STANSSTAD: Letzter Zeitzeuge wird herausgeputzt

Der letzte erhaltene Triebwagen der ehemaligen Luzern–Stans– Engelberg-Bahn erhält seinen Originalanstrich. Und soll bald wieder fahren.

Matthias Piazza
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Am 21. März wurde der historische LSE-Triebwagen von Stansstad nach Zweilütschinen im Berner Oberland gebracht, wo er wieder in die alten LSE-Farben umgespritzt wird. (Bild: pd/Beat Wuhrmann)

Am 21. März wurde der historische LSE-Triebwagen von Stansstad nach Zweilütschinen im Berner Oberland gebracht, wo er wieder in die alten LSE-Farben umgespritzt wird. (Bild: pd/Beat Wuhrmann)

Matthias Piazza

Ein ungewöhnlicher Anblick bot sich am Montag auf der Brünig-Strecke. Wo sonst topmoderne Adler-, Fink- oder auch Spatz-Kompositionen der Zentralbahn unterwegs sind, fuhr ein spezieller Triebwagen von Stansstad in Richtung Brünig. Er dürfte wohl aufgefallen sein – nicht nur wegen der altertümlichen Bauform, sondern auch wegen seines chamäleonhaften Aussehens. Auf dem letzten Teilstück von Interlaken nach Zweilütschinen wurde er allerdings gezogen, da auf dem Netz der Berner Oberland-Bahn andere Spannungsverhältnisse herrschen. Dort, in der Spritzkabine, erhält das historische Fahrzeug wieder exakt das Aussehen des letzten Betriebszustandes der LSE im typischen Engelbergrot, als es auf der Strecke zwischen Luzern und Engelberg verkehrte.

Während Jahrzehnten im Einsatz

Der rund 18 Meter lange und 48 Tonnen schwere Triebwagen ist der letzte erhalten gebliebene. Entsprechend hoch schätzt Beat Wuhrmann, Projektleiter der Interessengemeinschaft Luzern–Stans–Engelberg-Bahn (IG LSE), eine Untergruppe des Vereins ZB Historic, den historischen Wert ein. Der Verein kümmert sich um den Erhalt des historischen Brünig-Rollmaterials.

«Das ist ein Stück Nidwaldner Eisenbahn- und Technikgeschichte.» Während Jahrzehnten, nämlich seit 1964, als mit der Eröffnung des Loppertunnels die Bahn erstmals von Luzern bis nach Engelberg fuhr, waren diese Zugkompositionen ein alltägliches Bild auf dieser Strecke. Diese Zeiten sind seit Inbetriebnahme des Steilrampentunnels nach Engelberg im Dezember 2010 Geschichte.

Die rund 70-köpfige IG LSE will diese Geschichte nun wieder aufleben lassen. So schwebt Wuhrmann vor, dass eine solche LSE-Komposition ein paar Mal im Jahr wieder fährt, «zum Beispiel am Muttertag oder am 1. August». Die Details müssten noch erarbeitet werden. Doch er geht davon aus, dass es bereits im nächsten Jahr so weit sein könne. «Die Zentralbahn, die diese historischen Fahrten betreiben würde, ist daran sehr interessiert», hält er fest. Die ZB Historic ist nicht dafür ausgelegt, den Zugbetrieb selber durchzuführen, da der Verein kein Eisenbahnunternehmen ist.

Eine damalige Pionierleistung

Beat Wuhrmann spricht von einer damaligen Pionierleistung. So konnte erstmals ein Zug ohne zusätzliche Lok die steile Bergrampe hinauffahren – und dies mit fast 20 Kilometern pro Stunde. Im flachen Gelände konnte der Triebwagen bis auf Tempo 75 beschleunigen, hatte bereits Türschliessautomatik und konnte im Pendelzugbetrieb eingesetzt werden. Das heisst, an den Endbahnhöfen Luzern und Engelberg konnte der Zug sozusagen einfach in der entgegengesetzten Richtung wieder wegfahren. «Dies alles war für die damalige Zeit innovativ», weiss Wuhrmann.

Zwischenwagen kommen noch

Doch bis man das Rad der Zeit zurückdrehen kann, liegt noch viel Arbeit vor den Bahnfans. Zuerst muss in den nächsten Tagen der Triebwagen wieder in den Originalzustand versetzt, gespritzt und beschriftet werden. Das Unterfangen gestaltet sich schwieriger als angenommen. Denn 2004 wurde das Fahrzeug als Werbelok für eine Luzerner Krankenkasse umgespritzt, später mit dem ZB-Farbschema versehen. Nun heisst es, sämtliche Farben zu entfernen und frisch zu spritzen. Mit Glück fand Wuhrmann über die ehemalige Lieferfirma den richtigen Farbton heraus, das ganz spezielle Engelbergrot und das originalgetreue Grau fürs Dach. Auch die LSE-Schrift konnte wieder rekonstruiert ­werden.

Auf rund 100 000 Franken beziffert der Projektleiter die Kosten für das Projekt Pendelzug. Für den Triebwagen wird mit rund 30 000 Franken gerechnet. Das Geld stammt vor allem aus der Kasse der IG, des Vereins ZB Historic, von Privaten und Firmen.

Bereits im vergangenen Jahr bereitete die IG LSE einen LSE-Steuerwagen aus derselben Epoche auf. Noch etwas Geduld brauchen die Eisenbahnfans für die zwei passenden Mittelwagen, welche noch ein bis zwei Jahre auf dem Berner ZB-Streckennetz regulär im Einsatz sind, bevor sie dann ebenfalls epochengerecht wieder hergerichtet werden können und als Ensemble, als historischer Zug, zwischen Luzern und Engelberg fahren. Und so bei vielen älteren Nidwaldnern ganz spezielle Erinnerungen aufleben lassen.

Die ZB begrüsst die Bestrebungen der IG LSE. «Fahrten mit der historischen LSE-Komposition sind eine tolle Ergänzung zu unserem Angebot», meint Peter Bircher, Mediensprecher der Zentralbahn.