STANS: Dilara ist das Jubiläumskind im Geburtshaus Stans

Am Sonntag ist das 1000. Baby im Geburtshaus Stans auf die Welt gekommen. Es heisst Dilara und macht ­seine Eltern überglücklich.

Drucken
Teilen
Die überglücklichen Eltern Aline und Cihan halten ihre Tochter Dilara, die am Sonntag als 1000. Baby im Geburtshaus Stans zur Welt kam. (Bild Corinne Glanzmann)

Die überglücklichen Eltern Aline und Cihan halten ihre Tochter Dilara, die am Sonntag als 1000. Baby im Geburtshaus Stans zur Welt kam. (Bild Corinne Glanzmann)

Marion Wannemacher

Gemütlich sitzen Sonja Rösli und Tobias Schmidt am Küchentisch und tauschen sich mit Aline und Cihan Aslan aus. Die Stimmung ist fast wie in einer WG, man trinkt gemeinsam Kaffee. Sonja und Tobias haben hier im Geburtshaus vor vier Monaten Söhnchen Taio auf die Welt gebracht. Sie sind heute zur Beratung da. Aline und Cihan haben am Sonntag ihre Tochter Dilara bekommen. Beide wirken müde, aber zufrieden. «Es ist ein unbeschreibliches Gefühl», sagt Aline über den Moment, als sie ihr Baby zum ersten Mal in den Armen hielt. «Ich war weg vor Erschöpfung – und glücklich.»

Dilara ist ein besonderes Baby und nicht nur für Mutter und Kind Anlass zur Freude: Sie ist das 1000. Kind seit Gründung des Geburtshauses am 1. August 2000. Sie hat bereits ganz lange schwarze Haare, ist 50 Zentimeter lang und bringt 3100 Gramm auf die Waage.

Wie eine Nummer

Dilaras Eltern sind nach eigenen Angaben froh, dass sie sich für eine Geburt im Haus am Rosenweg entschieden haben. «Ich war im Spital zur Kontrolle, das hat mir nicht gefallen», erzählt die junge Frau aus Emmenbrücke. Sie sei sich wie eine Nummer vorgekommen. Eine Kollegin habe die werdenden Eltern auf die Idee gebracht, sich mal das Geburtshaus anzusehen.

Dilara liess auf sich warten. Sie kam 13 Tage nach dem berechneten Geburtstermin auf die Welt. «Bei einer Kontrolle im Spital wurde ich gefragt, ob ich die Geburt einleiten wolle und zu welchem Termin», erzählt Aline Aslan. Diese Frage habe sie empört und ihr bestätigt, dass sie im Geburtshaus richtig sei.

Familiäre Atmosphäre

Auch Sonja Rösli und Tobias Schmidt sind nicht aus dem Kanton Nidwalden. Sie schauten sich sehr genau Spitäler und Geburtshäuser in Luzern an, wo sie auch wohnen. «Hier war es so familiär und persönlich, wir fanden die Atmosphäre sehr wichtig. Du hast das Gefühl, du bist daheim», erzählt Sonja Rösli. Der frischgebackene Papa darf rund um die Uhr bei Frau und Kind im mit Doppelbett ausgestatteten Zimmer bleiben, «und sogar noch bei der Küche mitentscheiden», ergänzt Tobias Schmidt.

Für Fragen da

«Zu uns kommen vor allem Frauen, die aus eigener Kraft gebären wollen», er-klärt Regula Junker, die gemeinsam mit Susanne Leu das Geburtshaus leitet. Eine junge Mutter habe das mal so formuliert: «Bei euch ist immer jemand da, der meine Fragen beantwortet, im Spital ist immer jemand, der mir Fragen stellt.»

Seit den Fünfzigerjahren hätten Frauen in Spitälern geboren, konstatiert Regula Junker. Mehr und mehr seien die sogenannten Interventionen wie Geburtseinleitung, Wehenkontrolle und Saugglocken finanziell für Spitäler attraktiver geworden. Kaiserschnittraten von teilweise über 40 Prozent seien heute keine Seltenheit. Grund dafür sei ihrer Ansicht nach die aktuelle Politik, die das Spital unter die Maxime Gewinn und Verlust stelle. «Natürlich bringt es im Verhältnis weniger Geld, wenn ich eine Frau unter Wehen stundenlang begleite», sagt sie.

«Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind natürliche Prozesse. Unsere Aufgabe ist es, die Frau zu unter-stützen, dass sie dafür ihre Kraft findet und dass sie kompetent wird im Um-gang mit den Wehen und mit dem Neugeborenen», erklärt die 62-Jährige die Philosophie des Geburtshauses. «Unser Ziel ist, das Mutter und Kind die Zeit gut erleben.» Natürlich gebe es sehr selten auch Situationen, die besondere Belastungen darstellten.

Prozess gemeinsam durchstehen

Bevor die Entscheidung fürs Geburtshaus fällt, wird sorgfältig abgeklärt, ob das sinnvoll ist. «Wir schauen auf Krankheiten, Medikamente und klären allenfalls mit Spezialisten ab», hält Regula Junker fest. «Je besser es für die Frau passt, desto besser läuft es hinterher mit der Beziehung zum Kind.» Und die könne bereits in der Schwangerschaft gefördert werden. «Wir fragen die werdende Mutter, wie es ihrem Kind geht, und hören, was sie sagt. Stimmt das überein mit dem, was ich bei der Untersuchung ertaste?»

Bei jeder Geburt gehe es auch darum, mit der Frau den Prozess des Mutterwerdens durchzustehen. Die Hebammen im Geburtshaus vertrauten vor allem auf die Frau. «Wenn der Körper richtig funktioniert, hat die Frau nach der Geburt ein nachhaltig gestärktes Gefühl», hält die erfahrene Hebamme fest.

Die meisten gebären in der Wanne

Zwischen 60 und 80 Geburten gibt es pro Jahr im Geburtshaus. Sehr viele Frauen, die im Geburtshaus gebären, stillen ihre Kinder bis zu einem Jahr. Ausser Susanne Leu und Regula Junker gibt es im Geburtshaus noch zwei Hebammen in Teilzeit zu je 40 bis 80 Prozent. Unter vielen Gebärpositionen wie Hocker, Sprossenwand oder Bett bevorzugen die meisten Gebärdenden im Geburtshaus Stans die Wassergeburt. Die meisten Paare bleiben zwischen vier und sechs Tagen. «Eine Entlassung am dritten Tag ist ungünstig», weiss Regula Junker aus Erfahrung. Die Hormone sacken in den Keller, das anfängliche Glücksgefühl weicht der Müdigkeit.