STANS: Sie brachten die Fasnacht zurück ins Dorf

Der Guuggenüberfall mitten auf dem Dorfplatz lockt jeweils Tausende Fasnächtler an. Zum 25-Jahr-Jubiläum schauen die beiden Gründer für unsere Zeitung zurück. Aller Anfang war schwer, doch der Anlass sorgte auch für ein Umdenken in der Szene.

Oliver Mattmann
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Eingefleischte Fasnächtler: Die Guuggenüberfall-Gründer Markus Amstutz (links) und Martin Achermann. (Bild: Oliver Mattmann (Stans, 30. Januar 2017))

Eingefleischte Fasnächtler: Die Guuggenüberfall-Gründer Markus Amstutz (links) und Martin Achermann. (Bild: Oliver Mattmann (Stans, 30. Januar 2017))

 

Oliver Mattmann

oliver.mattmann@nidwaldnerzeitung.ch

Wenn am Samstag traditionell um 20.20 Uhr mit einem Böller zum Guuggenüberfall gestartet wird, schlägt auch das Herz von Martin Achermann (50) und Markus Amstutz (49) wieder höher. Nicht nur, weil sie von Kindsbeinen an das Fasnachtsvirus in sich tragen. Nein – sie beide sind es gewesen, die vor genau 25 Jahren den Guuggenüberfall auf dem Stanser Dorfplatz ins Leben gerufen haben. Was damals ein Wagnis war, ist längst ein un­verzichtbarer Anlass in der Nidwaldner Fasnachtsagenda. Martin Achermann, von seinem Umfeld «Tini» genannt, ist felsenfest überzeugt, dass dem noch lange so bleiben wird: «Der Guuggen­überfall hat sich dermassen etabliert, dass ich keine Angst habe, die Ära könnte nächstens zu Ende gehen.»

Guuggenüberfall ist, wenn aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig Guuggen auf den Dorfplatz strömen und für ein regelrechtes Chaos sorgen, das sich nach und nach entwirrt. In der Regel sind es um die 15 Guuggen, im Jubiläumsjahr werden es gar 20 sein. «Heuer sind sämtliche Nidwaldner Guuggen mit dabei, was uns besonders freut», hält OK-Präsident Cyrill Christen fest. Doch wie kam das Gründer-Duo überhaupt auf die Idee eines Überfalls mit kakofonischem Klangdschungel? Markus Amstutz – Übername «Joujou» – erinnert sich: «Wir sind an einer Fasnachtseröffnung in Kerns gewesen und sahen dort einen Guu­ggen-Rundlauf. Wir dachten: ‹Das können wir auch›, und Stans hätte doch den viel schöneren Dorfplatz für so etwas.» Und da vor 25 Jahren das 200-Jahr-Jubiläum des Franzosenüberfalls von 1798 nicht mehr fern war, hatten die beiden auch schon den passenden Namen für ihre Veranstaltung gefunden.

Die Beweggründe für den Grossanlass am Samstag vor dem Schmutzigen Donnerstag liegen aber viel tiefer. Stans hatte abgesehen von Guuggenbällen keine eigentliche Fasnachtseröffnung, zudem hatte sich das vorfasnächtliche Treiben zuletzt in Turnhallen und Festzelte verlagert. «Wir aber haben uns gesagt, dass die Fasnacht wieder im Dorf, auf der Strasse stattfinden soll», erzählt Martin Achermann. Was simpel tönt, hatte seine Tücken. «Anfänglich wollten wir den Anlass mit unserer Guugge, den Bodäsurri, durchführen. Doch wir merkten bald, dass wir das Ganze nicht alleine stemmen können.» Und dann geschah ein kleines, fasnächtliches Wunder. Die anderen Stanser Guuggen legten die damalige, latente Rivalität untereinander ad acta und boten auf Anfrage ihre Mithilfe an. Dies kittete die ganze Guu­ggenszene.

Auch heute ziehen noch alle am selben Strick

Und schnell einmal konnte auch die Frohsinngesellschaft Stans ins Boot geholt werden. Dass alle am gleichen Strick ziehen, hat bis heute Bestand. Längst sind mit den Ribi-Häxä und Hüdä-Hädä auch Guuggen aus Nachbargemeinden in die Organisation eingebunden. Und was die zwei Gründer auch ein wenig stolz macht: «Das Konzept mit dem breit abgestützten OK ist aufs Programm am Schmutzigen Donnerstag adaptiert worden.»

Zwar hatte der Guuggenüberfall bereits bei seiner Premiere 1992 «voll eingeschlagen», so Markus Amstutz. Und doch war aller Anfang schwer. Nach einem Scherbenteppich in der angrenzenden Schmiedgasse oder einer demolierten Telefonzelle beim Bahnhof wurden die Organisatoren als Schuldige bezeichnet. «Wir sind von verschiedenen Seiten angegriffen worden», erzählt Amstutz. Wichtig vor allem in der Anfangsphase: «Wir erhielten von der Gemeinde Rückendeckung.» Diese hatte den Veranstaltern strenge Auflagen gemacht und selber eingesehen, dass sie nicht für Schäden ausserhalb des Dorfkerns belangt werden konnten. Detail am Rande: Eine dieser Auflagen verlangte, dass der Dorfplatz am Sonntag bereits zur Morgenmesse wieder blitzblank sein muss. Und so ist es auch heute noch. Was sich ebenfalls über all die Jahre bewährt hat und in gewisser Hinsicht eine Vorreiterrolle einnimmt, ist die Abgabe von Gratis-Mineralwasser und anderseits der Ausschank sämtlicher Getränke in Bechern, um Scherben zu vermeiden.

Die beiden Gründer – heute sind sie in der Horner-Zunft Stans aktiv – schwelgen gerne in Erinnerungen. Das hindert sie nicht daran, den aktuellen Organisatoren ein Kränzchen zu winden. «Es gefällt uns, wie der Anlass heute daherkommt», sagen sie unisono. Das OK sei bemüht, Bewährtes aufrechtzuerhalten und neue Ideen einzubringen. «Hut ab. Wir wissen, wie viel Freizeit sie in den Anlass investieren, um den Tausenden von Fasnächtlern ein Erlebnis zu bieten», so Markus Amstutz. Er freut sich schon jetzt, am 18. Februar viele alte Weggefährten auf dem Dorfplatz anzutreffen. Und Martin Achermann ist gespannt, mit welchen Sujets die Fasnächtler, die sie teils eigens für den Guu­ggenüberfall kreieren, aufkreuzen werden.

Und beide werden – wenn sie vom Denkmal auf das wilde Treiben hinunterblicken – aufs Neue Hühnerhaut haben, wie sie unverhohlen zugeben.