STANS: Fern der Heimat zweite Chance erhalten

Serbest Keder (27) kam vor vier Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Nun macht der Syrer die Lehre als Assistent Gesundheit und Soziales im Alters- und Pflegeheim Nägeligasse in Stans. Auf dem Weg dorthin musste er zahlreiche Hindernisse überwinden.

Carina Odermatt
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Serbest Keder absolviert im Altersheim eine Lehre als Assistent Gesundheit und Soziales. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 7. Februar 2017))

Serbest Keder absolviert im Altersheim eine Lehre als Assistent Gesundheit und Soziales. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 7. Februar 2017))

Carina Odermatt

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

«Ich liebe es, anderen Menschen zu helfen. Darum arbeite ich sehr gerne in der Pflege», erzählt Serbest Keder mit einem charmanten Leuchten in den Augen. Seit vergangenem August absolviert der 27-jährige Syrer die Lehre als Assistent Gesundheit und Soziales im Alters- und Pflegeheim Nägeligasse in Stans. Mittlerweile ist er seit vier Jahren in der Schweiz, lebt in einer Wohngemeinschaft in Hergiswil und spricht fliessend Deutsch. Für Flüchtlinge ist es alles andere als selbstverständlich, eine Lehrstelle anzutreten, und auch Keders Weg dorthin war nicht frei von Hindernissen.

Keder blickt zurück auf seine Anfänge in der Schweiz: «Als ich in Basel ankam, kannte ich niemanden. Ich hatte keine Freunde, keine Familie, keine Arbeit und beherrschte die Sprache nicht. Das hat mich einerseits traurig gemacht, anderseits aber auch motiviert. Ich wollte so schnell wie möglich mit den Menschen um mich herum sprechen können.» Trotz seines muslimischen Glaubens fand er in einer Kirche in Basel einen kostenlosen Sprachkurs für Flüchtlinge. Obwohl das Niveau für ihn viel zu anspruchsvoll war, machte Keder jede Woche mit. «Die Schweizer haben mich toll motiviert. Sie machten mir Komplimente, auch wenn ich erst wenige Sätze sprechen konnte», erinnert er sich dankbar. Mittlerweile versteht Serbest Keder sogar Schweizerdeutsch. Es ist nach Kurdisch, Arabisch, Türkisch und Englisch bereits die fünfte Sprache, die er gelernt hat.

Bei Spitalbesuchen auf den Geschmack gekommen

Als er nach drei Monaten in Basel in die Asylunterkunft Stans übersiedelte, wurde seine Motivation vorerst gebremst. Grund: Er durfte zehn Monate keinen Deutschkurs besuchen und nicht arbeiten. «Das hat mich schockiert. Ich war jung und gesund und wollte etwas tun», erzählt der Syrer. So setzte er sich jeden Tag in die Kantonsbibliothek und lernte selbstständig Deutsch. Er versuchte, für andere Flüchtlinge zu übersetzen, obwohl er selber die Sprache nur mässig beherrschte.

Keder hatte ein klares Ziel vor Augen: eine Lehre machen, am liebsten im Gesundheitsbereich. Und seine Mühen haben sich gelohnt. Schliesslich bekam er die Bewilligung für vier Monate Sprachschule, und mit Hilfe seiner Lehrerin und seines Berufsberaters bekam er eine Praktikumsstelle im Altersheim Nägeligasse. Weitere zehn Monate später hatte Keder die Erlaubnis für die zweijährige Ausbildung in der Pflege im Sack. Er ist ein freundlicher Mitarbeiter, der sich hingebungsvoll um die Bewohner kümmert, heisst es aus seinem Umfeld. Wille, Ausdauer und ein bisschen Glück haben ihn hierhin gebracht.

Sein Interesse für den Pflegeberuf kommt nicht von ungefähr. Als Keder 18 Jahre alt war, lag sein zehnjähriger Bruder für sechs Monate im Kinderspital in Syrien. «Ich war immer bei ihm und sah, wie sich die Pfleger um ihn kümmerten. Darum wollte ich diese Ausbildung auch machen. Um für Menschen in Not da zu sein», erzählt Serbest Keder. Bereits in der Heimat hat er an der Universität in Aleppo in Richtung «Department of nursing» (Pflege) studiert. Im Sommer machte er zwei Praktika im Spital auf der Notfallstation und als Assistent im Operationssaal.

Die Kälte war gewöhnungsbedürftig

«Leider konnte ich meine Ausbildung nicht beenden. Ich hatte das zweite von vier Jahren abgeschlossen, als ich aus Syrien flüchten musste», bedauert er. Serbest Keder ist ursprünglich aus der Nähe von Qamischli, einer Stadt im Nordosten Syriens. Dort befand sich auch seine Familie, als er das Heimatland verlassen musste. Zwischen Aleppo und Qamischli waren zu jener Zeit zu viele Konflikte im Gange, als dass er seine Liebsten vorher noch hätte treffen können.

Mit Hilfe eines Schleppers schaffte es Keder in die Türkei und von dort in die Schweiz. Da er Kurde ist, hat er nie einen offiziellen Pass besessen. In der Schule war seine Muttersprache Kurdisch verboten. Die Erinnerungen an die Zeit in Syrien sind immer noch sehr präsent: «In Aleppo war es nicht mehr möglich zu leben. Ich habe Dinge gesehen, welche die meisten Menschen nur aus dem Fernseher kennen.»

Als Serbest Keder sein Heimatland hinter sich liess, war das Ziel bereits die Schweiz gewesen. «Ein Onkel von mir lebt in Bern, und in der Schule in Syrien haben sie uns vom Schweizerischen Roten Kreuz erzählt. Von da an war in meinem Kopf eingebrannt, dass die Schweiz ein gutes Land ist, wo einander geholfen wird», erzählt er. Auch wenn Keder seine Familie und Freunde, seine Muttersprache und das syrische Essen vermisst, fühlt er sich wohl in der Schweiz. «An das kalte Klima hier musste ich mich erst gewöhnen. Und natürlich ist die Kultur ganz anders. Mir gefällt, dass die Frauen hier auch ausser Haus arbeiten – wie die Männer. Und ich habe gelernt, wie wichtig Pünktlichkeit ist.» In seiner Freizeit geht er gerne Fischen und ins Fitnesscenter, wo er auch Schweizer Freunde gefunden hat. «Arbeit und Sport sind für die Integration von grosser Bedeutung», weiss er aus eigener Erfahrung.

Er hat seine Familie seit fünf Jahren nicht gesehen

Serbest Keder würde gerne noch Weiterbildungen im Gesundheitsbereich machen, zum Beispiel in Massage. Sein grösster Wunsch aber: seine Familie zu besuchen, die vor einem Jahr in den Nordirak geflüchtet ist. Er hat sie seit 2012 nicht mehr gesehen. Um einen Reisepass zu bekommen, muss Keder aber mindestens fünf Jahre in der Schweiz leben und ein Jahr lang zu 100 Prozent zu einem ausgelehrten Lohn arbeiten. «Mit einem Ziel vor Augen kann man vieles schaffen», ist sich Serbest Keder sicher. Er fährt fort: «Die Erde gehört uns allen. Egal, wo das Leben mich hintreibt, ich gebe einfach mein Bestes. Und ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit erhalten habe, das bei meinem Arbeitgeber in Nidwalden zu beweisen.»