Stanser Gymischüler wehren sich: Sie fordern in offenem Brief einen Stopp aller Maturaprüfungen

Nidwaldner Maturanden müssen trotz Coronapandemie zur Abschlussprüfung antraben. Getestet wird schriftlich, auf eine mündliche Prüfung wird verzichtet. Das ruft alle Maturanden auf den Plan. 

René Meier
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Schüler beim Ausfüllen einer Prüfung: Die Maturaprüfungen im Kanton Nidwalden finden nur schriftlich statt.

Schüler beim Ausfüllen einer Prüfung: Die Maturaprüfungen im Kanton Nidwalden finden nur schriftlich statt. 

Symbolbild: Gaetan Bally / Keystone

Ende Mai beginnen üblicherweise die Maturitätsprüfungen im Kanton Nidwalden, bis Mitte Juni wäre die Prüfungsphase beendet. Nun ist das Coronavirus dazwischengekommen und die Frage, wie die Maturanden des Kollegiums St. Fidelis zu ihrer Maturität kommen sollen, scheint inzwischen geklärt. Der Verordnungsentwurf der Nidwaldner Regierung sieht vor, die schriftlichen Maturitätsprüfungen durchzuführen und auf die mündlichen Prüfungen zu verzichten. Dies geht aus einem Email von Patrik Eigenmann an die Maturanden hervor. Eigenmann ist Rektor des Kollegi in Stans. Im Email, das auch unserer Redaktion vorliegt, schreibt Eigenmann: «Die schriftlichen Prüfungen finden wie geplant am 11. Mai statt». 

Das hat nun die Maturanden auf den Plan gerufen: In einem offenen Brief, der am Freitagabend unter anderem an den Nidwaldner Gesamtregierungsrat verschickt wurde, stellen die Maturanden drei zentrale Forderungen auf:

  • Auf alle Maturitätsprüfungen soll verzichtet werden – nach dem Vorbild Zürich, Bern und Basel. Diese Kantone bilden die Maturitätsnoten aus den Semesternoten der 6. Klasse. 
  • Sollten die schriftlichen Maturitätsprüfungen dennoch abgehalten werden, fordern die Maturanden, dass sie nicht schon im Mai stattfinden. In der Tat gehört Nidwalden zu den Kantonen in der Schweiz, die am frühesten prüfen. Im Kanton Luzern starten die ersten schriftlichen Maturaprüfungen am 14. Mai, in Uri am 15. Juni, wie am Freitag bekannt wurde.
  • Die schriftlichen Prüfungen sollen die gleiche Gewichtung und Wertung erfahren wie in den vorhergehenden Jahren; das heisst eine stärkere Gewichtung der Semesternoten, im Gegensatz zur stärkeren Gewichtung der Prüfungen. Der Entwurf sieht laut Eigenmann vor, dass die Maturanoten aus den beiden Semesternoten (50 Prozent) und der schriftlichen Prüfungsnote (50 Prozent) und allen anderen Noten, die schon feststehen, berechnet wird. 

Gymischüler hätten nationale Lösung bevorzugt

Letzte Woche hatte die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) beschlossen, den Entscheid über eine Durchführung der schriftlichen Prüfungen den Kantonen zu überlassen. «Wir alle hätten eine gesamtschweizerisch geltende Lösung bevorzugt», heisst es im offenen Brief, der von allen 76 Maturanden mitgetragen wird.

Rektor Patrik Eigenmann geht davon aus, dass der Regierungsrat die nun auf dem Tisch liegende Lösung am 5. Mai im Gremium besprechen wird. Das heisst: eine definitive Lösung liegt nur gerade sechs Tage vor dem Start der schriftlichen Prüfungen vor.

«Das ist viel zu spät»

, sagt Lea Tiszberger auf Anfrage, die zusammen mit Melina Lässer, André und Ramon Züsli als Vertreter der Maturanden auftritt. Die sechswöchige Coronazeit sei weder für uns Maturanden noch für die Lehrer eine einfache Zeit gewesen. Tiszberger: «Das können wir nicht verstehen».

Von jetzt an haben die Gymischüler Zeit, sich digital auf die schriftlichen Prüfungen vorzubereiten, nachdem das Datum vom 11. bis 15. Mai bekannt ist. Aber diese Schlussvorbereitung steht in direkter Konkurrenz mit zahlreichen Prüfungen, welche zum normalen 2. Semester gehören.

Maturanden sind besorgt wegen früher Ansetzung der Prüfungen

Die Maturanden gehen gar noch weiter. Wörtlich heisst es im offenen Brief: «Das frühe Datum steht unseres Erachtens im Widerspruch zur bundesrätlichen Anordnung vom 16. April, dass Mittel-, Berufs-, und Hochschulen erst ab 8. Juni den Präsenzunterricht wieder aufnehmen dürfen. Diese Weisung basiert auf dem Credo, die Risikogruppen zu schützen und auch uns selbst keinem unnötigen Risiko einer Ansteckung auszusetzen, durch die potentiell grosse Zahl von Prüflingen in einem Raum. Viele von uns sind sehr besorgt, dass mit dieser frühen Ansetzung unserer Prüfungen dieser Weisung zuwiderhandelt wird.»

Die Zeit drängt: Schon am 3. Juli findet der Eignungszeit für das Medizinstudium (EMS) statt. Eigenmann: «Ich bin überzeugt, dass mit der nun getroffenen Regelung genügend Zeit bleibt, nämlich sieben Wochen, sich auf diesen Test vorzubereiten, damit kein Nachteil für diejenigen entsteht, die ihn absolvieren wollen.»

Eine gesamtschweizerische Online-Petition fordert, dass auf nationaler Ebene alle Maturitätsprüfungen abgesagt werden. Die Initianten der Petition kritisieren, dass die Schweiz gesamtheitlich vom Coronavirus betroffen sei und der Schulunterricht landesweit ausgesetzt wurde. Alle Schüler hätten sechs Wochen Frontalunterricht im Klassenzimmer verpasst, wodurch es keinen Sinn mache, dass nun einzelne Kantone die Prüfungen durchführen, andere Kantone jedoch darauf verzichten würden. Bis am Sonntag wurde sie von 1800 Personen unterschrieben. 

Weder Rektor Patrik Eigenmann noch Bildungsdirektor Res Schmid wollten sich am Sonntag auf Anfrage zu den Forderungen der Schüler äussern. Eigenmann: «Da es sich um einen politischen Entscheid handelt, möchte ich diesen nicht kommentieren.» Schmid verwies auf ein Communiqué, welches die Bildungsdirektion am Montag verschicken wird. 

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