Nidwaldner Kantonsgericht beurteilt tödliche Kollision 

Nach einem Zusammenstoss mit einem Auto kam im März vor einem Jahr für einen Töfffahrer jede Hilfe zu spät. Dem Automobilisten wird fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Franziska Herger
Drucken
Teilen
Der Gerichtssaal des Kantonsgerichts in Stans. (Archivbild: Markus von Rotz)

Der Gerichtssaal des Kantonsgerichts in Stans. (Archivbild: Markus von Rotz)

«Dem Beschuldigten ist das passiert, wovon alle hoffen, dass es ihnen nie passiert.» Der Vorfall, den Staatsanwalt Alexandre Vonwil mit diesen Worten vor dem Nidwaldner Kantonsgericht einordnete, hatte schwere Konsequenzen: Der 66-jährige Beschuldigte bog am 25. März 2017 bei der Tankstelle an der Stans­staderstrasse 92 im Schrittempo nach links in die Hauptstrasse ein. Dabei kollidierte er rechtwinklig mit einem vortrittsberechtigten Motorradlenker, der mit übersetzter Geschwindigkeit in Richtung Stansstad unterwegs war. Durch den Zusammenstoss wurde der Töfffahrer, ein 33-jähriger Familienvater, so schwer verletzt, dass er noch auf der Unfallstelle verstarb.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten fahrlässige Tötung vor. Er habe sich vor und während des Einbiegens nicht genügend vergewissert, dass von der linken Seite keine Verkehrsteilnehmer herannahten. Die Verteidigung dagegen beantragte Freispruch. Der Beschuldigte sagte am Mittwoch vor dem Kantonsgericht, er habe vor dem Einbiegen bis zu einer Minute gewartet und dabei wiederholt nach links und rechts geschaut. Das Motorrad habe er erst bei der Kollision wahrgenommen. «Plötzlich hat es geknallt, der Töff hätte ebenso gut aus den Wolken kommen können.»

Staatsanwaltschaft rügt mangelnde Aufmerksamkeit

Es sei nicht ersichtlich, welche weiteren Vorsichtsmassnahmen der Beschuldigte hätte ergreifen müssen, sagte sein Verteidiger. Eine Verletzung der Sorgfaltspflicht sei nicht auszumachen. Vielmehr habe der Autofahrer nicht damit rechnen müssen, dass der Lenker des Töffs mit einer «so massiven» Geschwindigkeitsüberschreitung herannahe. Konkret ging die Verteidigung davon aus, dass der Motorradlenker die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h um mindestens 70 Stundenkilometer überschritten habe, womit er den Rasertatbestand erfüllt habe und nach Strassenverkehrsgesetz «das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern» eingegangen sei.

Die Staatsanwaltschaft dagegen argumentierte, das Verhalten des Verstorbenen sei für die strafrechtliche Verantwortlichkeit des Beschuldigten ohne Bedeutung. Die Polizei hatte festgestellt, dass der Beschuldigte eine Distanz von 171 Metern in Richtung Stans einsehen konnte. «Wäre das Motorrad mit der höchsten ihm möglichen Geschwindigkeit von 189 Kilometern pro Stunde gefahren, hätte der Beschuldigte noch immer 3,3 Sekunden Zeit gehabt, um es zu bemerken», rechnete Alexandre Vonwil vor. Der Beschuldigte habe den Motorradfahrer aber weder gesehen noch gehört, obwohl mehrere Auskunftspersonen ausgesagt hätten, ein schnell beschleunigendes Motorrad gehört zu haben. Der Beschuldigte habe nicht die notwendige Aufmerksamkeit aufgebracht, sich damit selber nicht verkehrsregelkonform verhalten und daher auch nicht auf eine korrekte Geschwindigkeit des Motorradfahrers vertrauen dürfen.

Witwe fordert Entschädigung

Dass der Verstorbene zu schnell gefahren war – Auskunftspersonen hatten seine Geschwindigkeit auf 80 bis 100 Kilometer pro Stunde geschätzt – schlägt sich für die Staatsanwaltschaft nur in der Strafzumessung nieder. Das Verschulden des Beschuldigten sei kein schweres, sagte Vonwil. «Der Beschuldigte ist kein Rowdy, ihm ist ein Fehler passiert.» Er beantragte eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 30 Franken, auf zwei Jahre bedingt, sowie eine Busse von 500 Franken. Die Verteidigung beantragte für den Verurteilungsfall eine Geldstrafe von höchstens 20 Tagessätzen. Der Beschuldigte fahre seit 45 Jahren Auto und habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Der Unfall habe ihn psychisch sehr getroffen.

Die Witwe des Verstorbenen forderte über ihre Anwältin einen Schuldspruch und die grundsätzliche Anerkennung einer noch nicht im Detail bezifferten Zivilforderung. Diese besteht neben einer Genugtuung unter anderem aus dem Schaden, den sie und ihre zwei kleinen Kinder durch den Verlust des Verstorbenen als Versorger erlitten haben.

Der Beschuldigte sprach den Hinterbliebenen in seinem Schlusswort sein Beileid aus. «Wenn eine Möglichkeit bestanden hätte, den Unfall zu verhindern, hätte ich das gemacht.» Das Urteil steht noch aus.