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STANS/LUZERN: Fabio Paco: «Ich bin ein ganz normaler Stift»

Noch vor einem Jahr hätte das niemand für möglich gehalten: Fabio Paco hat seine Lehre als Modeverkäufer gestartet – nach einer wundersamen Heilung.
Matthias Piazza
Lehrling Fabio Paco beim Zusammenlegen von Herrenkleidung an seinem Arbeitsplatz in der Luzerner Altstadt. (Bild Nadia Schärli)

Lehrling Fabio Paco beim Zusammenlegen von Herrenkleidung an seinem Arbeitsplatz in der Luzerner Altstadt. (Bild Nadia Schärli)

Matthias Piazza

An diesem Donnerstagvormittag haben sich noch nicht so viele Kunden in die Herrenabteilung der Modeboutique Companys am Reusssteg in der Luzerner Altstadt eingefunden. Trotzdem hat Erstlehrjahrstift Fabio Paco (18) alle Hände voll zu tun. Eine grosse Lieferung mit neuen Kleidern ist angekommen. Sie müssen ausgepackt, kontrolliert, beschriftet und eingeräumt werden. Man will für den strengen Abendverkauf und den Samstag gerüstet sein.

«Ich bin ein Mensch, der sich gerne schön anzieht. Mode und Kleider sind meine Leidenschaft. Die Lehre als Detailhandelsverkäufer in diesem Modegeschäft ist darum genau das Richtige für mich. Ein Traum ging in Erfüllung», schwärmt der Stanser mit portugiesischen Eltern, der bewusst einen Lehrbetrieb in Luzern gesucht hat. «So komme ich aus Stans raus, treffe meine Kollegen auf dem Arbeitsweg im Zug, kann mit ihnen in Luzern zu Mittag essen», erzählt er weiter.

Diagnose traf ihn wie ein Schlag

Auf den ersten Blick unterscheidet er sich nicht von den anderen Tausenden von Jugendlichen in der Schweiz, die Anfang August ihre Berufslehre begonnen haben. Dabei ist es alles andere als selbstverständlich, dass Fabio Paco heute gesund und munter seinen Traumberuf ausüben kann. «Vor einem Jahr hätte ich nie gedacht, dass ich jetzt mit der Lehre starten kann.»

Er hat eine schlimme Zeit hinter sich: Es war im Oktober 2014, er hatte schon seinen Lehrvertrag im Sack, freute sich auf den Lehrbeginn im kommenden Sommer, als er sich immer unwohler fühlte. Die Diagnose traf ihn, seine Familie und Freunde wie aus heiterem Himmel: Hämophagozytische Lymphohistiozytose, kurz HLH – eine sehr seltene Erkrankung des Immunsystems.

Gross angelegte Hilfsaktion

An den Antritt der Lehre war nicht mehr zu denken. Wochen verbrachte er im Luzerner Kinderspital, teilweise auch auf der Intensivstation, musste Operationen über sich ergehen lassen. Die einzige Hoffnung schien eine Blutstammzellspende. Von seiner Familie war allerdings niemand geeignet. Das Kantonsspital Nidwalden als Arbeitgeber seiner Eltern lancierte eine Registrierungsaktion. Rund 600 potenzielle Spender folgten dem Aufruf, liessen ihre Werte in der weltweiten Spenderdatenbank eintragen. Nicht zuletzt durch die Berichterstattung in unserer Zeitung registrierten sich weitere rund 4000 potenzielle Spender über Internet beim Schweizerischen Roten Kreuz.

Der geeignete Spender blieb aus

Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Trotz rund 25 Millionen Eintragungen in der weltweiten Datenbank blieb der Treffer aus. Das bange Warten ging weiter, die Zukunft war ungewiss. Denn eine Blutstammzelle war die einzige Rettung, sagten zumindest die Ärzte.

Die Zeit im Spital empfand Fabio als hart. Das Leben draussen ging ohne ihn weiter. So fand auch der Abschlussball seiner Klasse ohne ihn statt, an dem er so gerne teilgenommen hätte. «Das Schwierigste war für mich aber, dass ich im Sommer nicht meine Lehrstelle als Detailhandelsfachmann antreten konnte. Das war für mich ein Weltuntergang», blickt er zurück. Und dann trat das ein, was die Ärzte als Wunder bezeichneten. Es ging plötzlich bergauf, er wurde gesund. «Warum es mir besser geht, konnten sie mir nicht erklären. Sie meinten, vielleicht hätten sie nun die richtigen Medikamente gefunden, es könne überdies auch an meiner grossen Willenskraft liegen.»

Gemäss den Ärzten sei er heute wieder vollständig gesund, zur Sicherheit macht er monatlich Kontrolluntersuche, an denen Hirnflüssigkeit entnommen wird. «Mein Körper ist vom Virus befreit, aber es besteht ein gewisses Rückfallrisiko.»

Er durfte im vergangenen Frühling bei seinem jetzigen Lehrbetrieb ein Praktikum starten, besuchte parallel dazu das zehnte Schuljahr. «Mein Chef besuchte mich im Spital und versicherte mir, dass ich die Lehre ein Jahr später beginnen dürfe, was ich sehr schätze.»

Kunden sprechen ihn an

Wegen der Berichte über sein Schicksal erlangte er gar einen gewissen Berühmtheitsgrad. «Kollegen und auch Kunden sprechen mich im Laden auf meine Geschichte an, fragen mich, wie es mir geht.» Mitleid hingegen brauche er nicht. «Ich bin ein ganz normaler Stift und brauche auch keine Spezialbehandlung.» Auch im Ausgang sei ihm auf die Nerven gegangen, als ihn alle wie ein Baby behandelt hätten.

Natürlich sei die Krankheit nicht spurlos an ihm vorübergegangen, sie habe ihn geprägt. «Früher habe ich schnell aus jeder Kleinigkeit ein Drama gemacht, sei es etwa, wenn ich die neusten Schuhe nicht bekam. Heute nehme ich alles viel gelassener.» Gedanken über die weitere Zukunft mag er sich nicht machen. «Ich bin ein spontaner Mensch und lebe im Jetzt.»

Auch Filialleiter Pietro Bigoni, sein Lehrmeister, liess das Schicksal nicht unberührt. «Das Lehrlingsamt teilte mir mit, dass Fabio seine Lehre im August 2015 nicht antreten kann wegen einer Krankheit. Die Details erfuhr ich dann aus der ‹Zentralschweiz am Sonntag›», erinnert er sich. Er erlebte beklem­mende Momente, als er Fabio im Spital besuch­te. «Man wusste nicht, was man sagen soll. Ich hoffte einfach inständig, dass er bald wieder gesund wird.» Als das besagte Wunder eintraf, war für Pietro Bigoni klar, dass Fabio als Praktikant arbeiten und die Lehre ein Jahr später antreten durfte. «Dass wir ihn unterstützen, ist das Mindeste.»

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