STANS: Bagger legt Überraschung frei

Was unter der Platte zum Vorschein kam, liess die Archäologen jubeln. Der 6 Meter tiefe Brunnenschacht aus dem Mittelalter ist ein aussergewöhnlicher Fund.

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Der entdeckte Brunnenschacht sorgte für Staunen – auch bei Grabungsleiterin Alissa Cuipers. (Bilder Corinne Glanzmann/PD)

Der entdeckte Brunnenschacht sorgte für Staunen – auch bei Grabungsleiterin Alissa Cuipers. (Bilder Corinne Glanzmann/PD)

Die Überraschung war perfekt, als der Bauleiter das Archäologenteam am Dienstagvormittag aus dem Znüni holte. Was der Bagger im Gebiet Spittelgasse unter einer Sandsteinplatte ans Tageslicht brachte, erstaunte alle Beteiligten – selbst die Archäologen. Sie schauten in einen rund 6 Meter tiefen Brunnenschacht hinab. Grabungsleiterin Alissa Cuipers spricht von einem Sensationsfund. «Einen so tiefen Brunnen findet man nicht alle Tage.» Nach ersten Erkenntnissen wurde er im Mittelalter erbaut – also vor dem Dorfbrand von 1713. Auch der Fundort überrascht. «Warum hier so nahe am Dorfbach ein Brunnen gebaut wurde, ist für uns ein Rätsel. Möglicherweise wurde hier Frischwasser bezogen», mutmasst Alissa Cuipers. «Hat es Schmuck oder Ähnliches am Brunnengrund?», sei ihr erster Gedanke gewesen. «Man findet die spannendsten, coolsten Sachen in alten Brunnenschächten, Latrinen oder Abfallgruben, wie etwa Schmuck oder andere Gegenstände», erklärt sie. «Denn was herunterfiel, konnten die Leute ja nicht mehr raufholen.»

Grosser Zeitdruck

«Mein Archäologenherz schlug höher, doch ich wäre nie im Leben in diesen schmalen Brunnenschacht hinuntergestiegen, das wäre mir zu gruselig.» Zudem habe man unter grossem Zeitdruck arbeiten müssen, um die Bauarbeiten nicht zu behindern. Noch am selben Tag hat das vom Kanton beauftragte Archäologenteam den Brunnen etwas freigelegt, gezeichnet, vermessen, fotografiert und beschrieben – in einer Art «notfallmässiger» Grabung. Schon tags darauf war vom historischen Fund nichts mehr zu sehen. Er wurde zugeschüttet. Anstelle der abgerissenen Werkstatt, die jahrelang am Fundort stand, entsteht nun ein Parkplatz.

Wegen des grossen Zeitdruckes habe man den Fund nur oberflächlich betrachten können, die Erkenntnis halte sich darum in Grenzen. Zumindest scheint festzustehen, dass der Brunnen zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Sickergrube umfunktioniert wurde.

Der Brunnen bleibt in der Erde, wie er ist. So bleibe er unversehrt, sagt Alissa Cuipers. «Wenn unsere Kinder in 50 oder 100 Jahren an diesem Standort eine Tiefgarage bauen wollen, wissen sie dank der Dokumentation, dass sich hier ein historischer Brunnen befindet, und können ihn abtragen, ohne dass Informationen verloren gehen.»

Die Archäologin spricht von einem bedeutenden Fund, der die Stanser Geschichtsschreibung verändern könnte. «Man ging bis anhin davon aus, dass auf dieser, der östlichen Seite des Dorfbaches im Mittelalter nicht gebaut wurde. Jetzt wurden wir eines Besseren belehrt. Schon vor dem Stanser Dorfbrand 1713 standen hier Häuser.»

Glücklicher Zufall

Einem glücklichen Zufall ist es übrigens zu verdanken, dass die Archäologen am Dienstag innert kurzer Zeit zur Stelle waren: Sie waren einige Meter weiter mit einer anderen archäologischen Bestandesaufnahme beschäftigt, weil dort, im Gebiet der Spittelgasse, zurzeit eine Überbauung entsteht. «Mit Ausnahme des Dorfplatzes von Stans, der 2003 neu gestaltet wurde, ist der Ortskern von Stans archäologisch noch sehr unzureichend erfasst. Das wollen wir nachholen. Wir wollen wissen, was es vor dem Brand schon alles gab», so Alissa Cuipers. Die Hinweise auf Bauten, die aus der Zeit vor dem Stanser Dorfbrand stammen, würden sich tatsächlich verdichten. So kam auch schon eine Ofenkachel aus dem 16. oder 17. Jahrhundert zum Vorschein.

Matthias Piazza