STANS/NEPAL: Nepal: «Unser Wohnmobil ist noch dort»

Mittendrin im Erdbeben in Nepal: Zwei Stanser sind glücklicherweise unbeschadet davongekommen. Seit wenigen Tagen sind sie zurück in der Schweiz.

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Ruth und Walter Odermatt einen Tag vor dem grossen Beben auf ihrer Trekkingtour vor dem Annapurna. (Bild: pd)

Ruth und Walter Odermatt einen Tag vor dem grossen Beben auf ihrer Trekkingtour vor dem Annapurna. (Bild: pd)

Philipp Unterschütz

Es ist Mittag am 25. April, als die Erde anfängt zu beben. Soeben sind Ruth (56) und Walter (54) Odermatt aus Stans im kleinen Dorf Ghandruk im nepalesischen Annapurna-Gebiet auf 2000 Metern Höhe eingetroffen. «Zuerst war ein dumpfes Grollen zu hören. Es klang wie ein langgezogenes Donnern», schildert Walter Odermatt die ersten Eindrücke des Bebens, das in Nepal über 8000 Tote forderte und Millionen zu Obdachlosen machte.

«Schreiend aus den Häusern»

«Alles hat geschwankt, man musste regelrecht um sein Gleichgewicht kämpfen. Sogar von blossem Auge konnte man eine Art Wellenbewegung des Landes erkennen.» Die Odermatts, die noch nie ein Erdbeben erlebt hatten, brauchten einige Sekunden, um zu realisieren, was da passierte. «Da rannten die Leute mit ihren Kindern auf dem Arm schon schreiend aus den Häusern», ergänzt Ruth Odermatt. Besorgt schauten sie die steilen Hänge hoch, ob Gerölllawinen ins Tal stürzten. Einen Rückzugsort hätten sie mit Sicherheit nicht gefunden. Immerhin haben sie Glück im Unglück. Das rund 10-sekündige Beben führt im Dorf nicht zu Häusereinstürzen mit Toten und Verletzten. Die Trekkingtour fortzusetzen, ist allerdings nicht mehr möglich, die Wege zum Annapurna-Base-Camp sind teilweise von Lawinen verschüttet. Deshalb reisen sie per Bus zurück nach Pokhara, wo sie ihr Wohnmobil abgestellt hatten.

Direkthilfe dankbar angenommen

«Das tatsächliche Ausmass war uns da noch nicht klar, auf dem Weg waren auch nicht viele Schäden zu sehen», meint Odermatt. «In Pokhara klärte man uns dann auf, was im Land und in Kathmandu los war.» Sie seien geschockt gewesen über die vielen Opfer, einmal mehr habe es die Ärmsten erwischt.

Nur gerade eine Woche vor dem Ereignis hatten sie Gorkha bereist, dort, wo das Epizentrum des Bebens mit einer Stärke von 7,8 war, und dort viele Leute kennen gelernt. Weil ihr jetziger Standort in Pokhara an einem sicheren Ort war, blieben die Odermatts noch einige Tage. Sie meldeten sich per Mail bei der Botschaft und beim EDA und natürlich bei Familie, Freunden und Bekannten, die sie mit besorgten Anfragen bombardiert hatten.

Vor der Rückkehr in die Schweiz vor einer Woche besuchten sie auch Bekannte im Umfeld ihres Standplatzes. Die seien in Tierställe umgezogen oder nächtigten im Freien, aus Furcht vor Nachbeben, und weil sie zuerst ihre Häuser reparieren mussten. «Im Moment konnten wir nichts für sie tun, als sie mit etwas Geld für den Wiederaufbau ihres bescheidenen Hauses zu unterstützen. Sie waren extrem dankbar, und an den nächsten zwei Tagen brachten sie uns frische Milch, obwohl sie doch selber kaum etwas haben.» Auch hätten sie Kleider gespendet für die sofort organisierte Selbsthilfe von Nepalesen für ihre Landsleute. Die internationalen Hilfswerke hätten es schwierig gehabt, vor allem wegen der grassierenden Korruption sei viel Zeit verloren gegangen. Dass die Angst vor weiteren Ereignissen berechtigt ist, zeigte sich gestern, als ein gewaltiges Nachbeben mit einer Stärke von 7,4 aus Nepal gemeldet wurde (mehr dazu auf Seite 40).

