Stans
Gescheiterte Beziehungen und Verfolgungsjagden im Kollegitheater

Action und berührende Momente, Chaos und doch heile Welt: Die diesjährige Produktion sprüht nur so vor Leben.

Marion Wannemacher
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Sie prügeln und umarmen sich, sie schlagen Purzelbäume und tanzen und verzweifeln im nächsten Augenblick. Auf der Bühne des Kollegitheaters Stans geht dieses Jahr die Post ab. Bereits im Vorfeld hatte Regisseurin Noemi Wyrsch das Team hoch gelobt: «Ich habe noch nie so eine spielfreudige, engagierte und motivierte Truppe erlebt», hatte sie geäussert. Wer am Freitag die Premiere gesehen hat, weiss, was sie meint.

Wenn es Probleme gibt, rücken alle zusammen bei Mama Hase (Lena Christen, ganz rechts).

Wenn es Probleme gibt, rücken alle zusammen bei Mama Hase (Lena Christen, ganz rechts).

Bild: PD

Die Spieler gehen voll aus sich raus, sie spielen ohne Hemmungen und gut. Noemi Wyrsch hat sie an ihrer Regiearbeit beteiligt, aber zum Glück die Zügel in der Hand behalten und so die Gefahr gebannt, dass sich das Stück im Wirrwarr verliert. Zahlreiche Szenen und sogar Figuren hat die Regisseurin aus dem Stück gestrichen. Jeder Spieler hat sich aus der deutschen Fassung seine Rolle in seine eigene Mundart selbst übersetzt – vielleicht auch einer der Gründe, weshalb die Darsteller so frisch von der Leber weg spielen.

Wenn's nicht klappt, heim zu Mama

Gescheiterte Beziehungen und Verfolgungsjagden mit der Polizei bestimmen das Geschehen von «Hase Hase». In der Komödie der französischen Autorin Coline Serreau geht es um die erwachsenen Kinder der Familie Hase, die daheim wieder unterschlüpfen, weil sie mit ihrem Leben nicht zurechtkommen.

Tochter Maria (Megha Pothumudi) hat sich von ihrem Mann getrennt, Sohn Roman (Victor Hartkop) ist auf der Flucht vor der Polizei, weil er in terroristische Machenschaften verwickelt ist. Und Tochter Lucy (Lynn Gygax) ist ihrem Verlobten Gerhard (Jack Zihlmann) auf dem Standesamt davongesprungen. Zu allem Überfluss wird das Nesthäkchen der Familie, «Hase», vom Kollegi geworfen. Der Älteste, Mama Hases Hoffnung, ist kein Medizinstudent. Martin (Marc Müller) möchte als Cyber-Terrorist die Welt verbessern.

Sie alle kriechen förmlich in ihr enges Daheim (sinnbildlich in den vorgeburtlichen Mikrokosmos) zurück. Mama Hases Wohnung hat nur ein Zimmer und natürlich «menschelt» es zwischen den vielen Familienmitgliedern. Nur der Zuschauer erfährt, dass Nesthäkchen Hase ein Alien ist und mit einer Mission auf die Erde in die Familie Hase gesandt wurde. Sie soll Informationen darüber liefern, ob es sich lohnt, die Erde zu erhalten.

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Die Story wechselt zwischen Wirklichkeit und Surrealismus, zwischen Liebe und Terror, Slapstick und Drama. Was für ein Chaos! Doch diesem liegt als Fundament eine Welt zugrunde, die im tiefsten Innern heil ist. In der Familie Hase belügt man sich, weil man den andern schützen möchte. Man brüllt sich an, weil man an der Misere des andern mit-leidet. Weil man sich liebt und zusammenhält.

Dass Mama Hase (Lena Christen, ganz rechts) das erleben muss. Sohn Martin (Marc Müller) wird hart verhört.

Dass Mama Hase (Lena Christen, ganz rechts) das erleben muss. Sohn Martin (Marc Müller) wird hart verhört.

Bild: PD

Die Inszenierung von «Hase Hase» hat alle Zutaten für klassisches Theater. Es geht um die grossen Lebensthemen, die bunt gemixt und unterhaltsam verpackt daherkommen. Elemente des Volkstheaters finden sich neben Brecht'schen Monologen an den Zuschauer mit Verfremdungseffekt. Es gibt urkomische Szenen, wenn Roman auf der Flucht vor der Polizei im Backofen verschwinden muss oder die Nachrichtensprecherin leibhaftig aus dem Fernseher spricht. Und es gibt solche, die berühren. Das Gesamtpaket überzeugt und zieht den Zuschauer in seinen Bann.

Einen grossen Anteil daran hat die Musik. Und obwohl der Akkordeonist an der Premiere ausfällt, gelingt es der Band unter Leitung von Nadia Deluca, die Szenen mit einem guten Repertoire von populären Mundartsongs, darunter «Kiosk», «Uf und dervo», «Ewigi Liebi», zu verdichten, aber auch zu ironisieren. Hervorzuheben ist die gesangliche Leistung der 12-jährigen Olivia Zeier aus Beckenried, die beherzt und ansprechend ihre Soli singt.

«Hase Hase»: Alle Mann an Bord.

«Hase Hase»: Alle Mann an Bord.

Bild: PD

Einen geradezu genialen Rahmen für das bunte Stück liefert das Bühnenbild von Noemi Wyrsch und Pascal Kappeler, umgesetzt von Fredy Bernasconi. Eine Art Schrankwand wird durch Klappen und Türen bespielbar und eröffnet unerwartete Räume.

«Hase Hase» kommt vor allem herzerfrischend rüber. Die Produktion sprüht nur so vor Leben.

Weitere Aufführungsdaten: Samstag, 20.; Freitag, 26.; Samstag, 27. November, jeweils 20 Uhr, Zutritt nur mit Covid Zertifikat.

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