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STANS: Von der Sehnsucht hinter Klostermauern

Das Freilichtspiel «Gott ist ein anderer» ist eine wunderbare Annäherung ans Leben im Kloster. Und macht verständlich, was schwer zu verstehen ist.
Romano Cuonz
Der Zuschauer tritt ins Kloster ein und begegnet überall Schwestern bei der Arbeit und bei ihrem stummen Gebet. (Bilder Romano Cuonz)

Der Zuschauer tritt ins Kloster ein und begegnet überall Schwestern bei der Arbeit und bei ihrem stummen Gebet. (Bilder Romano Cuonz)

«Tu sequere me!», schreibt eine Klosterfrau und Lehrerin an die Wandtafel im Physikzimmer. «Du aber folge mir nach!» In den 400 Jahren, in denen das Kloster St. Klara der Kapuzinerinnen nun besteht, hiess und heisst dies für jede der 431 Nonnen etwas anderes. Nur der Hintergrund ist letztlich immer der gleiche: «Was uns vereint, das ist nicht Gott, das ist unsere Sehnsucht nach Gott.» Und bei dieser Sehnsucht setzt das eindrückliche Freilichtspiel des Luzerner Autors Christoph Fellmann ein.

Hervorragende Bühnenfiguren

«Klosterfrauen sind hervorragende Bühnenfiguren. Sie haben für ihr Leben einen dramatischen Entscheid getroffen, und seither sind sie anwesend auf dieser Bühne, die durch Klostermauern begrenzt wird», hält Christoph Fellmann fest. Er selber mache eigentlich lediglich noch das Theaterlicht an. Dieses aber beleuchte eine Lebensform, die moderne Menschen zunehmend als seltsam und unzumutbar empfänden. Fehlmann kreiert dazu ein grossartiges und doch einfühlsames Spiel, das Zuschauer staunen und verstehen lässt. Als ein eher unspektakuläres, aber höchst erstaunliches Theatererlebnis hinter Klostermauern könnte man es bezeichnen. Als eines, das Menschen der heutigen Zeit nachdenklich stimmt.

Eindrücklich und zur Meditation einladend sind die Chor- und Sprechgesänge, die das Stück immer wieder beleben. (Bild: Romano Cuonz)Eindrücklich und zur Meditation einladend sind die Chor- und Sprechgesänge, die das Stück immer wieder beleben. (Bild: Romano Cuonz)
Der Zuschauer tritt ins Kloster ein und begegnet überall Schwestern bei der Arbeit... (Bild: Romano Cuonz)Der Zuschauer tritt ins Kloster ein und begegnet überall Schwestern bei der Arbeit... (Bild: Romano Cuonz)
... und bei ihrem stummen Gebet. (Bild: Romano Cuonz)... und bei ihrem stummen Gebet. (Bild: Romano Cuonz)
Kalt den Rücken hinunter läuft es einem als Zuschauer, wenn die Schwestern, die selber kaum etwas haben, den Armen dampfende Suppenschüsseln vorsetzten. (Bild: Romano Cuonz)Kalt den Rücken hinunter läuft es einem als Zuschauer, wenn die Schwestern, die selber kaum etwas haben, den Armen dampfende Suppenschüsseln vorsetzten. (Bild: Romano Cuonz)
Eine Erzählung, die unter die Haut geht von Agnes Haxhimurati im Holzschopf. (Bild: Romano Cuonz)Eine Erzählung, die unter die Haut geht von Agnes Haxhimurati im Holzschopf. (Bild: Romano Cuonz)
Pia Murer schält in der Pergola Kartoffeln und macht dabei überaus ergreifende Geständnisse. (Bild: Romano Cuonz)Pia Murer schält in der Pergola Kartoffeln und macht dabei überaus ergreifende Geständnisse. (Bild: Romano Cuonz)
Eindrücklich die Erzählung übers Betteln der Kapuzinerinnen von Kerstin Flüeler in der Werkstatt. (Bild: Romano Cuonz)Eindrücklich die Erzählung übers Betteln der Kapuzinerinnen von Kerstin Flüeler in der Werkstatt. (Bild: Romano Cuonz)
Auf dem Holzplatz: (Bild: Romano Cuonz)Auf dem Holzplatz: (Bild: Romano Cuonz)
Bé Barmettler erzählt während der Arbeit die Geschichte einer Klosterfrau. (Bild: Romano Cuonz)Bé Barmettler erzählt während der Arbeit die Geschichte einer Klosterfrau. (Bild: Romano Cuonz)
Silvie Kohler als Lehrschwester im Physikzimmer. (Bild: Romano Cuonz)Silvie Kohler als Lehrschwester im Physikzimmer. (Bild: Romano Cuonz)
Die Schwestern in der Kirche: (Bild: Romano Cuonz)Die Schwestern in der Kirche: (Bild: Romano Cuonz)
Eindrücklich musikalische Sprechchöre stimmen ins Stück ein. (Bild: Romano Cuonz)Eindrücklich musikalische Sprechchöre stimmen ins Stück ein. (Bild: Romano Cuonz)
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Freilichtspiel «Gott ist ein anderer» in Stans

