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STANS: Maturandin dreht Dokumentarfilm und rührt zu Tränen

Mit ihrem Dokumentarfilm «Fremdplatziert» hat die Maturandin Michèle Odermatt eine schwierige Aufgabe auf eindrückliche Weise gemeistert. Am Schluss rührte sie den Hauptprotagonisten gar zu Tränen.
Edi Ettlin
Michèle Odermatt zeigt einen Ausschnitt aus ihrem Dokumentarfilm über Werner Fritschi. (Bild: Edi Ettlin (Stans, 15. Januar 2018))

Michèle Odermatt zeigt einen Ausschnitt aus ihrem Dokumentarfilm über Werner Fritschi. (Bild: Edi Ettlin (Stans, 15. Januar 2018))

Edi Ettlin

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

Viel ist in den vergangenen Jahren über die sogenannten Verdingkinder, welche bis ins letzte Jahrhundert in ausbeuterischer Weise Kinderarbeit verrichten mussten, publiziert worden. Als die Kollegischülerin Michèle Odermatt einen Artikel darüber las, war ihr schnell klar, dass dies ein Thema für die anstehende Maturaarbeit sein könnte. «Ich wollte mein Interesse für sozial Benachteiligte mit meiner Leidenschaft für kreatives Gestalten verbinden», erklärt sie. Diese Überlegung führte sie zum Medium Dokumentarfilm. Auf Anregung ihres Mentors Christoph Schmid nahm sie Kontakt auf mit dem über 80-jährigen Werner Fritschi. Obwohl dieser kein Verdingkind im engeren Sinn war, steht seine traurige Kindheit exemplarisch für die damaligen Zustände in der Fürsorgepraxis.

In seinem Berufsleben hat sich Fritschi als Sozialberater in der Jugendarbeit engagiert und unzählige Bücher und Studien geschrieben. Mehrmals hat die Schülerin den Rentner in Luzern besucht, wo er zusammen mit seiner Frau lebt. Die Auseinandersetzung mit Fritschi lehrte die 19-jährige Stanserin, ihre eigene Kindheit wertzuschätzen. «Die Treffen haben mir zudem bestätigt, dass auch ich im sozialen Bereich tätig sein möchte», sagt sie.

Michèle Odermatt war überrascht, wie viel Vertrauen ihr Werner Fritschi schenkte. «Ich hätte nicht erwartet, dass er sich mir so schnell öffnet», erzählt sie. Dabei hat ihr Fritschi Dinge anvertraut, die er vor zehn Jahren nicht einmal in seiner Autobiografie erwähnt hatte.

«Ich bin verloren gegangen»

So kommen im rund 18 Minuten langen Film einige himmelschreiende Ungerechtigkeiten zur Sprache. Werner Fritschi erzählt von seiner ersten Zeit im Kinderheim, wo er regelmässig geschlagen wurde und sich nicht als Individuum fühlte. Auch als er mit fünf Jahren zu Pflegeeltern kam, besserte sich seine Situation nur dem Schein nach. Die Schläge blieben und mit ihnen das Gefühl, der «letzte Dreck» zu sein. «Ich bin verloren gegangen», sagt er im Film, «und das ist ein schlimmes Gefühl für ein Kind, in einer Welt aufzuwachsen, in der es sich verlassen fühlt.»

Es fällt auf, wie reflektiert er über das Kind Werner Fritschi spricht. Wenn er vor Odermatts Kamera Rachefantasien und Suizidgedanken anspricht, erahnt man, wie nahe am Abgrund diese Kindheit verlaufen ist. Und wenn er sich erinnert, seine Pflegemutter als blöde Frau, die leibliche Mutter als dumme Kuh kennengelernt zu haben, legt der Film alte Narben frei.

Als Folge eines Hirnschlags vor vielen Jahren artikuliert Fritschi langsam Wort für Wort. Odermatt lässt ihn ausreden. Wenn nötig, fügt sie zusätzliche Informationen auf Texttafeln hinzu. Die seelischen Abgründe illustriert sie mit Bildern eines baufälligen Hauses, hoffnungsvolle Ausblicke fängt sie mit farbenfrohen Glasscheiben ein, welche an Werner Fritschis Fenstern hängen.

Filmen heisst viel Aufwand

Die sichere Bildsprache des Films erstaunt, denn Odermatt gibt zu, etwas naiv an die Sache herangegangen zu sein: «Einen Film zu machen, war für mich ganz fremdes Terrain.» Doch sie wusste sich zu helfen. Bei einem Filmstudenten holte sie sich Tipps, und sie analysierte die filmische Sprache eines Dokumentarfilms minutiös.

Dann listete sie Interview­fragen auf und schrieb ein Drehbuch. Sogar kurze Spielfilmszenen fasste sie ins Auge. Nach den ersten Aufnahmen warf sie das Drehbuch jedoch komplett über den Haufen. Sie hatte gemerkt, dass sie die Kräfte ihres Protagonisten einteilen musste. Also fragte und filmte sie intuitiv aus der Situation heraus. «Das war viel authentischer», berichtet sie. Schliesslich hatte sie sieben Stunden Filmmaterial gedreht. Danach brachte sie die Aussagen in eine dramaturgisch sinnvolle Reihenfolge.

Änderungen bis zur Premiere

Die Suche nach der passenden Umsetzung des Stoffes beschreibt Michèle Odermatt als langwierigen, bisweilen qualvollen Prozess. Einen Tag vor der Premiere im Kollegi konnte sie dann aufatmen: Der Film war fertig. Nervös sei sie vor der Aufführung natürlich schon gewesen. Aber auch stolz, dass sie ihre selbst gestellte Mammutaufgabe gemeistert hatte. So meldete sie ihre Arbeit gleich für den Wettbewerb der Schweizer Jugendfilmtage an.

Als persönlichsten Erfolg behält Michèle Odermatt allerdings einen anderen Moment in Erinnerung: «Das war, als sich Werner am Ende der Dreharbeiten mit Tränen in den Augen bei mir dafür bedankte, dass ich nach all den Jahren aufgetaucht bin, um seinem Leben eine Stimme zu geben.»

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