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STANS: 14 Tage im Banne von fünf Angeklagten

Gestern startete der aufwendigste Strafprozess in der Geschichte Nidwaldens. Fünf Geschäftsmänner sollen unter anderem teilweise Millionen betrogen haben.
Christoph Riebli
Ein wahrer «Aktenberg» der Staatsanwaltschaft, zusammengefasst in gegen 200 Ordnern, steht derzeit in der Gerichtskanzlei in Stans. (Bild Corinne Glanzmann)

Ein wahrer «Aktenberg» der Staatsanwaltschaft, zusammengefasst in gegen 200 Ordnern, steht derzeit in der Gerichtskanzlei in Stans. (Bild Corinne Glanzmann)

Christoph Riebli

Während die konkreten Tatbestände und das «Drumherum» noch vage erscheinen, herrschte gestern beim Prozessauftakt des aufwendigsten Falles von Wirtschaftskriminalität am Kantons­gericht in Stans vorab in einem Punkt Einigkeit: Immer wieder wurde im Saal, wo sonst der Landrat tagt, nach Trinkwasser verlangt. Durst bereitete den fünf Angeklagten aber nicht ihre Redseligkeit: «Überflogen», «mehr oder weniger gelesen» oder bloss «zur Kenntnis genommen» hätten sie die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, gaben sie bei der persönlichen Befragung wortkarg zu Protokoll.

Für einen trockenen Mund sorgte wohl eher die Aussicht auf den Aktenberg von rund 200 Bundesordnern, die Grundlage für die 200 Seiten starke Anklageschrift des ausserordentlichen Staatsanwalts Thomas Hildbrand sind. Dieser wurde 2010 eingesetzt und gilt als hartgesottener Spezialist für Wirtschaftsdelikte. So stand er etwa schon als Sonderermittler in Zug gegen die Fifa wegen Schmiergeldzahlungen im Einsatz.

Prozess dauert drei Wochen

Der Anfang März wegen eines Formfehlers auf gestern vertagte Prozess gegen die fünf Geschäftsmänner soll bis Ende Monat (14 Verhandlungstage) dauern. Allein für das Plädoyer des Staatsanwalts sind zwei Prozesstage eingeplant. Mit einem Urteilsspruch rechnet Kantonsgerichtspräsident Marcus Schenker nicht vor der ersten Juliwoche. Zum bunten Blumenstrauss von Anklagepunkten gehören etwa Veruntreuung, Betrug, Erpressung, ungetreue Geschäftsbesorgung, betrügerischer Konkurs, Gläubigerschädigung durch Vermögensminderung, Misswirtschaft sowie Urkundenfälschung. Unbekannt sind aktuell die Strafanträge der Staatsanwaltschaft, die erst später gestellt werden.

Die zahlreichen Wirtschaftsdelikte sollen die in Luzern (3), Freiburg (1) und Aargau (1) wohnhaften Männer zwischen 59 und 79 Jahren in wechselnder Konstellation etwa als Verwaltungsräte und/oder Geschäftsführer diverser Firmen begangen haben. Sie haben nur am Rand einen Bezug zu Nidwalden. Grösstenteils erfolgten sie in umliegenden Kantonen, teils schon in den 90er-Jahren. In Nidwalden wird ihnen der Prozess gemacht, da das erste Delikt (Misswirtschaft) eine ab 1995 in Buochs domizilierte Firma betrifft, die 2000 Konkurs anmeldete.

Der eine schwieg, der andere nicht

Die beiden Luzerner P. (59) und S. (62) scheinen in diesem «Wirtschaftskrimi» eine Schlüsselrolle zu spielen. Besonders P., der 2006 sieben Tage in Untersuchungshaft sass, wird in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft als Hauptbeschuldigter geführt. Wie Thomas Hildbrand gestern betonte, hatte dieser bis zur Schlusseinvernahme «von seinem Recht Gebrauch gemacht, die Fragen der Staatsanwaltschaft nicht zu beantworten».

Einiges gesprächiger zeigte sich gestern S., ein ehemaliger Strafverteidiger. Dieser griff Staatsanwalt Thomas Hildbrand an: «Für mich ist es krankhaft, was hier abläuft.» Die Strafuntersuchung sei «blödsinnig» verlaufen. «Es ist fragwürdig, ob man das Verfahren mit Hildbrand überhaupt durchführen will.» Mit der Produktion von 200 Bundesordnern an Material habe er sich aber wohl unersetzbar gemacht, niemand sonst wolle den Fall so übernehmen. Und: Mit dem Prozess belaste man den Nidwaldner Steuerzahler unnötig. «Der Staatsanwalt braucht wohl die Affiche des grössten Kriminalfalls im Kanton», erregte sich S. weiter. «Die Strafuntersuchung wurde voreingenommen und befangen durchgeführt.»

Seinen Unmut äusserte S. im Zusammenhang mit dem Kauf eines Luzerner Bauzulieferers im Jahr 2006, dessen Geschäfte er heute führt. Der ehemalige Mehrheitseigner und Verkäufer reichte im Nachgang Strafklage gegen P. und S. ein – der Kaufpreis in Millionenhöhe wurde nie bezahlt. Für den angeblichen Betrug hätten die Angeklagten einen «substanzlosen Aktienmantel» zur Vortäuschung der nötigen Kaufkraft eingesetzt, heisst es dazu in der Anklageschrift. S. sieht sich hingegen selbst als Opfer und den Verkäufer und Privatkläger als Schuldigen, der von der Staatsanwaltschaft geschützt werde. «Sagen Sie mir, wen ich geschädigt habe», forderte S., der sich als verantwortungsvoller Unternehmer darstellte, das Gericht auf. Die Firma zähle heu­te 43 Angestellte, und es gehe ihr gut.

Verjährte Tatbestände

Nicht anwesend war gestern der älteste Angeklagte (79) aus dem Kanton Aargau, der vom Gericht aus gesundheitlichen Gründen vom Verfahren dispensiert worden ist. Dessen amtlicher Verteidiger stellte zudem den Antrag zur Sistierung des Verfahrens gegen seinen Mandaten wegen verjährter Tatbestände (15 Jahre), die er bestreite.

Das Gericht entschied, bei den Plädoyers, die in den nächsten Tagen gehalten werden, verjährte Sachverhalte nicht zu behandeln, erachtete eine Sistierung jedoch als «nicht sinnvoll», wie der Kantonsgerichtspräsident sagte.

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