Jede beginnt zu erzählen

Zuerst sind Zuschauer und Klosterfrauen in der Kirche. Der Schwesternchor schildert mit eindringlich monotonem Sprechgesang den Klosteralltag. Später wird dem Publikum Einlass ins Kloster gewährt. Hinter der Mauer erwarten zehn verschiedene Schwestern aus verschiedenen Epochen an verschiedenen Orten ihre Gäste. Und beginnen zu erzählen. Jede für sich. Auf ureigene Art in oft lyrisch verdichteten Monologen. Entstanden sind sie aufgrund von Nekrologen und Lebensläufen. Der Zuhörer erhält Antworten auf unausgesprochene Fragen. Und mit einem Mal ist ihm Sehnsucht, wie sie auch hinter Klostermauern gefühlt, gelebt, gelitten wird, nicht mehr so fremd.

Erschreckendes und Warmherziges

«Aufmüpfige Schüler habe ich oft in den Kühlschrank gestellt», gesteht die Physiklehrerin der 1950er-Jahre (Silvie Kohler mit resoluter Härte). «Natürlich nicht wirklich, sondern durch Nicht­beachten», ergänzt sie. Doch auf die kalte Aussage folgt die Schilderung, wie liebevoll die Schüler sie nach ihrem Tod verabschiedet haben. Eine Schwester von 1922 (Bé Barmettler voll Temperament) erklärt beim Holzspalten: «Der Herrgott hat mich aufgefangen wie eine reife ‹Zwätschgä›.» Geradezu erschreckend die Aussage einer Schwester von 1638 (Kerstin Flüeler mimt sie eindrücklich), die für den Klosterbau bettelte: «Der Landammann hat erklärt, er habe dem Kloster schon sein Kind gegeben und die Tür zugeschlagen.» Oder die Küchenschwester (Nadia Odermatt), die beim Hasenpfefferkochen sehnsüchtig Mozarts Requiem hört, an einem besonderen Wässerchen schnuppert und «verschupfte» Mädchen in der Küche aufnimmt. Schliesslich die Schwester im Holzschopf (Agnes Haxhimurati mit Theater pur), die in naiver Frömmigkeit von ihrer letzten Stunde erzählt: «1784 habe ich aufgehört zu schnaufen, bin verloschen wie ein Kerzlein, dann war ich nicht mehr auf der Welt.» Leider können Besucher nie allen Schwestern begegnen.

Inszenierung ohne Fehl und Tadel

Monologe so in Szene zu setzen, dass man sie als lebendiges Theater empfindet, ist hohe Kunst. Regisseurin Ursula Hildebrand beherrscht diese wie keine zweite. Behutsam, stets gut bedenkend, welche für Zuschauer überraschende Bewegungen, welche Gestik oder Mimik bei welchen Worten angemessen ist, gestaltet sie die einzelnen Episoden zu beredten Bildern im Freien. Bezieht die Räume, den blühenden Garten, die Landschaftssilhouette mit ein. Gar auch die Glockenschläge vom Türmchen oder die in Töpfen brodelnde und dampfende Armensuppe. All das mit viel Einfühlung und grossem Respekt für die Figuren mit ihrem biografischen Hintergrund.

Liedhafte melodiöse Sprechchöre

Die Inszenierung im Klostergarten weist noch zahlreiche Stärken auf. Dazu zählen sicher die präzis getexteten und von Christov Rolla musikalisch oft hauchzart umgesetzten sprechrhythmischen Chorszenen: etwa, wenn die Schwestern aufzählen, wie sie jahraus, jahrein für all die andern beten – «as äs guät wird!» Von Krebsleiden übers Burn-out bis zu Schulnoten gehen die Anliegen. Pure Poesie, wenn bei feiner Musik im nächtlichen Garten Sinnfragen gestellt werden: «Was bin ich, und as was gält ich, und wiä vil Chraft han ich?»

Überraschend und eingängig auch das vom Männerchor ausserhalb der Mauer mehrstimmig gesungene Lied «Oh Dona Klara, ich hab dich tanzen gesehen ...». Nicht zuletzt tragen Licht (Martin Brun), Kostüme und Maske (Brigitte Fries und Roger Niederberger) zu einem einmaligen Theatererlebnis anderer Wirklichkeit bei. Schade nur, dass es so viele Leute wegen der ausverkauften Plätze nicht mitbekommen!

Weitere Bilder des Freilichtspiels unter www.nidwaldnerzeitung.ch/bilder

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