BECKENRIED

Umstrittene Lehrerin darf als Fachlehrerin an der Schule bleiben – unter Auflagen

Nun liegen die Ergebnisse der externen Untersuchung zur Primarlehrerin vor. Die Rede ist von problematischen Strafen. Kritik musste auch die Schulleitung einstecken – sie hat darauf reagiert.

Matthias Piazza
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Das Primarschulhaus in Beckenried.

Das Primarschulhaus in Beckenried.

Bild: Urs Hanhart (24. November 2020)

Die Vorwürfe, die Eltern diesen Sommer an eine Lehrerin richteten, die an der Beckenrieder Primarschule seit 15 Jahren unterrichtet, waren happig: Sie habe Ohrfeigen verteilt oder mit dem Lineal auf die Finger der Schüler geschlagen. Am Donnerstag stellten der Beckenrieder Gemeindepräsident Bruno Käslin, der für die Bildung zuständige Gemeinderat und Schulkommissionspräsident Rolf Amstad und der beauftragte externe Berater Anton Strittmatter die Ergebnisse der Untersuchung und die daraus abgeleiteten Empfehlungen und Massnahmen vor.

500 Seiten Akten gewälzt

Für die Untersuchung studierte der 72-jährige Zuger Bildungswissenschaftler Anton Strittmatter, der sich seit 2011 als freiberuflicher Berater mit Unterrichtsqualität, Team- und Führungsentwicklung beschäftigt und Schulen in schwierigen Situationen unterstützt, in den vergangenen drei Monaten rund 500 Seiten Personalakten, Protokolle, Aktennotizen, Zeugniskopien, E-Mails, Briefe und Schuldokumente. Er sprach mit aktuellen und ehemaligen Mitgliedern von Leitungsorganen, mit Lehrern, Eltern, Schulkindern und schulischen Unterstützungsdiensten. Nebst den Akten und rund 40 mündlichen Befragungen, die zwischen 30 Minuten und 3 Stunden dauerten, wertete er auch die rund 20 schriftlichen Testimonials aus, von Lehrpersonen und Eltern. «Ich traf eine verworrene und belastende Situation an», sagte er an der Pressekonferenz.

Zur Strafe Liegestützen vor der ganzen Klasse

«Es kamen problematische Seiten zum Vorschein», erklärte Anton Strittmatter. «So wurde mehrfach erwähnt, dass sie mehr mit Druck statt mit Ermunterung und Motivierung arbeitet und fragwürdige Strafen mit Prangerwirkung anwendet. So mussten Schüler als Strafe Liegestützen vor der ganzen Klasse machen», nannte er ein Beispiel. Negativ ins Gewicht falle, dass sie als 5./6.-Klass-Lehrerin schon Mitte der 5. Klasse Prognosen zu den Übertrittschancen (ORS/Kollegi) gegeben habe. Als problematisch erwähnte er auch ihre Handhabe mit Prüfungen. So habe sie bei Prüfungen auch Stoff geprüft, der früher behandelt worden sei. Schliesslich sei es schwierig, mit Bedenken an sie zu gelangen, sie reagiere stark rechtfertigend und nicht selbstkritisch.

Allerdings hätten Eltern und Lehrer auch viele positive Eigenschaften an der besagten Lehrerin erwähnt, das Alter wollte er aus Persönlichkeitsschutzgründen nicht nennen. Sie gelte als sehr pflichtbewusst und gründlich in allen Aufgabenbereichen, vertrete eine klare Linie bezüglich Anforderungen und Einhalten der Klassenregeln, kontrolliere das Geforderte, sei darin streng aber gerecht. Mit Kindern mit besonderen Handicaps sei sie sehr fürsorglich, könne humorvoll sein und engagiere sich überdurchschnittlich für die Schule.

Der Vorwurf der Tätlichkeiten wie Ohrfeigen und Tatzen habe hingegen nicht erhärtet werden können. Dies sei allerdings auch nicht im Hauptfokus seiner Untersuchungen gestanden, da die Staatsanwaltschaft dem nachgehe.

Die Wahrnehmungen der Schüler gehen sehr weit auseinander. Sie gingen von «der Glücksfall meines Lebens» bis zu «eine noch nach Jahren nachwirkende Traumatisierung». Dieses Phänomen sei an sich nicht ungewöhnlich. «Dass jedoch ein nicht kleiner Teil der Kinder den Unterricht bei ihrer Lehrerin so negativ erlebt hat, und zwar auch schon in früheren Klassen, kann nicht einfach hingenommen werden», hielt Anton Strittmatter fest.

Fach- statt Klassenlehrerin und regelmässige Feedbacks

Auf Empfehlung Strittmatters hat die Schulkommission beschlossen, dass die Frau nicht mehr als Klassenlehrerin, sondern als Fachlehrerin (Musik, Werken, Zeichnen, Gestalten, Medien und Informatik) eingesetzt wird, was auch dem Wunsch der Lehrerin entspreche. Zudem wird sie von der Schulleitung in Form von Gesprächen und Unterrichtsbesuchen begleitet und sie muss regelmässig Feedbacks von Eltern und Schülern einholen.

Dies alles gilt nur unter der Voraussetzung, dass die Lehrerin nicht wegen Tätlichkeit oder Gefährdung der körperlichen oder seelischen Entwicklung der Kinder verurteilt wird. Dies würde die sofortige Auflösung des Anstellungsverhältnisses bewirken. Seit Juli und bis zum Abschluss der Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft ist sie freigestellt. Für sie gilt die Unschuldsvermutung. Die in der Untersuchung Strittmatters festgestellten problematischen Verhaltensweisen der Lehrerin würden erst dann eine Kündigung rechtfertigen, wenn sie vorher klar gerügt worden sei und eine Chance zur Veränderung der Verhaltensweisen nicht genutzt hätte, hielt Anton Strittmatter fest.

Kriseninterventionsstelle beim Kanton gefordert

Durchleuchtet wurde auch die Schulleitung, welche von Eltern mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, einzelne Lehrpersonen zu mobben und bei Elternbeschwerden zu «mauern», abzuwiegeln und nichts zu unternehmen. Von Mobbing könne keine Rede sein, vielmehr habe es sich bei einem Konflikt auf der Kindergartenstufe um eine sehr schwierige Situation unter den Lehrpersonen selbst gehandelt. Der zweite Vorwurf hat laut Strittmatter seine Gründe in mangelnder Kommunikation seitens der Schulleitung.

Die Erkenntnisse bleiben nicht folgenlos. «Wir sind sehr dankbar für die Arbeit des externen Fachexperten und wollen die Chance nutzen, uns zu verbessern», sagte Gemeinderat und Schulkommissionspräsident Rolf Amstad. So werde das Pensum der Schulleitung um 20 Prozent auf 200 Prozent aufgestockt. Auch will man bei Praktiken besser hinschauen, die entweder heute umstritten sind oder zwischen Lehrpersonen oder Stufen weit auseinanderklaffen und transparenter machen, an wen sich Schüler und Eltern bei Problemen wenden können. «Zudem fordern wir vom Kanton die Schaffung einer Kriseninterventionsstelle.» Auch Gemeindepräsident Bruno Käslin sprach von einer erfolgreichen Untersuchung. «Wir gehen fest davon aus, dass nun wieder Ruhe im Schulbetrieb einkehrt und damit wieder ein gutes Lernklima herrscht.»