Tragischer Seebadi-Unfall von Kehrsiten hallt nach

Vor 60 Jahren ist im Seebad Fürigen in Stansstad ein junger Mann tödlich verunglückt. Seine Schwester erinnert sich zurück.

Sandra Peter
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Marie-Louise Berner. (Bild: Corinne Glanzmann, Stans, 14. August 2019)

Marie-Louise Berner. (Bild: Corinne Glanzmann, Stans, 14. August 2019)

Ein Sprung in den Vierwaldstättersee reizt viele Badegäste, ungefährlich ist dies jedoch nicht. Vor 60 Jahren erschütterte ein tragischer Unfall im damaligen Strandbad Fürigen in der Harissenbucht die Nidwaldner Bevölkerung und die Familie von Marie-Louise Berner aus Oberdorf. Ihr damals 17-jähriger Bruder verunglückte an einem Sonntagnachmittag tödlich. Berner war beim Unfall selber nicht dabei, dennoch blieb ihr der Tag in Erinnerung. Ihre Eltern und die Kollegen ihres Bruders schilderten ihr das Unglück.

Eltern gingen gerichtlich gegen Bademeister vor

Am 5. Juli 1959 war der 17-jährige Fredy Businger mit Freunden im damaligen Strandbad, das zum Kurhotel Fürigen gehörte. Die Kollegen schubsten ihn aus Jux vom zehn Meter hohen Sprungturm, wie Berner unserer Zeitung gegenüber berichtet. Als er nicht mehr auftauchte, riefen die jungen Männer den Bademeister. Dieser habe die Hilfe verweigert, mit der Begründung, dass die Burschen die ganze Zeit herumgealbert hätten.

Im «Nidwaldner Volksblatt» erschien am 8. Juli 1959 eine kurze Meldung zum Unfall. Gemäss dieser hätten Gäste Businger im «Schwimmbassin» untergehen sehen. Der Bademeister und weitere Schwimmer seien dann nach ihm getaucht. «Erst einige kostbare Minuten später gelang es dem Bademeister, den leblosen Businger in 2,5 Metern Tiefe zu bergen», stand darin. Wiederbelebungsmassnahmen seien erfolglos geblieben.

Die Version der Familie tönt anders. Gemäss Erzählungen der Eltern hat ein badender Gast des Hotels Fürigen, ein Arzt, den 17-Jährigen dann aus dem Wasser geholt. Sein Körper habe Schürfwunden aufgewiesen. «Mein Bruder konnte schwimmen, aber das nützt dir nichts, wenn du auf einen Felsen aufschlägst», sagt Berner dazu. Später prozessierten die Eltern gegen den Bademeister, gewannen und erhielten damals rund 120 Franken Rente pro Monat zugesprochen, weiss Berner von ihrer Mutter. Die Gerichtsakten dazu sind wegen der gesetzlichen Schutzfrist von 100 Jahren noch nicht öffentlich einsehbar.

Der Unfall war ein schwerer Schlag für die Eltern und die drei verbleibenden Geschwister. Die Mutter habe den Verlust nie überwunden und 20 Jahre lang beinahe täglich das Grab besucht. Der Vater sei plötzlich ergraut, habe aber nie um seinen Sohn weinen können, so Berner. Die Kollegen des Bruders hätten heute noch damit zu kämpfen. «Es gab anders als heute keine psychologische Hilfe. Da musste jeder selber mit dem Erlebten fertig werden», erinnert sich die heute in Ennetbürgen lebende Schwester des Verunglückten. «Ich war froh, dass ich wieder arbeiten gehen musste und so Ablenkung hatte.»

Auch in der Bevölkerung war die Betroffenheit spürbar. Bei der Beerdigung lief die Trauergesellschaft von der damaligen Totenkapelle in der Nägeligasse zum Friedhof bei der Kirche. «Diesen Weg säumten bestimmt um die 150 bis 200 junge Leute», erzählt Berner. Das 1920 erstellte Strandbad Fürigen galt unter den Einheimischen als teure und noble Badeanstalt. Seit 1987 gibt es in der Harrisenbucht kein Strandbad mehr.

Schwester will Waghalsige aufrütteln

Bei Berner schrillten die Alarmglocken, als sie kürzlich in unserer Zeitung von den Menschen las, die heute bei der Fischeregg zwischen Stansstad und Kehrsiten von den Steinschlagnetzen in den Vierwaldstättersee springen (Ausgabe vom 31. Juli). «Das Gebiet entlang der Kehrsitenstrasse ist sehr felsig und das Hineinspringen deswegen gefährlich. Das ist allgemein bekannt», sagt die heute 79-Jährige.

Der Kanton konnte dies auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren. Es gebe zu wenig fundierte Informationen. Derweil fragt sich Berner, wieso einige «Verrückte» diesen Kick suchen: «Ich hoffe, dass dort niemand mehr verunglückt.»