STANS: Er hofft täglich auf einen Anruf

490 lange Tage schon ist Arnold Imfeld arbeitslos. Als Ausgesteuerter muss er von Erspartem leben. Bevor sein Notgroschen zu Ende geht, setzt der 52-jährige Betriebswirtschafter jetzt alles daran, Arbeit zu finden – und exponiert sich.

Christoph Riebli
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Der Betriebswirtschafter Arnold Imfeld (52) auf dem Stanser Dorfplatz in der Nähe der Pfarrkirche. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 18. Januar 2017))

Der Betriebswirtschafter Arnold Imfeld (52) auf dem Stanser Dorfplatz in der Nähe der Pfarrkirche. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 18. Januar 2017))

Christoph Riebli

christoph.riebli@nidwaldnerzeitung.ch

Eine blaue Winterjacke, ein freundliches Gesicht: Er unterscheidet sich nicht von den übrigen Passanten auf dem Stanser Dorfplatz. Dennoch ist Arnold Imfeld anders. Seit genau 490 Tagen, wie er unserer Zeitung offenbart. So lange ist der in Stans lebende Alpnacher schon arbeitslos – und damit ausgesteuert, aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik verschwunden (siehe Kasten). «Hätte ich kein Erspartes, müsste ich jetzt von der Sozialhilfe leben.» Eine Perspektive, mit der er sich nicht anfreunden will: «Es ist krass, wenn man sich mit 52 fragen muss, ob es für mich auf dem Arbeitsmarkt noch Platz hat.» Erst recht Angst macht ihm seine Wiedereingliederungsbilanz rund um die Diskussion zum Rentenalter 67. Bisher hat er 200 Bewerbungen geschrieben, wurde zu sechs Vorstellungsgesprächen eingeladen und kassierte nur Absagen. Trotzdem: «Ich hoffe jeden Tag auf ein Telefon, eine Chance.»

«Jammern, das will ich wirklich nicht»

Zu seiner Flucht nach vorne, der bewussten Entscheidung, aus der Anonymität aufzutauchen, meint der einstige Käsermeister, der sich über die Jahre zum Betriebswirtschafter und Einkaufsfachmann fortbildete: «Was habe ich schon zu verlieren?» Angst vor dem gesellschaftlichen Stigma, sich als Langzeitarbeitsloser in der Zeitung abzulichten, hat er nicht. «Deswegen gehe ich genau gleich durchs Dorf.» Doch er gibt zu: «Noch vor einiger Zeit hätte ich nicht so frei darüber sprechen können.» Und er betont: «Jammern, das will ich jetzt wirklich nicht, das steht mir nicht zu. »

Seine letzte Stelle hatte er selbst gekündet: «Ich konnte mich mit Betrieb und Produkten nie richtig identifizieren. Nach zwei eher zähen Jahren entschied ich mich, etwas Neues anzufangen. Dass es jedoch so schwierig wird, hätte ich nie gedacht.»

Als Einkäufer oder bei einer Bergbahn arbeiten

Was ihm an seiner Situation am meisten zu schaffen macht: «Dass ich systembedingt keine Arbeit finde. Ich habe keine schlechte Qualifikation. Ich habe das Gefühl, dass mein Alter eine grosse Rolle spielt.» Mit 240 Mitbewerbern hatte er sich kürzlich auf eine Sachbearbeiterstelle in Obwalden gemeldet. «Da findet sich immer jemand, der dem sogenannten ‹Idealprofil› näherkommt, schon nur altersmässig», so Imfeld zur erhaltenen Standardabsage.

Bedrückend findet er: «Ich kann meine Fähigkeiten nicht unter Beweis stellen. Und was nützen Weiterbildungen, wenn man am Arbeitsplatz keine Möglichkeit erhält, das erlangte Know-how einzubringen?» Sein Traumberuf: «Eine Stelle als operativer Einkäufer» mit der Aussicht, Berufserfahrung als strategischer Einkäufer zu sammeln. «Langfristig würde ich gerne eine Warengruppe managen.» Doch eben, davon entferne er sich je länger, desto mehr. Gut vorstellen kann er sich, bei einer Bergbahn – auch saisonal – zu arbeiten. «Ich mag die Bergwelt.» Zudem sei er geografisch beweglich, gar bereit, in eine andere Region zu zügeln.

Umdenken bei Arbeitgebern gefordert

Apropos Mobilität: «Ich habe ein Auto und eine Tankfüllung pro Monat zur Verfügung.» Wenn der Tank leer ist, gehe er mit dem Velo oder zu Fuss. «Ich habe dennoch nicht das Gefühl, dass mir materiell etwas fehlt.» Eingekauft wird entsprechend preisbewusst. Beispiel: «Käse im Grossverteiler kaufe ich nur bei Aktionen. Der wird nicht schlecht, nur rezenter», schmunzelt der Fachmann. Das Lachen vergeht ihm aber, wenn er an seine Reserven denkt – oder auch an die Ausfälle bei seiner Pensionskasse: «Mein Notbatzen, mit dem ich auch die Steuern zahle, ist in absehbarer Zeit aufgebraucht.» Mit Händen und Füssen will er sich jetzt wehren, um nicht erneut Bittsteller zu werden.

«Arnold Imfeld ist bei weitem kein Einzelfall. Immer mehr Arbeitnehmer ab 50 sind mit Langzeitarbeitslosigkeit konfrontiert», sagt Thomas Wengle, Imfelds ehrenamtlicher Mentor, der sich mit 60 selbst urplötzlich in der gleichen Lage wiederfand. Der inzwischen pensionierte Aargauer mit HSG-Doktortitel plädiert denn auch für ein Umdenken der Arbeitgeber: «Infolge des demografischen Wandels wird es die jungen Fachkräfte aus dem Inland in wenigen Jahren schlicht nicht mehr geben.» Es sei deshalb eine «ökonomische Notwendigkeit», vermehrt ältere Arbeitnehmer zu berücksichtigen.

Ältere trifft es stärker

ARBEITSLOSIGKEIT «Als langzeitarbeitslos gilt, wer länger als ein Jahr nicht vermittelt werden kann», sagt Tomas Jodar, Leiter Regionales Arbeitsvermittlungszentrum Obwalden/Nidwalden (RAV). «Ältere Leute trifft es prozentual stärker als Junge.» Gerade ab der Altersgruppe 50 aufwärts. «Die Arbeitslosenquote ist in diesem Segment schweizweit mit 3,6 Prozent leicht höher als der Durchschnitt.» In Nidwalden und Obwalden lag der Durchschnitt im Dezember bei tiefen 1,2 Prozent (OW: 222 Arbeitslose, NW: 303). Die Betroffenheit bei der Gruppe 50+ lag bei rund 38 Prozent (NW), 33 Prozent (OW) – mit leicht höherer Tendenz bei Männern. Ausgesteuerte sind nicht mitgerechnet, diese gelten in der Regel als Sozialhilfebezüger. Ausgesteuert ist man beim RAV altersabhängig frühestens nach 400 Tagen (bis 54 Jahre). «Die Aussteuerungen sind zahlenmässig nicht dramatisch, für die Betroffenen hingegen schon», so Jodar.

Etwas anderes bereitet ihm Sorgen: «Massiv zugenommen haben die Fälle, bei denen noch eine Krankheitsgeschichte mitspielt, etwa ein psychiatrisches oder therapeutisches Verfahren am Laufen ist. Die Betroffenen sind ganz schwierig zu vermitteln und werden immer jünger.»(cri)