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ST. NIKLAUSEN: Sie pendelt zwischen Kloster und Gefängnis

Seit 35 Jahren pendelt die Dominikanerschwester Irmgard zwischen ihrer Klostergemeinschaft Bethanien und dem Frauengefängnis bei Schwäbisch Gmünd. Mit ihren Besuchen will sie den inhaftierten Frauen Hoffnung und Zuversicht für einen Neuanfang bringen.
Norbert Kiechler
Schwester Irmgard fährt nach dem Besuch eines Frauengefängnisses zurück in die Schweiz. (Bilder Norbert Kiechler)

Schwester Irmgard fährt nach dem Besuch eines Frauengefängnisses zurück in die Schweiz. (Bilder Norbert Kiechler)

Soeben hat der Intercity Stuttgart verlassen. Entspannt sitzt Schwester Irmgard im Waggon und lässt die Landschaften vor ihren Augen vorbeigleiten. Wieder liegt ein volles Wochenpensum mit intensiven Gesprächen im Frauengefängnis bei Schwäbisch Gmünd hinter ihr. Jetzt gehts heimwärts nach Obwalden, in ihr Kloster Bethanien. Zum Auftanken, zur Reflexion und zum Gebet. Doch noch sind ihre Gedanken bei den inhaftierten Frauen. Dabei will ihr ein trauriges Schicksal nicht aus dem Kopf gehen. Das Leben einer Kindsmörderin, die auch nach Jahren der Verurteilung verzweifelt nach Erklärungen ihrer Tat sucht und einfach nicht verstehen kann, dass sie damals ihr eigenes Kind umbrachte.

Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Nun ist sie in eine tiefe psychische Erkrankung gesunken, in einen dumpfen Dämmerzustand, nicht mehr ansprechbar. Dieses endgültige Verstummen einer Person macht Schwester Irmgard zu schaffen. Sie, die mit ihrem geduldigen Zuhören Erleichterung und Zuversicht verbreitet, muss hier ihre Grenzen erkennen, kann die Gefangene nur noch ins tägliche Gebet der Klostergemeinschaft einschliessen. «Und doch bin ich mit dieser Woche zufrieden, ich habe mit neuen Häftlingen erste Gespräche aufnehmen können. Die waren nicht erdrückend, stimmten mich positiv und lassen mich hoffen.»

Eine Vielfalt von Landschaften

Während der Zug unaufhaltsam Richtung Rheinebene zustrebt, flitzen in raschem Nacheinander die Landschaften vorbei – grüne, braune, bebaute, ausgebeutete und zerstörte. Schwester Irmgard gefällt diese Bildfolge. Sie vergleicht sie mit jenen Lebenslandschaften, die sich ihr jeweils auf ihren Gefängnisbesuchen auftun. So denkt sie etwa an jene transsexuelle Frau, die, verstossen von ihren Eltern, menschengefährdende Aggressionen entwickelte und straffällig wurde. «Auch mich versuchte sie vorerst im Gespräch mit verbalen Ausbrüchen zu verunsichern, ich blieb ruhig, liess mich nicht provozieren, hörte ihr einfach zu.»

Freundschaften entstehen

Das wirkte. Die Person habe zu ihr Vertrauen gefasst, und gemeinsam konnten sie die Zukunft nach der Entlassung planen. «Und heute ist es ein flotter Mann, der seinen Alltag meistert. Alle zwei Monate treffen wir uns, zusammen mit zwei, drei anderen ehemaligen Gefangenen, und kochen uns ein gutes Essen», schmunzelt Schwester Irmgard. Dann aber huscht ein strenger Zug über ihr Gesicht. Sie beginnt von einer türkischen Inhaftierten zu erzählen, die ihren Mann in einer Kiesgrube ermordet haben soll, aber das Gericht nicht von ihrer Unschuld überzeugen konnte, dass sie unschuldig sei. Ein Fehlurteil? Eine Wiederaufnahme des Falls scheiterte am plötzlichen Tod ihres Verteidigers. «Solche Gespräche sind für mich bedrängend. Denn wem soll man nun glauben? Der aufgebrachten Inhaftierten oder der Justiz?» Und die Antwort schiebt sie gleich selber nach: «Ich glaube ihr!»

