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STANS: So fühlt sich eine Hirnverletzung an

Der Velohelm kann zwar der Frisur schaden – aber eine Hirnverletzung verhindern. Wie einschneidend eine solche Verletzung sein kann, erfuhren die Schüler am eigenen Leib.
An der Ausstellung «Leben mit einer Hirnverletzung»: Auf dem Foto eine Schulklasse aus Wolfenschiessen. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 20. Februar 2018))

An der Ausstellung «Leben mit einer Hirnverletzung»: Auf dem Foto eine Schulklasse aus Wolfenschiessen. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 20. Februar 2018))

Angestrengt versuchen die 19 Wolfenschiesser Fünft-/Sechstklässler, den Worten auf der Aufnahme zu folgen. Nur schwer verständlich schildert ein Hirnverletzter seinen Velounfall, den er als Siebenjähriger vor 21 Jahren erlitt. Klassenkameraden hatten ihm die Bremskabel durchgetrennt. Er schlug mit seinem Kopf auf ein Auto auf. Seither ist er halbseitig gelähmt und hat Sprachschwierigkeiten. Daneben lernen die Schüler an diesem Dienstagnachmittag im 16 Meter langen Braintruck viel Wissenswertes über das Hirn mit seinen verschiedenen Arealen, die alle für eine andere Funktion zuständig sind. Und erfahren unbequeme Wahrheiten. «Wer länger Alkohol trinkt, verliert viele Hirnzellen – an einem einzigen Abend mit Alkohol sind dies rund eine Million von etwa 100 Milliarden. Sie erneuern sich nie mehr», erklärt Franz Müller vom Förderverein Braintruck anschaulich.

Dann wird es praktisch. An vier verschiedenen Posten erleben die Schüler Einschränkungen von Hirnverletzten am eigenen Leib. Chiara muss sich sehr anstrengen, um den Ball ihrer Klassenkameradin zu fangen. Schuld daran ist die Spezialbrille, die ihr das Leben schwer macht und sie doppelt sehen lässt – so, wie das nach einer Hirnverletzung eintreten kann. «Ich weiss nicht, wohin ich schauen muss», erklärt sie. Die Simulation hinterlässt bei ihr einen bleibenden Eindruck. «Ich denke schon, dass ich etwas mehr aufpassen sollte. Es kann schnell etwas passieren», spricht sie ihr Verhalten, insbesondere als Velofahrerin, an. An einem anderen Posten versucht gerade Elena, einen Kittel anzuziehen, ohne dass sie den linken Arm zu Hilfe nehmen darf. «Es ist nicht so einfach», findet sie. Auch sie regt der Workshop zum Denken an. Den Velohelm wolle sie künftig öfters tragen, auch wenn ihre Frisur darunter leiden könnte.

«Einen Velohelm tagen sieht blöde aus»

In der anschliessenden Runde geht es um die Frage, wie man sich vor einer Hirnverletzung schützen kann. Im Fokus steht der Velohelm beziehungsweise die Frage nach dem Tragen. Mehr als zwei Drittel dieser gemischten 5./6. Klasse tragen den Velohelm nicht regelmässig. «Es sieht blöde aus» – «die Frisur leidet darunter» – «ich habe keine Lust» – lauten die Begründungen. «Ohne Helm seid ihr schutzlos im Strassenverkehr. Bei jedem dritten Verkehrsunfall ist ein Velofahrer beteiligt. Dabei muss es nicht mal eure Schuld sein», spricht Franz Müller der Runde ins Gewissen. Auf die mahnenden Worte folgt praktische Hilfe. Die Velohelme der Schüler werden richtig eingestellt und auf allfällige Mängel überprüft. «Ich wünsche euch, dass ihr nie eine Hirnverletzung erleidet, doch dazu könnt ihr auch selber etwas beitragen: Nicht nur kluge, sondern auch coole Köpfe schützen sich», gibt er ihnen mit auf den Weg.

Als krönender Abschluss dieser aussergewöhnlichen Schullektion gibt’s ein echtes menschliches Hirn zum Bestaunen. Ehrfürchtig bestaunt die Runde das in Formalin eingelegte Organ – «gespendet» von einem fünfzigjährigen Mann, der an einem Herzinfarkt starb.

Überzeugt von der nachhaltigen Wirkung

Der von Pro Integral, dem Kompetenzzentrum für Menschen mit einer Hirnverletzung, initiierte Braintruck tourt mit seiner Sensibilisierungs- und Präventionskampagne «Ich will, aber es geht nicht!» durch die ganze Deutschschweiz. Noch bis Ende März ist er auf dem Gemeindeparkplatz beim Schulzentrum Turmatt in Stans stationiert und wird dort von 37 Nidwaldner Schulklassen der fünften und sechsten Klasse besucht. Franz Müller zieht eine positive Zwischenbilanz vom Halt in Nidwalden. «Die Kinder sind begeistert, auch weil sie aktiv werden können. Sie stellen gute Fragen.» Von der nachhaltigen Wirkung ist er überzeugt, weil sie die Einschränkungen am eigenen Leib spürten.

Dass die Kampagne nötig ist, steht für ihn ausser Frage. «Sobald die Kinder in die Pubertät kommen, nimmt die Tragedisziplin der Velohelme massiv ab. Leider üben da die älteren Jugendlichen, die das Tragen eines Velohelms uncool finden, einen schlechten Einfluss aus.»

Matthias Piazza

matthias.piazza@nidwaldnerzeitung.ch

Hinweis

Der Braintruck ist am Mittwoch, 28. März, zwischen 13.30 und 17 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich, www.brain-truck.ch

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