STANS: Spannende literarische Menükarte

Vor über zwei Jahren hat das Literaturhaus Zentralschweiz (Litz) im Höfli in Stans seinen Betrieb aufgenommen. Befindet sich die Institution unter der Intendanz von Sabine Graf immer noch in der Findungsphase? Eine erste Bilanz.

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Intendantin Sabine Graf im Literaturhaus Zentralschweiz. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 17. Juni 2015))

Intendantin Sabine Graf im Literaturhaus Zentralschweiz. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 17. Juni 2015))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Um die Jahrtausendwende wünschte sich in der Schweiz plötzlich jede Region ein Literaturhaus. Damals schossen diese Institutionen wie Pilze aus dem Boden. 1999 wurde das Zürcher Literaturhaus eröffnet. 2000 folgten das Literaturhaus Basel und das Bodman-Literaturhaus im thurgauischen Gottlieben. 2004 das Aargauer Literaturhaus in Lenzburg.

Und die Zentralschweiz? Die ging die Sache gemächlicher an. Die Idee, im sanierungsbedürftigen Am-Rhyn-Haus in der Luzerner Altstadt ein Literaturhaus einzurichten, wurde nie verwirklicht. Stattdessen nahm im November 2014 das Literaturhaus Zentralschweiz (Litz) im wunderschönen ehemaligen Patriziersitz Höfli in Stans seinen Betrieb auf.

Was das Litz von Anfang an von seinen Partnern in Basel, Zürich oder Lenzburg unterschied: Es ist nicht ausschliesslich das Aushängeschild einer Stadt oder eines Kantons. Nach der Idee seiner Vordenker sollte es als mobiler Veranstalter Literaturformate in sämtliche Regionen der Zentralschweiz bringen.

Ein Grund, warum die Institution bis heute nicht nur vom Hauptgeldgeber Kanton Nidwalden und der Gemeinde Stans, sondern von sämtlichen Zentralschweizer Kantonen finanziert wird. Zusammen mit dem Haus für Volksmusik in Altdorf hat die Institution damit einen Sonderstatus in der Region.

Ein Haus für die Zentralschweiz

Längst nicht alle Kantone gehen mehrjährige Leistungsvereinbarungen ein wie Nidwalden und Uri, die ihre Unterstützung für die Jahre bis 2018 fest zugesichert haben. Eine gewisse Planungsunsicherheit birgt das schon.

Laut Auskunft der Intendantin Sabine Graf werden in den nächsten Wochen aber Gespräche stattfinden. Darin soll die Finanzierung nach 2018 mit der öffentlichen Hand evaluiert werden. «Die Signale der Kantone stimmen uns grundsätzlich zuversichtlich», so Graf.

Um in allen Regionen der Zentralschweiz präsent zu sein, braucht man Partner. Vor zwei Jahren hatte das Litz seine Fühler bereits nach solchen regionalen Partnern ausgestreckt.

Seither ist einiges passiert. Die Zusammenarbeit mit dem Literaturfest Luzern und regionalen Verlagen brachte Buchpremieren ins Haus. Kooperationen mit dem Theater Uri, die mit der Luzerner Loge lancierte «Lyrik»-Reihe, die dieses Jahr fortgesetzt wird, oder die neu lancierte Diskussionsreihe «Dramatisches aus der Zentralschweiz» haben ebenfalls zur Sichtbarmachung des Hauses beigetragen.

Stars aus der Literaturszene brachten Weltläufigkeit

«Das Ausprobieren ist im ersten Jahr Programm», hatte Intendantin Graf dieser Zeitung vor zwei Jahren erklärt. Und Experimentierfreude zeigte Graf auch mit gewagteren Projekten ohne Regionalbezug. Graf, die von der Pro Helvetia kommt und in der Schweiz gut vernetzt ist, hat 2015 wie auch 2016 viele grosse Namen in die Region geholt: Michael Fehr, Jürg Halter, die Bachmannpreisträger Nora Gomringer und Dieter Zwicky, Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe, die italienische Autorin Rosa Matteucci und Zeitzeugen wie der tschechische Autor Pavel Kohout.

Eingestiegen ist man letztes Jahr auch bei der nationalen Literaturreihe «Sofalesungen». Die schickt Literaten in private Wohnzimmer und ist damit der perfekte Partner für ein Haus, das auch dezentral wahrgenommen werden will. 2015 war das Litz ausserdem Austragungsort des Schweizer Symposiums für literarische Übersetzer und hat sein Werkstattangebot für junge Schreibtalente ausgebaut.

Literarisch- musikalische Soireen

Anders als ihre Kollegen aus Basel oder Zürich scheut sich Graf nicht, musikalisch-literarische Bühnenprogramme zu einem wichtigen Programmpunkt zu machen. Graf nutzt den Umstand, dass diese Sparte in der Region nicht schon von unzähligen Kleinkunstbühnen in Beschlag genommen wird wie etwa in Zürich.

Dass es der Intendantin gelingt, nie zuvor gemeinsam erlebte Moderatoren und Literaten für ein Veranstaltungsformat miteinander zu vermählen, etwa den inzwischen verstorbenen Literaturvermittler Werner Morlang mit dem schrillen Literaten Dieter Zwicky, macht ihr Programm zu einer spannenden Menükarte für literarische Entdecker.

Im Durchschnitt wurden die Veranstaltungen im Jahr 2016 von 38 Zuschauern besucht, wobei hier auch die Teilnehmer der literarischen Werkstätten eingerechnet sind, was eine realistische Einschätzung des Besucherstroms erschwert. Ein Grossteil des Stammpublikums kommt aus Stans. Der vom verstorbenen Verleger Martin Wallimann 2011 im Chäslager initiierte und vom Litz und der Buchhandlung von Matt fortgeführte «Literarische Silvester» ist aufgrund der hohen Besucherzahlen (150 Besucher im Jahr 2016) ein Segen für das Haus, das wie das Aargauer Literaturhaus in Lenzburg mit der Lage an der Peripherie zu kämpfen hat.

Aus Luzern hat das Haus laut Auskunft von Graf immer noch wenig Besucher. Vielleicht sollten wir den Slogan «13 Minuten Litz-Engelberg-Express» für uns nutzen, meint sie mit Hinweis auf die schnelle Zugverbindung zur nahe gelegenen Stadt.

Offen bleibt, ob es dem Litz längerfristig gelingen wird, sein Profil zu festigen. Denn wer ständig auf Reisen geht, muss aufpassen, dass seine Wohnung nicht verwaist. Denkbar wäre an der attraktiven Adresse Höfli noch vieles. Etwa die Schaffung einer Autorenresidenz. Das könnte die nationale Ausstrahlung des Hauses erhöhen. Graf dazu: «Die Idee geistert herum. Doch dazu bräuchte es grössere finanzielle Ressourcen.» Stefan Zollinger, Leiter des Amts für Kultur in Nidwalden, meint, auf Finanzierungsmodelle angesprochen: «Man müsste eine private Stiftung finden, die ein solches Unternehmen trägt. Diese wäre unabhängiger als die öffentliche Kulturförderung.» Die habe man bislang noch nicht gefunden.

Und was erwartet uns für die neue Saison? Lukas Bärfuss liest. Im April kommt der syrische Bestsellerautor Rafik Schami ins Neubad, mit dem das Litz eine weitere Partnerschaft aufgebaut hat.

Hinweis

Saisonstart im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans: Samstag, 21. Januar, 19.45 Uhr mit «Friedrich Durrenmatt – Der Tunnel», szenische Lesung mit Musik.