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Suizid eines Flüchtlings aus Buochs wirft hohe Wellen

Der Freitod eines vorläufig aufgenommenen Flüchtlings aus Afghanistan hat in seinem Umfeld für Bestürzung gesorgt. In sozialen Medien werden Vorwürfe gegen die «konservative Politik» der Nidwaldner Behörden laut. Diese sei für den Suizid mitverantwortlich. Der Kanton weist die Vorwürfe in aller Deutlichkeit zurück.
Oliver Mattmann

«Du warst der beste Kollege für uns». «Wir können dich nicht vergessen». «Gott hilft dir in der anderen Welt». Es sind Trauerbekundungen für M.*, ausgedruckt auf A4-Papier. Daneben sind Bilder von ihm aufgestellt, es brennen Kerzen in Gedenken an den jungen Afghanen. Gegen 50 Personen haben sich am vergangenen Sonntag in seinem Wohnort Buochs versammelt, um von M. Abschied zu nehmen. Der 22-Jährige, ein vorläufig aufgenommener Flüchtling mit ­F-Status, hat sich am 18. November das Leben genommen.

Trauer herrscht nicht nur in seinem näheren Umfeld, sondern auch beim Bistro Interculturel, das sich seit Jahren für das Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen in Nidwalden einsetzt und für sein Engagement schon mehrfach ausgezeichnet wurde, darunter von der renommierten Albert Koechlin Stiftung. Laut Webseite des Bistro Interculturel hat M. regelmässig an Anlässen und Projekten teilgenommen und ist ein wichtiger Teil von Projekten gewesen, unter anderem vom Deutsch-Treff für Asylsuchende. Zu den Beweggründen für dessen Suizid äussert sich der Verein zurückhaltend. «Ob es seine Fluchtgründe, die Flucht selber, die schwierige Situation hier, eine Kombination von allem, oder andere Gründe waren, die ihn zu dieser Entscheidung brachten, ist Spekulation; es bleiben uns die schönen Erinnerungen an gemeinsame Begegnungen», heisst es auf der Webseite des Bistros.

Wer steckt hinter der Facebook-Trauerseite?

Weitaus höher gehen die Wogen in den sozialen Medien, wo der Vorfall eine gewisse Eigendynamik angenommen hat. Auf einer nach dem Tod des Afghanen eingerichteten Facebook-Seite, auf der sein Name prangt und darunter «We fight for you – Justice» («Wir kämpfen für dich – Gerechtigkeit») steht, wird versucht, auf die angeblich unzumutbare Situation von Asylsuchenden mit ­F-Status aufmerksam zu machen. Zwar habe M. einen Deutschkurs und sogar ein Praktikum absolviert, doch sein Tod zeige, dass die sogenannte «Integration» noch keine Garantie für ein menschenwürdiges Leben sei. Und nur zwei Zeilen später folgt ein direkter Angriff auf die Behörden. «Es ist klar, dass es die Lebensumstände und die konservative Politik eines Kantons wie Nidwalden sind, die den jungen Afghanen in den Tod getrieben haben.» Mit der spontanen Gedenkfeier wolle man ein Zeichen gegen die unmenschliche Migrationspolitik der Schweiz setzen, heisst es weiter.

Was mit der konservativen Politik von Nidwalden explizit gemeint ist, ob damit suggeriert wird, dass M. an bestimmten Entscheiden, der Unterbringung oder Betreuung des Kantons zugrunde gegangen ist, darauf wird nicht eingegangen. Der Initiant der Trauerseite für M. ist unserer Zeitung nicht bekannt, eine Anfrage über Facebook blieb bis am Dienstagabend unbeantwortet. In einem Post auf derselben Seite wird einzig erwähnt, dass der F-Status Flüchtlinge jeden Tag in den Bereichen Ausbildung, Wohnungssuche, Kantonwechsel, Arbeitsintegration, Familiennachzug, Sozialhilfe usw. einschränke.

Der Kanton sah sich am Dienstagnachmittag veranlasst, auf die Anschuldigungen in den sozialen Medien mit einer Medienmitteilung zu reagieren. Er weist diese «in aller Deutlichkeit zurück» und Regierungsrätin Michèle Blöchliger fügt auf Anfrage an: «Die Vorwürfe sind für uns nicht erklärbar, sie kommen aus dem Nichts.» Der 22-Jährige, der seit seiner Einreise in die Schweiz vor drei Jahren in Nidwalden lebte, sei gut integriert gewesen, habe ein Praktikum bei einer Unternehmung in Ennetbürgen absolviert und auf Sommer 2019 eine Lehrstelle in Aussicht gehabt. Sie hoffe sehr, so Blöchliger, dass die Urheber der Vorwürfe das Schicksal des Afghanen nicht einfach als Mittel zum Zweck nehmen, um zu einem Rundumschlag gegen die Asylpolitik auszuholen. Ob man rechtliche Schritte prüfe, stehe noch nicht fest, so die Regierungsrätin weiter. Wenn die Anschuldigungen nun aufhören, werde man es wahrscheinlich dabei bewenden lassen.

Wohnungswechsel kam nicht zustande

Der Mann hatte laut Mitteilung des Kantons seinerzeit den Wunsch geäussert, von Buochs nach Stans zu ziehen. Das Amt für Asyl und Flüchtlinge habe ihm beschieden, dass er im Hauptort kein Einzelzimmer mehr haben würde, was der Afghane ablehnte. Den Behörden sei weiter einzig bekannt gewesen, dass er im September dieses Jahres wegen Bauchschmerzen beim Arzt war und ihn dieser an den Psychiater überwies. Aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht kenne man die näheren Umstände nicht. Man habe aber keine Hinweise auf einen möglichen Suizid gehabt. «Weder äusserte sich der Mann zu seinen Problemen, noch sprach er Selbstmordgedanken aus», sagt Michèle Blöchliger und betont gleichzeitig, dass das Amt für Asyl und Flüchtlinge mit vielen langjährigen Mitarbeitern besetzt ist, die «ausgezeichnete Arbeit» leisten. Auch weist sie darauf hin, dass sich in den vergangenen 21 Jahren, seit Einführung der Statistik, in Nidwalden noch nie ein Suizid eines Asylsuchenden oder Flüchtlings ereignet habe. Der Tod des Afghanen habe auch sie betroffen gemacht.

Das Amt für Asyl hatte bereits am Samstagnachmittag eine eigene Abschiedsfeier in der Kapuzinerkirche Stans organisiert. Daran teilgenommen hat auch Balz Wolfisberg. Da das Bistro Interculturel, dessen Co-Präsident er ist, vielen Flüchtlingen nahe steht, hat er ebenfalls von Vorwürfen mitbekommen. Die Betroffenheit innerhalb des Vereins hatte ihn veranlasst, eine Todesanzeige für den Verstorbenen aufzugeben. Wolfisberg: «Wir wollen, dass sein Tod nicht vergessen geht – und man sich vielleicht die Frage stellt, was man hätte präventiv besser machen können.»

* Name der Redaktion bekannt

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