aus, dann wachsen nach den «zweiten Zähnen» keine mehr nach. Die Berufswahl ist wirklich eigen, denn wer geht schon gerne das ganze Arbeitsleben auf die Jagd nach Bakterien mit Aussicht auf das schreckliche Innenleben einer Mundhöhle.

In der Warteecke der Praxis meines Zahnarztes liegt ein kleines Büchlein, inhaltlich als «Fortbildungskurs» für Zahnarzt-Patienten gedacht. Meine ersten Bedenken beim schnellen Durchlesen hatte ich schon auf Seite 4: Dort wird behauptet, Zahnärzte seien Menschen wie Sie und ich. Auch verschiedenartige Patienten sind im Büchlein beschrieben, das geht vom lieben Patienten bis zum arroganten Sack. Auch von misstrauischen und ängstlichen Patienten ist die Rede. Letztere sind wohl in der Überzahl vorhanden. Dass es dann noch verschiedene «Spültypen» gibt, hat mich dann doch noch zum Schmunzeln gebracht. Kurzspüler als Minimalisten, Leertrinker als Maximalisten, Spülterroristen, die alle fünf Minuten spülen wollen, und Spülverweigerer, die nur ausspucken, trocken und dafür mit langen Fäden.

Ich meinti, Zahnärzte sind, immerhin vor und nach der Behandlung, tatsächlich auch nur Menschen. Es ist das Grauen vor dem abgemachten Termin, der uns anderen Menschen jedes Mal eine schlechte vorherige Nacht beschert. Seit meinem Weggang beim Schulzahnarzt, den man nicht aussuchen konnte, bin ich nun bald 45 Jahre beim selben Zahnarzt. Also macht er doch einiges gar nicht so übel, denn das Verbleiben beim selben Zahnarzt ist auch immer Vertrauenssache. Vertrauen einerseits in seine Arbeit und den damit erzielten Erfolg, und anderseits auch darauf, dass er doch hin und wieder schaut, ob ich noch atme.

Karl Tschopp, Rechtsanwalt, Stans, äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.