STANS: Gassenlieder sollen wieder erklingen

Die Gassenlieder aus der Stanser Schmiedgasse sind in Vergessenheit geraten. Jetzt wird das fast verlorene Kulturgut mit einer CD wieder belebt.

Philipp Unterschütz
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Die Sänger in der «Melachere» in Stans: Franz Odermatt, Albert Müller, Pino Masullo, Klaus Kayser, Fridolin Amstutz, Noah Businger und Freddy Businger (von links). Das Bild wird auch als Titelfoto der CD verwendet. (Bild: PD)

Die Sänger in der «Melachere» in Stans: Franz Odermatt, Albert Müller, Pino Masullo, Klaus Kayser, Fridolin Amstutz, Noah Businger und Freddy Businger (von links). Das Bild wird auch als Titelfoto der CD verwendet. (Bild: PD)

Es dürfte vielleicht auch mal laut geworden sein, wenn in den Jahren zwischen 1900 und 1970 Handwerker, oftmals gehörig angeheitert, nach Feierabend durch die Stanser Schmiedgasse noch auf dem Heimweg ihre Gassenlieder zum Besten gaben. Einfache Lumpenlieder, viele davon mit derben Texten, die sie vorher in feuchtfröhlichen Runden in den Wirtshäusern angestimmt hatten. «Es waren Männerlieder, kein Chor würde diese Texte heute singen», sagt der Stanser Freddy Businger, der sich ausgiebig mit den Gassenliedern beschäftigt hat.

Das Leben in der Schmiedgasse hat sich enorm verändert, viele der Handwerksbetriebe sind verschwunden. Und damit auch die singenden Handwerker und ihre Lieder. Ein Stück Volkskultur drohte verloren zu gehen. Dank Freddy Businger wird doch zumindest ein Teil davon bewahrt und wird, so hofft er, vielleicht in etwas zivilisierterer Form, weiter leben. Businger, dessen Familie «echte Schmiedgässler» waren, hat nach langen Recherchen nicht nur eine umfangreiche Arbeit zum Thema verfasst, sondern 14 fast vergessene Lieder mit sechs Freunden gesungen und aufgenommen.

Wenige kennen noch die Melodie

Am Anfang standen Kindheitserinnerungen, Liedfetzen, verbunden mit Bildern, die Freddy Businger nicht aus dem Kopf gingen. «Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Wanderung nach Trübsee. Bei der Kapelle am See sang mein Vater dieses Lied mit den Fröschen, und ich als Bub war einfach nur traurig, dass sie sterben mussten», erzählt er. Solche Textfetzen und Melodiefragmente brachten ihn 2010 dazu, genauer zu recherchieren. Businger suchte nach Texten, Melodien und Hintergründen. Die Spur führte schnell einmal zurück in die Schmiedgasse. Seine ersten Informanten waren denn auch (ehemalige) Bewohner der geschichtsträchtigen Stanser Gasse. 24 Liedtexte stöberte Businger auf, eine ergiebige Quelle war eine Sammlung des verstorbenen Johny Mathis, ehemaliger Stanser Polizist und Marktchef, und auch in einem «Luegerä Lieder-Blettli» fand er weitere Texte. Doch wie klangen die Lieder? Die Suche nach den Melodien erwies sich als schwierig. Immerhin zu 13 Liedern fand Freddy Businger aber Leute, welche die Lieder noch singen konnten.

Auch als Bauernstuben-Lieder

Die Gassenlieder wurden jedoch nicht nur in den Wirtshäusern der Schmiedgasse in Stans gesungen. «Sie waren auch auf Volksfesten zu hören und wurden manchmal auch in den Bauernhäusern gesungen», weiss Freddy Businger. «Die Bauernstuben-Lieder waren jedoch viel mehr von Jodel geprägt, während die Gassenlieder selten Jodel aufwiesen.»

