THEATER STANS: Gotthelf-Stück mit doppeltem Boden

Gotthelf auf Abwegen: Da wird Altes mit Aktuellem verquickt und Theater im Theater gespielt: «Anne Bäbi im Säli» wird als reizvolles Sprachen-Stück gegeben.

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Das Liebesglück ist nicht einfach zu haben: Hansli Jowäger (Josef Blättler, links), das hübsche Meyeli (Yvonne Eggenschwiler) und der verliebte Jakobeli (Markus Omlin, hinten). (Bild Daniel Auf der Mauer / Neue LZ)

Das Liebesglück ist nicht einfach zu haben: Hansli Jowäger (Josef Blättler, links), das hübsche Meyeli (Yvonne Eggenschwiler) und der verliebte Jakobeli (Markus Omlin, hinten). (Bild Daniel Auf der Mauer / Neue LZ)

Das ist so ein sprechendes Bild aus dem Stück, wo sich der Pointenreiz aus dem Widerspruch ergibt: Anne Bäbi und Hansli Jowäger liegen mitten auf der Bühne im Heu, und im Text heisst es: «Mir hend s Heu nid uf dr gliiche Bühni.» In anderen Szenen kommt die Sprache als Klang in chorischen Zwischenspielen zum aussergewöhnlichen Ausdruck, wenn Wörter und Wortreihen, ausgehend von Begriffen wie «Hocke», «Afaa» (Anfangen), «Schnuufer» oder «Zauht» (Bezahlt), vokal choreografiert werden.

«Anne Bäbi im Säli oder Gotthelf im Ochsen» von Beat Sterchi, entstanden im Gotthelf-Jahr 2004, ist vor allem auch ein Sprach-Stück, eigentlich ein Sprachen-Stück. Das betrifft nicht nur die künstlerisch geformte Bühnensprache, es betrifft die verschiedenen Sprachen auf den verschiedenen Ebenen, die sich spiegeln und durchdringen können. Mehr als nur illustriert von folkloristisch verfremdeter Live-Musik auf Akkordeon (Adi Blum) und Klarinette (Mathis Landtwing).

Eitle Laienspielleute
Denn im «Ochsen»-Säli wird Gotthelf gegeben. Da braucht es erst ein Casting und eine Leseprobe, angeführt vom importierten deutschen Regisseur Horst Tetschke (Ralf Scheffer). Er hat sich mit den Eitelkeiten und Rivalitäten der Laienspielleute auseinanderzusetzen, die angeblich wissen, wie Gotthelf richtig auf die Bühne zu bringen wäre.

«Gotthelf, mein Gott!», entfährt es dem Herrn Regisseur mehr als einmal. Aber noch ist er zuversichtlich-zweckoptimistisch: «Wir kommen dem Gotthelf doch schon auf die Spur.»

Und schon ist die Entspannungsübung an der Reihe (später auch, schön parodierend: Atemübungen, modernes Laientheater halt). Hans Knecht (Josef Blättler), der den Hansli Jowäger spielt, bleibt skeptisch: «Das chaibe Chrampftheater da!»

Entspannung ist schwierig in schwierigen Zeiten, denn im wirklichen Leben hat die ländliche Bevölkerung mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft zu hadern, der Stall und die Hofstatt werden notgedrungen zweckentfremdet.

Ein Wirrwarr von Dialekten
Die Sprache der Spielenden an der Stanser Premiere vom Samstagabend ist ihre Alltagssprache. Im Gotthelf-Stück wird Emmentaler Dialekt geredet. Dazu das Hochdeutsche des Regisseurs. Russisch auch bzw. Hochdeutsch mit slawischem Akzent, wie es die Kellnerin Marija (Olga Businger) tut. Sie hören und sehen wir gleich am Anfang, denn Marija wird im Laufe der Proben als Erzählerin mit ins Stück genommen. Michaela Röthlisberger (Patricia Sykora), die junge Modisch-Punkige, spricht Unangenehmes in ein Handy, auf Englisch («Motherfucker»); diese Enttäuschte-Liebe-Geschichte müssen wir uns vorstellen.

Rasante Wechsel
Es ist alles Theater im Theater, und die Ebenen wechseln bisweilen rasant, es wird zwischen den verschiedenen «Sprachen» geswitcht. Und eben: Es gibt die Theater-Wirklichkeit und das Verhältnis Theater/Wirklichkeit. Natascha Kreyenbühl (Yvonne Meyer-Eggenschwiler), das hochnäsige Provinz-Model (im Rennen um Miss Coop Zentralschweiz), die in ihrer Rolle als Meyeli vom Jakobeli (Markus Omlin) «gewiibet» werden soll, ist im richtigen Leben, nicht mehr lange mit dessen Darsteller Jack Giovanoli verbandelt. Da knisterts dann nicht auf der Bühne, da fliegen bisweilen die Fetzen für Momente.

Gelungene Regiearbeit
Einzig eine recht glückliche Figur im Ganzen macht Hansueli Wüthrich (Ruedy Lussy), bei Gotthelf der Sämi, der zart die verlassene Michaela wird lieben dürfen. Die Titelfigur (Edith Pichler als Dagmar Brenzikofer-Aeschlimann alias Anne Bäbi Jowäger) macht vom Sympathiegehalt her auch keine rechte Falle.

Keine Frage, dieser revidierte Gotthelf mit doppeltem Boden ist mit seinem raffinierten Ebenenspiel auch Anlass für viel unterhaltsame Komik, die den Realismus einer wahren Welt nie verrät. Dem Satz der Spieler möchte da angesichts der Regiearbeit von Ueli Blum vehement widersprochen werden: «Dä söll doch üse Gotthäuf lo sii!»

Urs Hangartner

HINWEIS
Theater Stans, Mürg; Aufführungen bis 15. März; www.theaterstans.ch