TIERQUÄLEREI: Das ungesühnte Leiden von Muni Marc

Ist ein Tierquäler für die vielen unerklärlichen Verletzungen und Todesfälle in den Rindviehbeständen verantwortlich? Zumindest in einem Fall lautet die Antwort eines Veterinärs: Ja.

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Josef Kiser mit seinem 1200 Kilogramm schweren Muni Marc am Zuger Stierenmarkt 2015. (Bild: PD)

Josef Kiser mit seinem 1200 Kilogramm schweren Muni Marc am Zuger Stierenmarkt 2015. (Bild: PD)

Sepp Kiser verdient seinen Lebensunterhalt als Landwirt und ist obendrein ein erfolgreicher Viehhändler. Zusammen mit seiner Familie lebt und arbeitet er auf der Liegenschaft Hinterbach in Ennetmoos. Kiser hat die Figur eines Kranzschwingers. Aufgrund der Ausstrahlung, der Körperspannung und seiner Wortwahl hinterlässt er bei seinen Zuhörern den Eindruck einer gefestigten Persönlichkeit. Den eines Mannes, den nicht so schnell etwas aus der Bahn werfen kann.

Erhebliche Verletzungen

Trotzdem ist das Leben des Sepp Kiser nicht mehr so, wie es einst war. Und zwar seit jener Nacht zu Beginn des Dezembers 2013, als er in den frühen Morgenstunden noch kurz in seinem Stall nach dem Rechten schaute und schockiert feststellen musste, dass da etwas ganz und gar nicht stimmte. Sein Muni Marc, der dieses Jahr am Zuger Stierenmarkt zum Mister Schweiz gekürt wurde, lag betäubt auf dem Boden und wies unter anderem im Bereich des Hodens erhebliche Verletzungen auf.

«Ich war völlig schockiert, als ich das sah, und konnte mir nicht erklären, wie es so weit kommen konnte», erinnert sich Kiser. Der «Zentralschweiz am Sonntag» liegt ein tierärztliches Zeugnis – datiert vom 14. Januar 2014 – vor, das klipp und klar festhält: Die Ursache der Verletzung kam aufgrund einer «Fremdeinwirkung» zu Stande.

Staatsanwalt Tobias Reimann befasst sich in seiner Funktion seit Mitte 2014 mit den mysteriösen Verletzungs- und Todesfällen in den Ställen von Nidwaldner Rindviehhaltern. Für Reimann ist unverständlich, dass eine solche Verletzung erst knapp zwei Monate später bei der Polizei gemeldet worden ist. Eine zeitnahe polizeiliche Tatbestandsaufnahme, so Reimann, sei durch die verspätete Meldung nicht mehr möglich gewesen. Das bedeutet auch, dass eine Spurensuche zwecklos geworden war. Auch der Ursache der Verletzung konnte nicht mehr nachgegangen werden.

Kamera vor dem Stall installiert

Kiser blieb nach dem Muni-Vorfall nicht untätig. Einer Elektro-Spezialfirma aus der Region Stans erteilte er den Auftrag, im Aussenbereich seines Stalles Kameras zu montieren. Der Bauer wollte sicherstellen, dass ein Täter, sollte er ein zweites Mal Unheil über seinen Viehbestand bringen, enttarnt werden kann. In der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 2014 passierte dann das, womit Kiser gerechnet hatte. Er sagt: «Aus den Aufnahmen geht hervor, dass sich auf dem Gelände eine Person bewegte. Zu sehen waren eine Uhr sowie die Schuhe.» Ein Mitarbeiter der Elektrofirma, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, bestätigt: «Zu 95 Prozent handelt es sich um eine Person, die in geduckter Haltung übers gefilmte Terrain huschte.»

Was zeigt das Filmmaterial?

Wie gings weiter? Die Aufnahmen wurden der Nidwaldner Polizei zwecks Auswertung übergeben. Entgegen der beiden Zeugen kommt die kriminaltechnische Abteilung der Polizei aber zu einem völlig anderen Befund: Schriftlich ist festgehalten: «Bei der anschliessenden Sichtung konnten auf den Bildern keine Personen oder Bewegungen festgestellt werden.

Was stimmt nun? Man könnte erwarten, dass man die Aussagen der beiden Parteien nochmals überprüfen könnte. Das ist aber eine Fehlannahme. Denn bei den Behörden liegt keine Kopie des Filmmaterials vor. Der Umgang mit dem Filmmaterial, das heisst die Nichtarchivierung der Bilder, löst bei Sepp Kiser verständlicherweise Kopfschütteln aus.

Kiser hat sich zusammen mit anderen Landwirten zur «Initiativgruppe betroffener Bauern von Tierquälerei Ob- und Nidwalden» zusammengetan. Die Gruppe fordert, dass die Fälle aufgeklärt werden und die Behörden richtig und seriös ihrer Arbeit und den Ermittlungen nachgehen.

Untersuchungen vor dem Abschluss

Reiman hält dem entgegen: «Im vorgenannten Fall ist nicht nur die Anzeige verspätet eingegangen, sondern die polizeilichen Ermittlungen sind anfänglich erschwert worden.» Der Staatsanwalt weist auch darauf hin, dass es umfangreiche Ermittlungen in einer Vielzahl von anderen Fällen gegeben habe. Teilweise seien dafür Spezialisten der Veterinärpathologie der Universität Zürich beigezogen worden. Dabei hätten sich keine Hinweise auf Tierquälerei finden lassen. Reimann sagt: «Die Untersuchungen stehen vor dem Abschluss.»

Thomas Heer