In seiner Arbeit und auf der CD hat sich Businger aber einzig auf die Lieder konzentriert, die in der Schmiedgasse nachweislich gesungen worden sind. «In Stans, da ist es Mode», so fängt eines der Lieder an, um dann in der zweiten Strophe lokal genauer zu werden mit: «Ich ha deheim ä Tante. Sie wohnt in der Schmiedgass. Sie macht mit ihrem Lachen ja fürchterlichen Spass.» Oder dann wird von den Fröschen am Bürgenberg gesungen, die sich vor gefrässigen Pfarrherren hüten müssen (siehe Kasten).

Lieder stammen nicht aus Stans

Auch Trauriges wird zum Thema, wenn ein Lied den Franzosenüberfall von 1798 aufgreift. Da heisst es dann: «Im Drachenriäd wohl auf der Höh, da stand nach bluet’ger Schlacht ...» Freddy Busingers Recherchen haben aber auch ergeben, dass trotz dieser lokalen Hinweise «die Lieder nicht in Nidwalden entstanden sein können. Sie stammen zum grossen Teil aus Bayern und Österreich». In seiner Arbeit zeigt Businger denn auch akribisch die Herkunft und Hintergründe der Lieder auf und erklärt auch deren Inhalt im zeitlichen Kontext.

Vor einem Jahr begannen Businger und sechs Freunde, die Lieder einzuüben, und schliesslich haben sie als «Stubecheerli» 14 Titel aufgenommen. Nur eines davon ist kein Gassenlied. Die CD «Rutschi Putschili» wird am 19. August veröffentlicht und ab dann an drei Abenden in einem offenen Singen vorgestellt. «Es soll kein Konzert sein», sagt Freddy Businger. «Die Grundidee dahinter ist ja, dass die Lieder wieder gesungen werden.»

Die Melodien sind einfach, eingängig und leicht singbar. Liederzettel werden bereit liegen. Die Texte können zudem auch im Internet bezogen werden. «Mit der Schmiedgass­chilbi werden wir dieses Projekt abschliessen», meint Businger, lässt aber offen, ob es nicht zu einem Folgeprojekt kommen könnte. «Natürlich bin ich weiterhin interessiert, wenn jemand weitere der fehlenden Melodien oder gar andere Gassenlieder kennt.»

Philipp Unterschütz

Hinweis

Das offene Singen findet an folgenden Daten statt: Mittwoch, 19. August: 19.30 Uhr in der Melachere (Restaurant Drei Könige). Freitag, 21. August: 19.30 im Restaurant Schlüssel. Samstag, 22. August: Schmiedgasschilbi (19.30 Uhr in der Wiibar ob dr Gass und 21.30 Uhr in der Bar 55). Die umfangreichen Recherchen und die Liedertexte finden sich im Internet unter www.evolex.ch/rutschi_putschili

Wie der Pfarrer Frösche verspeist

unp. Das Lied von den Fröschen, das Busingers Vater auf Trübsee gesungen hatte, ist ebenfalls auf der CD. Dazu schreibt Freddy Businger im Büchlein zur CD: «Dieses Lied ist in Bayern, wo der Ort des Geschehens Ingoldstadt ist, und in der Schweiz mit den Ortsangaben Rapperswil, Engelberg und Ringelstadt bekannt. In Nidwalden wurden, wie Gewährsleute aussagten, bis Mitte des 20. Jahrhunderts von Buben Frösche zum späteren Verzehr gefangen.» In seinen Recherchen sind viele weitere Informationen festgehalten (siehe Hinweis).

Am Bürgenberg wohl auf der Höh,
da springt der Frosch wohl in die Höh.
Er lupft die Beine aus lauter Freude
und springt vom Wasser wieder an das Land.

Der Pfarrer sieht die Fröschlein gerne.
Er sieht sie schon aus weiter Ferne.
Er haut sie zäme in Gottes Name
und frisst sie alle samt der sauren Soss.

Und ist der alte Frosch gestorben
samt Frau, die er sich auserworben.
Nun liegens beide als lauter Freude
begraben in des Pfarrers dicken Bauch.