STANS: Das Publikum bestimmt im Theaterwärch den Mörder

In seinem Regiedebüt beim Theaterwärch wagt sich Stefan Wieland an das interaktive Stück «Scherenschnitt». Experiment geglückt.

Marion Wannemacher
Drucken
Teilen
Noch herrscht Alltag im Coiffeursalon von Mario Odermatt (Markus Omlin). Er rasiert Kommissar Lambrigger (Lukas Walpen), seine Angestellte Rita (Luzia Gisler) frisiert Anna Röthlin (Margrit Walpen). (Bild: Marion Wannemacher (Stans, 6. Mai 2017))

Noch herrscht Alltag im Coiffeursalon von Mario Odermatt (Markus Omlin). Er rasiert Kommissar Lambrigger (Lukas Walpen), seine Angestellte Rita (Luzia Gisler) frisiert Anna Röthlin (Margrit Walpen). (Bild: Marion Wannemacher (Stans, 6. Mai 2017))

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@nidwaldnerzeitung.ch

Mario Odermatt ist ein Coiffeur, wie er im Buch steht (wunderbar gespielt von Markus Omlin). Sein Coiffeursalon könnte in Stans, Sarnen, Alpnach oder Buochs sein. Die Angestellte Rita Gerig (perfekt umgesetzt von Luzia Gisler) passt in das Klischee der «blonden Friseuse». Kundinnen wie die geschwätzige und geltungssüchtige Anna Röthlin (eine überzeugende Margrit Walpen) komplettieren die Vorstellung vom Alltag eines Dorfsalons.

Mitten in dieser unspektakulären Welt von Haarspray und ­Rasierschaum geschieht ein Mord. Die einst berühmte Pianistin Klara Czerny, die nur in den Erzählungen der Protagonisten vorgestellt wird, wurde mit einer Schere erstochen. Kommissar Lambrigger von der Nidwaldner Kantonspolizei alias Lukas Walpen (einzigartig in dieser Rolle auch wegen seines Walliser Dialekts) ermittelt. Dabei steht ihm «Meier 1», seine tollpatschige und naive Assistentin (Franziska Filliger bringt die Zuschauer zum Schmunzeln) zur Seite. Alle sechs Charaktere sind dezent überzeichnet, gekonnt im Stile der englischen Krimikomödie.

Jeder könnte der Mörder gewesen sein

Denn rein theoretisch könnte es jeder gewesen sein: der mit Klara Czerny prozessierende Coiffeur, der sich durch das intensive Klavierspiel der Diva gestört fühlt, die auf das Erbe schielende Rita Gerig, die sich in einem Hörigkeitsverhältnis befand. Oder ihr Freund, Alex Laurin (glaubwürdig gespielt von Tobias Aufdermauer), der über Rita Gerig an Erbe und Lebensversicherung der Pianistin möchte.

Das Licht im Saal im Restaurant Engel geht an, Kommissar Lambrigger wendet sich ans Publikum: Er erbittet sich dessen Mithilfe bei der Aufklärung des Falls. Auf den Tischen stehen Klingeln. Zuerst zögern die Zuschauer noch. Doch nachdem ein Theaterbesucher das Eis gebrochen hat, gibt es kein Halten mehr. Hier ein Einwurf, dort eine Wahrnehmung: Hat nicht Meier 1 einen Zettel verloren, den der Kommissar eingesteckt hat? Ist sie am Ende verdächtig? Die Zuschauer überbieten sich in ihren Beiträgen.

Nach der Pause nimmt Kommissar Lambrigger Hinweise am Bühnenrand entgegen. Engagiert wird der Fall diskutiert und analysiert. Immer wieder kommen Details zutage, die auf Ermittlungstalent schliessen lassen. Verblüffen löst die Beobachtung eines Zuschauers aus, dass der Coiffeur sein T-Shirt gewechselt habe, nachdem er den Salon unter einem Vorwand verliess.

Die Schauspieler bleiben gekonnt in ihren Rollen, improvisieren, ihre Figuren rechtfertigen sich. Am Schluss bestimmt das Publikum Rita Gerig mit knapper Mehrheit zur Mörderin. Sie sei das Spielzeug der Pianistin gewesen, gibt diese zu und habe gar mit ihr geschlafen. Und nun sollte sie doch nichts erben: Klara Czerny wollte ihr Testament ändern.

Die Zuschauer waren aktiv, haben sich prächtig unterhalten und applaudieren zum Schluss des Abends kräftig. Ihnen wurde der Spiegel vorgehalten: Welche eigenen Vorurteile haben ihren Blickwinkel bestimmt? Wie genau oder täuschend ist die eigene Beobachtungsgabe?

Die Krimikomödie «Scherenschnitt» von 1963 von Paul Pörtner gehört zu den meist gespielten Stücken der Welt. «Es ist ein Experiment gewesen», bekennt Stefan Wieland, der sich bislang als Schauspieler, Tenor und musikalischer Leiter einen Namen gemacht hat. Mit dem interaktiven Mundartstück gibt er sein Debüt als Regisseur. «Ich bin so glücklich, dass sich die Leute darauf eingelassen haben.» Zu Recht freut er sich, dass kein einziger Charakter abfällt.

Das Theaterwärch ist seit vergangenem Jahr ein neuer Stern am Ob- und Nidwaldner Theaterhimmel. Es kann durch eine frische Inszenierung, überzeugende Spielleistungen und ein stimmiges Bühnenbild an seinen letztjährigen Erfolg anknüpfen.

Hinweis

Weitere Aufführungen in Nid- und Obwalden bis am 20. Mai:

www.theaterwaerch.ch