STANS: Er will noch vier Jahrzehnte anhängen

Seit 40 Jahren ist Klaus Odermatt der Doktor der Nidwaldner Katzen, Hunde und Nutztiere. Damals galt er fast als Pionier auf seinem Gebiet.

Matthias Piazza
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Tierarzt Klaus Odermatt (69) untersucht eine Katze in seiner Praxis in Stans. Ans Aufhören denkt er noch nicht. (Bild Corinne Glanzmann)

Tierarzt Klaus Odermatt (69) untersucht eine Katze in seiner Praxis in Stans. Ans Aufhören denkt er noch nicht. (Bild Corinne Glanzmann)

Matthias Piazza

Behutsam untersucht er die Katze, hört ihr Herz ab, schaut ihr in die Ohren, die Augen und in den Mund. Sie lässt das Prozedere erstaunlich ruhig über sich ergehen. Warum auch nicht? Sie ist in guten Händen. In jenen von Tierarzt Klaus Odermatt. Ein Meister seines Faches, übt er doch seit genau 40 Jahren seinen Beruf aus – aktuell zusammen mit zwei Tierärztinnen und zwei tiermedizinischen Praxisassistentinnen an der Stansstaderstrasse 22 in Stans. Wie viele Katzen, Hunde, Mäuse, weitere Haustiere, aber auch Nutztiere er behandelte, weiss er nicht genau. Eine Schnellrecherche in seinem Computer ergab, dass es etwas um die 50 000 Konsultationen sein müssen. «Niemand erinnerte mich mit 65 daran, dass ich das Rentenalter erreichte», antwortet der 69-Jährige scherzhaft auf die Frage, warum er immer noch praktiziere.

Auch jetzt, vier Jahre später, ist der Ruhestand für ihn ein Fremdwort. Solange es geht, will er noch weiterpraktizieren, nicht zuletzt deshalb, weil er noch keinen Nachfolger gefunden hat. Und auch aus einem anderen Grund. «Ich muss noch 40 Jahre anhängen. Wenn ich sterbe, komme ich vielleicht in den Katzenhimmel. Das könnte etwas unangenehm werden, wegen der kastrierten Kater, die mir die Operation vielleicht übelnehmen», glaubt er.

Über Missionare zum Tierarzt

Dass er Tierarzt wurde, verdankt er einem Zufall. Ein Orden missionierte in den Dörfern, wie das Mitte des 20. Jahrhunderts nicht unüblich war. So auch in Dallenwil, wo Odermatt aufwuchs. Mit Diavorträgen versuchten sie, gute Schüler für ein Theologiestudium zu begeistern. Nach bestandener Matura war für Klaus Odermatt klar, dass Theologie nicht sein Weg ist. So studierte er, auf einem Bauernhof aufgewachsen, Veterinär­medizin, machte 1972 das Staatsexamen im Tierspital der Universität Bern und die praktische Ausbildung für Grosstiere in Willisau. Ein Schlüsselerlebnis, sozusagen, hatte er in einer Tierklinik in Genf. «Die Beziehung zu Hunden und Katzen in der Weltstadt war emotionaler als bei uns. Die Leute verlangten mehr, waren bereit, mehr Geld für die Behandlung ihres Stubentigers zu zahlen. In Nidwalden standen damals eher die Kosten im Vordergrund.»

Von der Hundehütte aufs Bett

Das änderte sich im Laufe der Jahre mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Immer mehr Leute wohnten in Mietwohnungen, oft allein, hielten sich einen Hund oder eine Katze als treuen Begleiter. Seine Erfahrungen in Genf als Kleintierarzt waren nun in Nidwalden gefragt, als einer der ersten seines Berufsfaches. Und der Trend setzte sich fort. «Die emotionale Bindung zu einem Haustier ist heutzutage viel grösser als früher. Der Hund schaffte es in den vergangenen 40 Jahren von der Hundehütte auf das Bett des Menschen», so Odermatt. «Die Tierhalter haben hohe Ansprüche an uns. Chemotherapie, Bestrahlung sind auch in der Tiermedizin keine Fremdwörter mehr.»

Die Fortschritte in der Tiermedizin kamen dem Zeitgeist entgegen. «Operationen, die man früher bei Tieren nicht durchführte, sind heute selbstverständlich. Medikamente helfen bei Nierenproblemen oder Herzkrankheiten. Zahnbehandlungen sind heute selbstverständlich. Bei einer 16-jährigen Katze machte man früher nichts mehr, wenn sie krank war, heute fragt der Tierhalter, ob man mit geeigneter Behandlung das Leben nicht noch verlängern kann.» Schmerzvolle Monate wolle er aber einem Tier in jedem Fall ersparen, dafür hätten auch die Tierhalter Verständnis. Ihm selber gehe es auch heute noch nahe, wenn er ein Tier erlösen müsse, erst recht, wenn er den Besitzer gut kenne. Doch die freudigen Erlebnisse überwogen.

Die «falsche» Katze operiert

In seiner langen Karriere als Tierdoktor gab es natürlich auch viele lustige Episoden. Besonders eine blieb ihm unvergessen. «Nach der Rückkehr aus seinen Ferien brachte mir ein Mann seine verunfallte Katze. Ich operierte ihr gebrochenes Bein und flickte den Knochen mit einem Nagel zusammen.» Er leistete ganze Arbeit. Die Katze erholte sich zur Freude aller und wurde wieder vollständig gesund. Ein paar Tage später die grosse Überraschung. Die «richtige» Katze tauchte auf. Der Mann hatte eine teure Behandlung für eine fremde Katze bezahlt, welche zu allem Überfluss die eigene im Haus nicht mehr akzeptierte.

Spezielle Patienten

Tiere sind spezielle Patienten. Die Besitzer müssen für sie reden. Bei herrenlosen Tieren ist genaues Beobachten des Verhaltens gefragt. Wobei Tier nicht gleich Tier ist. «Ein Hund ist in Sachen Hormone viel heikler als andere Tiere, dafür gehorcht er besser und lässt sich meistens mit einen Leckerli ködern», sagt Odermatt. «Das funktioniert bei Katzen überhaupt nicht. Die eine lässt sich problemlos behandeln, eine andere beisst und kratzt.» Auch Hamster, Meerschweinchen, Kaninchen und Mäuse gehören zu seinen Patienten. Wobei die Grundregel gilt: je kleiner die Tiere, desto schwieriger die Behandlung. «Bei einer Maus ist die Diagnose schwierig, die Herzfrequenz ist so hoch, dass man die einzelnen Schläge kaum hört.» Wegen des intensiven Stoffwechsels bei kleinen Tieren sei beispielsweise eine Infektion viel gravierender.

Von der Maus bis zum Rindvieh

Die Behandlung von Nutztieren sei ihm nach wie vor sehr wichtig, auch wenn diese nur einen Anteil von 40 Prozent seiner Arbeit ausmachen. «Wir besuchen jeden Tag Kälber, Kühe, Ziegen und Schafe auf den Bauernhöfen in Nidwalden, Engelberg und Seelisberg. Im Sommer stehen oft zeitlich aufwendige Alpbesuche an. Die unterschiedlichen Tierarten von der Maus bis zur Kuh haben mich immer fasziniert. Und die Fahrt durch den Kanton Nidwalden schafft einen schönen Ausgleich und entspannt», erzählt er. Nach so vielen Jahren im Dienste der Tiere entwickelten sich auch Freundschaften zu deren Haltern. «Viele langjährige Stammkunden bringen schon ihre vierte Hauskatze zu mir in die Untersuchung.» Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die fünfte Katzengeneration von Klaus Odermatt und seinem Team umsorgt wird.