«Leinen los!» bei der Stanser Stiftung Weidli

Seit Anfang Woche wird in der Stiftung Weidli ein Theaterprojekt eingeübt. Dabei war am Montag noch nicht sicher, wie sich das Stück Ende Woche präsentieren würde. Klar war einzig: Es geht auf eine Schiffsreise.

Irene Infanger
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Die Mitwirkenden bewegen sich unter Anleitung von Anna, der Tochter von Regisseurin Maria Gallati. (Bild: Irene Infanger, Stans, 2. Juli 2019)

Die Mitwirkenden bewegen sich unter Anleitung von Anna, der Tochter von Regisseurin Maria Gallati. (Bild: Irene Infanger, Stans, 2. Juli 2019)

Maria Gallati beugt sich zu Niels Gasseling und erklärt, dass draussen bald ein grosses Schiff aus Papier hergestellt wird. Sie schaut ihm in die Augen, sein Blick schweift umher. «Machst du mit?», fragt die Luzerner Theaterpädagogin. Zuerst folgt keine Reaktion, bis ihn eine Betreuerin bittet, auf seinem Tablet mit Ja oder Nein zu antworten. Denn sprechen kann Niels nicht. Mithilfe der Technik ist aber schnell klar: Ja, er möchte mitmachen.

Niels Gasseling ist einer von 40 Klienten der Stiftung Weidli in Stans, die diese Woche am Theaterprojekt «E la nave va» mitwirken – jede Person auf ihre eigene Weise. Denn in der Tagesstätte arbeiten Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen, viele mit schweren. «Im Gegensatz zu anderen Theaterproduktionen spielen sie nicht Theater um des Theaters willen. Sie sind sich selbst und handeln wie gewohnt», betont Regisseurin Maria Gallati. Im Stück gelte es, diese «Ressourcen» in ein Ganzes zu verpacken. «Dadurch wirkt es authentisch.»

«Man muss sich auf das Ungewisse einlassen»

Am Montag begannen die Proben. Gesetzt war nur der Rahmen des Theaterprojekts: Die Besucher sollen mitgenommen werden auf eine Traumreise, wobei sich die Stiftung in ein Schiff verwandelt und die Besucher vom Maschinenraum bis aufs Deck geführt werden. Der weitere Inhalt ist in den letzten Tagen erstellt worden. Jeweils morgens und abends kamen alle Beteiligten zusammen, sangen und bewegten sich und schauten Filmaufnahmen des Vortags. Dazwischen arbeiteten sie in Gruppen.

Die Mitwirkenden sind es, die das Stück zum Leben erwecken. «Wir wussten zu Beginn nicht, was uns erwartet», meint Betreuerin Tina Klemenz und ihre Kollegin Liselotte Müller ergänzt: «Man muss sich auf das Ungewisse einlassen.» Ein spannender Prozess, auch weil Tagesstätte und Wohngruppe eng zusammenarbeiteten. Cecile Zimmermann gefällt’s. Sie hockt hinter das grosse Leinentuch, um für das Schattenspiel eine Seereisende zu spielen und lacht herzhaft.

Am Montag herrschte noch Verunsicherung

Maria Gallati ging in den letzten Tagen jeweils bei den verschiedenen Ateliers vorbei, überliess die Führung jedoch den anderen. «Ich störe die Prozesse bewusst nicht, auch wenn ich Dinge vielleicht anders umsetzen würde. Denn daraus entsteht vielfach Neues und Unerwartetes.» Das sei das Besondere: Jede Person leiste ihren Beitrag zum Stück.

«Am Montag waren alle noch sehr verunsichert», stellt Klaus Keller, Leiter der Tagesstätte der Stiftung Weidli, fest. Am Dienstag sei dies schon anders gewesen, man habe gemerkt, dass alle auf dem gleichen «Boot» seien.

Bereits vor zehn Jahren hat die Stiftung Weidli ein ähnliches Projekt realisiert. Damals war es ein Zirkus, bei dem Artisten mit den Klienten der Stiftung zusammenarbeiteten. «Das Theaterprojekt heuer ist insofern anders, als dass sich die Mitarbeiter selbst einbringen», erklärt Keller. Dies in Zusammenarbeit mit der Regisseurin, deren Tochter Anna sowie zwei Kollegischülern, die das Projekt für ihre Maturaarbeit begleiten.

«Es ist ein spannendes Projekt für alle. Zu Beginn waren Ängste da, ob es funktionieren wird. Schliesslich sind unsere Klienten sehr emotional. Aber das ist auch ihre Stärke», betont Klaus Keller. Ein Drittel der heute am Theater Beteiligten war beim Zirkusprojekt schon dabei und viele sprächen heute noch davon. «Es hat tiefe Spuren hinterlassen.»

Hinweis: Die beiden Aufführungen finden am Freitag, 5. Juli, um 18 Uhr und Samstag, 6. Juli, um 14 Uhr statt. Die Platzzahl ist beschränkt, Tickets können am Empfang der Stiftung Weidli bezogen werden.