Im Juli gehts zurück nach Nepal

Zurück in Kathmandu erkannten Ruth und Walter Odermatt dann erst das wirkliche Ausmass der Schäden. Auch da halfen sie einer Frau, die im Schutt ihres Hauses wühlte, mit einer Geldspende. Immerhin hatte sie keine Angehörigen in den Trümmern verloren, aber doch ihren ganzen Besitz. «Es ist auch einiges Kulturgut zerstört worden, das wir gerne noch besucht hätten», erzählt Ruth Odermatt. «Aber die Annahme, dass ganz Nepal in Schutt und Asche liege, ist übertrieben. Das Land ist weniger zerstört, als es die Fernsehbilder vermuten lassen könnten. Es handelt sich um punktuelle Zerstörungen.» Man könne durchaus noch reisen in Nepal.

Und das werden die Odermatts auch tun: Im Juli gehts zurück nach Kathmandu. «Unser Wohnmobil ist noch dort, falls möglich wollen wir zuerst Bekannte in Nepal besuchen und dann nach Indien reisen und unser fahrendes Heim in Mumbai nach Südafrika verschiffen.» Eigentlich sei es nach so einer Katastrophe erst recht wichtig, dass die Touristen nicht wegblieben, sondern das dringend benötigte Geld zum Wiederaufbau ins Land brächten. Tourismus sei die zweitwichtigste Einnahmequelle im armen Nepal. «Unser Gepäck wird anders aussehen als geplant. Wir werden warme Kleidung für unsere Bekannten mitnehmen», sagen Ruth und Walter Odermatt, die sich bewusst sind, dass die Katastrophe bis in zwei Monaten noch längst nicht überwunden sein wird.

Sich anpassen ist das Wichtigste

«Schon seit langem hatten wir geplant, im Mai für eine Pause in die Schweiz zurückzukommen. Dass dies möglich war, verdanken wir dem Umstand, dass wir uns für eine Trekkingtour in ein Gebiet entschieden hatten, das vor den Folgen des Bebens eher verschont blieb», sagen die zwei Reisenomaden. Und sie verstehen in Anbetracht dieser Umstände, dass hierzulande die meisten Leute sie auf das Erdbeben ansprechen.

Dabei haben sie auch viel zu erzählen von ihrer ganzen Reise (siehe Hinweis unten). Seit März 2014 sind sie unterwegs mit einem Toyota Land Cruiser und haben schon über 42 000 Kilometer zurückgelegt. Italien, Griechenland, Türkei, Iran, Russland, Mongolei, China, Laos, Kambodscha, Myanmar, Indien, Nepal: Die Liste der bereisten Länder ist lang – und nicht einmal vollständig. «Uns hat einfach das Reisevirus gepackt», lacht Ruth Odermatt. Erfahrung hatten sie schon reichlich auf der Panamericana in Süd- und Nordamerika gesammelt. Dort waren sie vor einiger Zeit über drei Jahre mit ihrem Wohnmobil unterwegs. Wichtig beim Reisen sei die ständige Information über Land, Leute und Klima oder das Einhalten der Reisehinweise des EDA. «Das Wichtigste ist, dass man sich der einheimischen Bevölkerung anpasst, dann kommt man kaum in Schwierigkeiten. Wer mit der Angst reist, findet das Glück mit Sicherheit nicht.»

Hinweis

Die Reiseerlebnisse von Ruth und Walter Odermatt findet man unter www.reisevirus.info