Offene Gefängnistüren

Unzählige Geschichten aus den Begegnungen mit den Häftlingen im Frauengefängnis könnte Schwester Irmgard noch erzählen. Belastende, kurlige, aber auch fröhliche. Da wäre zum Beispiel die kluge Businessfrau mit 100 Angestellten zu erwähnen, die mit einem Geschäftspartner in eine Betrugsaffäre verwickelt wurde und heute vor dem Nichts steht. Oder der Bankräuber, der über die Ikonenmalerei Gott erfahren konnte. Und schliesslich die junge Muslimin, die in der täglichen Andacht auf ihrem Gebetsteppich Ruhe und Kraft holte und zum Abschied ihre Zimmerkollegin und die Klosterschwester mit einem fein einstudierten Bauchtanz überraschte. Eines schimmert bei all diesen Erzählungen durch: das Vertrauen, das die inhaftierten Frauen der Klosterschwester entgegenbringen, auch die Wohltat der befreienden, Mut machenden Gespräche.

Zugang ohne Hürden

Die Gefängnisleitung weiss von dieser Wirkung. Schwester Irmgard hat freien Zugang zu den Wohngemeinschaften hinter den Gefängnismauern: «Ich habe bei meinen Besuchen im Gegensatz zu einer Sozialarbeiterin oder einem Psychologen den Vorteil, dass ich ohne Beamtenstatus oder Rapportpflicht frei und diskret den Insassen begegnen kann. Die Frauen wissen, mein Glaube lässt mich hierher kommen. Einer Klosterfrau kann man alles erzählen, sie ist verschwiegen, man kann ihr voll vertrauen.» Ungewöhnlich ist es ja schon; eine Klosterfrau, die sich der Gefangenen annimmt. Eher würde man sie im Kräutergarten, auf einer Pflegestation oder im stillen Gebet in der Kapelle vermuten.

Eine spezielle Aufgabe

Aber Schwester Irmgard gehört einer besonderen Klostergemeinschaft an, den Dominikanerinnen von Bethanien, vor 150 Jahren in Frankreich von Pater Lataste gegründet. Eines ihrer Anliegen: den Insassen in Frauengefängnissen zuzuhören, ihnen Wertschätzung zu zeigen, sie auf der Sinnsuche zu beglei­ten. Wohl haben inzwischen in den Ge­fängnissen staatliche Sozialdienste diese Aufgaben übernommen, doch Schwester Irmgard sieht weiterhin ihren eigenen Einsatz: «Manche Frauen im Gefängnis suchen eine Ansprechperson, die von aussen kommt, die sich Zeit nimmt und ihnen ein Gefühl des Angenommenseins gibt. Eine Gefangene soll erfahren können, dass ihr Leben nicht verloren ist und dass Gott auch ein gebrochenes Leben erneuern hilft, ganz im Sinne des Gründers Lataste.» Doch nachdenklich fügt Irmgard bei, dass sie nun wohl die letzte Dominikanerschwester hier in der Schweiz sei, die Gefangenenbesuche macht. In ihrer Kommunität Bethanien in St. Niklausen lebten nur noch 14 Schwestern, die meis­ten hochbetagt. Sie selber sei auch bereits über 80 und müsse in absehbarer Zeit wohl auch kürzertreten. Und Neueintritte gebe es schon lange nicht mehr.

Der Geist lebt weiter

Doch dann hellt sich ihr Gesicht unvermittelt auf: «Die Idee von Pater Lataste wird in neuen Formen, getragen von jüngeren Personen, im Frauengefängnis von Schwäbisch Gmünd weiterleben.» Bereits habe eine Kollegin, eine Pastorin, mit einem Grüppchen von ge­fangenen Frauen «Klostertage im Gefängnis» durchgeführt. Schon dreimal mit gutem Erfolg ... Sagts, packt energisch ihr Köfferchen und strebt dem Wa­gen­ausgang zu. Ihr IC hält pünktlich in Karlsruhe. Dort wird Schwester Irmgard auf ihrem Heimweg nach Obwalden einen Zwischenstopp machen, um eine ehemalige Gefangene zu treffen – zu Kaf­fee und Kuchen.

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