Stanser Musiktage fanden trotzdem statt

Dass die Stanser Musiktage abgesagt wurden, machte ihre vielen Freunde traurig. Doch Max Christian Graeff hatte eine tröstliche Idee.

Romano Cuonz
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Wer am letzten Dienstag zufällig die Website der Stanser Musiktage besuchte, las dort schwarz auf weiss: «Goood morning Staaaaaans! – so schallte es wie an jedem frühen Festivalmorgen durch das ganze Dorf, aus den alten Trichterlautsprechern, die noch im gesamten Reduit an den Masten hängen und vor denen auch die stimmgewaltigsten Zentralschweizer Hähne bereits vor Generationen kapitulierten.» Wie bitte? Waren denn die Stanser Musiktage gar nicht abgesagt? Hatte man da etwas verpasst? Und – als ob damit nicht genug wäre – erschien nun an jedem neuen Tag ein weiterer Bericht vom Festival.

Die Erklärung zu diesem «Phänomen» gibt Co-Leiterin Esther Unternährer ab. Sie erzählt: «Als wir am 13. März nach langem Hin-und-Her-Überlegen die Stanser Musiktage 2020 wegen des Coronavirus definitiv absagen mussten, waren wir alle sehr traurig.» Jammern wollten wir trotzdem nicht, meint Esther Unternährer. «Wir wussten ja, dass wir mit dem ganzen ‹Welttheater› im gleichen Boot sitzen.»

Literatur, die Wirklichkeit erfindet

Dann plötzlich habe sich einer gemeldet. Einer, der im Programm der Stanser Musiktage als Festivalschreiber angekündigt war: Autor, Lektor und Buchhersteller Max Christian Graeff. «Er machte uns klar, dass die Stanser Musiktage, trotz Corona, stattfinden sollten!», schmunzelt Esther Unternährer. Der gebürtige Wuppertaler Graeff – er ist seit Jahren in der Schweiz tätig – erläutert seinen Coup so: «Ich wollte eigentlich das Musikfestival mit einem Bauchladentisch samt Laptop begleiten. Wollte den Musikern wie auch den Zuhörern aufs Maul schauen, live vor Ort ihr Erzählen, Empfinden und Erinnern plündern.»

Die Ausbeute dieser Klatschkolumne wäre jeden Abend im Winkelriedzelt als kleine Sondershow vor Programmbeginn unter dem Titel «Stanser Wortmusik» zu hören gewesen. «Wäre!» Dieser Konjunktiv störte Graeff. So sehr, dass er es nicht dabei belassen wollte. «Mir kam nämlich in den Sinn, wie doch Literatur viel mehr können muss als einfach nur Realität nacherzählen und verfälschen», schildert er. Literatur vermöge auch Wirklichkeit zu erfinden. Anders gesagt: Graeff beschloss, dass er sich trotz Absage jeden Tag ins Stanser Musiktage-Gewimmel stürzen wolle. Wie ursprünglich vorgesehen! Doch mit einem kleinen Unterschied: Er würde rein virtuell präsent sein! «Ich schuf mir eine Ebene, auf der ich meiner Fantasie freien Lauf lassen konnte, und auf der Wirklichkeit und Unwirklichkeit durcheinanderwirbelten», schildert er sein Vorhaben.

Trotz leerer Säle fanden die Stanser Musiktage statt – einfach virtuell…
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Trotz leerer Säle fanden die Stanser Musiktage statt – einfach virtuell…
Trotz leerer Säle fanden die Stanser Musiktage statt – einfach virtuell…
Trotz leerer Säle fanden die Stanser Musiktage statt – einfach virtuell…

Trotz leerer Säle fanden die Stanser Musiktage statt – einfach virtuell…

Bilder: PD/Emanuel Wallimann

Wenn es einen Bericht gibt, gab es auch einen Event

Die Leitung der Stanser Musiktage zeigte sich begeistert. «Wir erkannten sogleich die grossen Möglichkeiten, die man mit Texten hat, und erklärten uns gerne bereit, sie vom 21. März bis zum 26. April täglich auf unsere Website und auf Facebook zu stellen», sagt Esther Unternährer. Eigentlich gab es heuer die Stanser Musiktage nicht. Dennoch gab es sie. Max Christian Graeff grinst: «Wenn es zu einem Event jeden Tag einen Bericht gibt, dann hat dieser auch stattgefunden.» In der Tat! Da konnten Tausende Empfänger der News schwarz auf weiss lesen: Im Garten der Melachere trafen wir uns heute früh mehr oder weniger zufällig zu einer Art Pressefrühstück, jeder brachte ein paar nächtliche Fundsachen aus der Festivalgastronomie mit, denn in diesen Tagen liegt in Stans nahezu überall noch Geniessbares herum.» Und gar beim Namen genannt wurden Beteiligte: «Auch Stefan Zollinger vom Amt für Kultur sass mit zentnerschweren Augenringen in den Hortensien, und als dann auch noch der Luzerner Kantonskulturchef Stefan Sägesser plötzlich durch die Hecke gekrochen kam...». Alles Lug und Trug! Doch dem Publikum gefiel’s. «Ich habe Post von zahlreichen erheiterten Leuten bekommen», freut sich die virtuelle Festival-Klatschtante Graeff.

Doch, Goethe war eine Nacht in Stans

Mitten in ein Wespennest gestochen hatte er allerdings, als er am Dienstag blödelte: «War Goethe jemals in Stans? Das interessiert doch nicht.» Dies hätten ihm die Stanser übel genommen, gesteht Graeff. Schon am nächsten Tag räumte die Klatschtante ein: «Abbitte leisten muss ich allerdings bei allen Urdörflern, die gestern unverzüglich reklamierten, Goethe habe tatsächlich eine Nacht in Stans verbracht und das sei sehr wohl angemessen im Stadtbild vermerkt!»

Esther Unternährer und ihr Leitungskollege Candid Wild amüsierten sich die ganze Woche über diese spezielle Ausgabe der Stanser Musiktage 2020. «Doppelt aber freuen wir uns aufs kommende Jahr, wenn unser Anlass wieder Wirklichkeit wird», sagt Esther Unternährer. Und wenn wieder solche Bilder zu sehen sind:

Bild: André A. Niederberger, 1. Mai 2019

Die Stanser «Wortmusik» von Max Christian Graeff kann man auf der Website der Stanser Musiktage, www.stansermusiktage.ch, weiterhin nachlesen.