Das Nidwaldner Museum bietet einen unkonventionellen Blick auf eine spezielle Frau

«Ich wäre widerstehlich», schrieb Annemarie von Matt. Diese Qualität beleuchtet Konservatorin Patrizia Keller mit acht Künstlern.

Romano Cuonz
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Konservatorin Patrizia Keller beleuchtet mit Kunstschaffenden im Nidwaldner Museum die Werke von Annemarie von Matt.

Konservatorin Patrizia Keller beleuchtet mit Kunstschaffenden im Nidwaldner Museum die Werke von Annemarie von Matt.

Bild: Romano Cuonz (6. März 2020)

«Zu ihren Lebzeiten sprengte die Stanser Künstlerin und Autorin Annemarie von Matt mit ihrem Werk die Grenzen der Konvention», hält Patrizia Keller als Konservatorin des Nidwaldner Museums fest. Und wenn sie dies sagt, ist aus ihrer Stimme grosse Bewunderung herauszuhören. Wohl auch deshalb beleuchtet Keller das Schaffen der eigenwilligen Nidwaldner Künstlerin in einer Ausstellung neu und anders.

Der Ausstellungstitel sagt es: irgendwie auch «widerstehlich»! Diese Wortschöpfung hatte Annemarie von Matt (1905 bis 1967) in einem ihrer vielen Notizbücher festgehalten. Wörtlich schrieb sie: «Ich wäre widerstehlich!» Als Patrizia Keller auf diesen Satz stiess, wurden bei ihr verschiedene Assoziationen geweckt. Sie zählt sie auf: «Widder, widerborstig, gegen den Strom, unwiderstehlich, auferstehen, wieder ...» Und davon sei sie ausgegangen, als sie den Nachlass der Nidwaldnerin in zweieinhalbjähriger Arbeit gesichtet und auch in Zusammenarbeit mit der Kantonsbibliothek Nidwalden in ein neues Licht gerückt habe.

Zusammen mit Co-Kuratorin Claire Hofmann vom Centre culturel suisse in Paris verfolgte sie ein essenzielles Ziel. «Mit dieser Ausstellung, die später auch nach Paris kommt, wollen wir zeigen, wie hochaktuell Annemarie von Matts Schaffen ist. Und wie ihre Fragestellungen und Arbeitsweisen bis heute nichts an Gültigkeit verloren haben.» Eine Ausnahmekünstlerin sei sie. Und als solche nimmt sie das Nidwaldner Museum wahr. Stefan Zollinger (Vorsteher Amt für Kultur) würdigt dies so: «Annemarie von Matts Suche nach neuen Materialien für die Kunst ist der Versuch, die Kunst und den Alltag zusammenzubringen.» Dabei habe sie, ähnlich wie Dadaisten und Surrealisten, den Blick auf das Naheliegende ständig erweitert.

Figuren, Zeichnungen, Skizzen und Aphorismen

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Gesamtschau auf das Werk von Annemarie von Matt. Sie ist im Pavillon und im Winkelriedhaus auf fünf Räume verteilt. Arbeiten, wie man sie teilweise noch nie gesehen hat, stammen aus allen Schaffensepochen. Sind gleichermassen gestalterisch wie literarisch.

Annemarie von Matt wurde als Marie Gunz im luzernischen Root geboren und heiratete später den Stanser Künstler Hans von Matt. Zu Beginn erprobte sie vor allem die Ölmalerei. Aber auch Techniken der Volkskunst und religiös ländliche, naive Bildwelten entdeckt man bei ihr. Die Gegensätze in Annemarie von Matts Schaffen werden im Pavillon nebeneinander sichtbar. Ein Beispiel: Da ist der schwarz-weisse, mit Wolle bestickte Wandbehang «Madonna mit Kind». Gleich daneben die modern erscheinende Collage einer Frau auf Sperrholz. Diese hatte die Künstlerin als Schaufensterdekoration für eine Zürcher Bijouterie hergestellt. Nach und nach rückten Objekte und Zeichnungen ins Zentrum. Und jetzt setzte auch ihr literarisches Schaffen ein.

Kuratorin Patrizia Keller hält fest: «Sowohl in der Kunst als auch in der Sprache wird Annemarie von Matts Interesse für das Fragmentarische, Unvollständige deutlich.» Ein Beispiel dafür ist etwa ein ebenso reich wie wirr bemaltes Fenster ihres Ateliers. Zu sehen im Winkelriedhaus. Alles wird miteinander vermischt, überarbeitet, zerstört und später wiederholt. Den Überblick über diesen überbordenden Kosmos zu behalten, sei für eine Kuratorin genauso schwierig wie für Betrachter, gesteht Patrizia Keller.

Zeitgenössische Auseinandersetzungen

«Um die Aktualität von Annemarie von Matts Schaffen zu zeigen, haben wir acht zeitgenössische Künstler eingeladen», erklärt Patrizia Keller.

Mitten in der Gesamtschau treten sie in einen spannenden Dialog mit der Nidwaldnerin. Mathis Altmann aus München kreiert aus Wegwerfmaterial Kosmen, die beim Betrachten Assoziationen zu Annemarie von Matt auslösen. Sophie Jung aus Luxemburg sammelt Alltagsmaterialien und lässt sie neu aufleben. Sam Porritt aus London präsentiert mit einer Installation stapelweise Ideen und Einfälle, die herumgewirbelt werden. Quinn Latimer aus Kalifornien präsentiert eine fiktive Korrespondenz mit Annemarie von Matt. Die aus Lausanne stammende Manon Wertenbroek spielt mit einem in die Wand eingelassenen Reissverschluss ganz behutsam auf Annemarie von Matts Liebesgeschichte mit Josef Vital Kopp an: Verstecken und Aufdecken! Die Autorin Judith Keller aus Lachen erzählt in einfachen Sätzen und Wortspielereien Miniaturgeschichten, derweil Simone Lappert (Aarau) in Gedichtform Einblick ins Leben von Annemarie von Matt gibt.

Sehr interessant ist auch die Idee von Céline Manz (Zürich) im Hans-von-Matt-Raum: Sie spricht mit einer Psychoanalytikerin. Dabei geht es um die Auswirkungen, die spätere männliche Nachlassverwalter – in diesem Fall Hans von Matt – auf die Wahrnehmung der Werke von Künstlerinnen haben können.

Hinweis
«Annemarie von Matt widerstehlich». Ausstellung mit Beiträgen von acht Kunstschaffenden. Nidwaldner Museum Winkelriedhaus: 7. März bis 2. August 2020.