Urner Künstlerin Nathalie Bissig verlangt im Nidwaldner Museum nach unseren «Äuglein»

Wer in die Welt der Urnerin eintaucht, muss auf einiges gefasst sein. Das Unheimliche ist bei ihrer Kunst allgegenwärtig.

Romano Cuonz
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Welch ungewohnter Anblick, wenn man zurzeit in den wunderschön gewölbten Keller des Stanser Winkelriedhauses hinuntersteigt. Den normalerweise steinig schwarzen Boden bedeckt jetzt ein flauschiger Teppich. «Gewoben» ist er aus gleich 200 Kilogramm schneeweissem Konfetti. Und es gilt: Schuhe bitte ausziehen! An der Wand steht ein Ständer mit schwarz-weissen, eigenwillig bizarren Kleidungsstücken. Eigentlich war all dies für eine Schar Nidwaldner Kinder bestimmt. Diese sollte zur Vernissage der aktuellen Ausstellung im Nidwaldner Museum mit dem Namen «Gebt her eure Äuglein» eine von der Künstlerin konzipierte Performance aufführen.

Künstlerin Nathalie Bissig (links) und Kuratorin Patrizia Keller auf dem Konfettiteppich im Museumskeller.

Künstlerin Nathalie Bissig (links) und Kuratorin Patrizia Keller auf dem Konfettiteppich im Museumskeller.

Bild: Romano Cuonz (Stans, 1. November 2020)

«Ich wollte den schönen Raum ins Gegenteil eines Kellers umwandeln», verrät die 38-jährige Urnerin. Auf welche vielleicht absurde, bestimmt aber unkonventionelle Weise sie diese Geschichte mit den Kindern inszeniert hätte, will sie nicht verraten. Denn selbst wenn das geplante Spektakel wegen Corona vorerst einmal ausgefallen und der Keller wenig belebt ist, gibt sie die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht auf.

Masken verbergen, indem sie zeigen

Nathalie Bissig sagt: «Im Nidwaldner Museum habe ich erstmals Platz, meine vielen Arbeiten in einer Gesamtschau zu zeigen und ihre Geschichten neu und anders zu erzählen.» Dabei verlangt sie Besucherinnen und Besuchern ganz viel ab. Kuratorin Patrizia Keller erklärt es so: «Mit der Forderung ‹Gebt her eure Äuglein› lädt Nathalie Bissig uns dazu ein, ihr unsere (Seh-)Gewohnheiten auszuhändigen und in ihre eigene Welt einzutauchen.» Wie geheimnisvoll, archaisch, ja nachgerade schauerlich Nathalie Bissigs gefühlsmässig empfundene Urner Welt sein kann, zeigen Masken. Diese Gesichter – oder sind es Fratzen? – blicken den zurzeit selber maskierten Besucherinnen und Besuchern aus meist leeren Augen entgegen. In diesem Nichts hinter den Masken gründet das Unheimliche.

Die schaurigen Masken blicken den Besuchern mit leeren Augen entgegen.

Die schaurigen Masken blicken den Besuchern mit leeren Augen entgegen.

Bild: Romano Cuonz (Stans, 1. November 2020)

«Masken verbergen, indem sie zeigen», hielt der Kunsthistoriker Tobias Büchi fest. In der Tat: Blickt man durch die Augenhöhlen hindurch, entstehen Spannungsfelder. Zwischen Brauchtum und Gegenwart, Überlieferung und Veränderung oder auch einfach zwischen sorgfältigem Handwerk und hintergründiger Kunst. All dies im internationalen Transitkanton Uri, der aus einer beinahe vergessenen Bauernwelt herausgewachsen ist. Oft dienen Masken der Künstlerin auch als Motive für Fotografien. Sie setzt sie in die scheinbar karge, schroffe Natur, der die Menschen ausgesetzt sind. Im Urnerland. Oder in der Fotoserie «Dall Alto», auch im Verzascatal. Betrachter zieht sie in eine andere, ursprüngliche und vielleicht humanere Welt hinein. In eine Welt, die sie als Künstlerin unentwegt neu erschafft. Die Idee zu Masken entsteht bei Nathalie Bissig meist intuitiv. Vielleicht gibt ein Fels, ein Baum den Anstoss dazu. Vielleicht auch nur ein zufällig gefundenes Stück Stoff. Angefangene Werke werden oft zur Seite gelegt und später frisch interpretiert oder mit Neuem konfrontiert.

Die Installation in der Kapelle zeigt das Projekt «Uri damals».

Die Installation in der Kapelle zeigt das Projekt «Uri damals».

Bild: Romano Cuonz (Stans, 1. November 2020)

Erinnerungen aufgefrischt und neu interpretiert

Die Ausstellung im Nidwaldner Museum ist, trotz grosser Vielfalt, übersichtlich und klar verständlich. Dies verdankt man der freundschaftlich engen Zusammenarbeit zwischen Künstlerin und Kuratorin. «Wir nahmen einen grossen Topf von Arbeiten mit vor Ort und gaben dem, was damit passieren konnte und passieren durfte, viel Platz», erklärt Kuratorin Patrizia Keller. In der Hauskapelle präsentiert Nathalie Bissig das Projekt «Uri damals». Ausgangspunkt war Karl Itens Buch, das Fotografien und Zeitdokumente von 1855 bis 1929 enthält. Die Künstlerin kannte es schon als Kind. Später hat sie Bilder daraus genommen und fotografisch neu interpretiert. Damit dringt sie, wie mit den Masken, zu den Wurzeln ihrer Herkunft vor. Stösst einen Dialog zwischen gestern und heute an.

«Gebt her eure Äuglein» ist noch bis Februar zu sehen.

«Gebt her eure Äuglein» ist noch bis Februar zu sehen.

Bild: Romano Cuonz (Stans, 1. November 2020)

Im Pavillon stehen Fotografien, Zeichnungen und Objekte gleichberechtigt nebeneinander. Skizzenhafte, fast flüchtig mit Tusche, Tinte, Ölfarbe oder Farbstift aufs Papier gebrachte Figuren begegnen einem. Spontan und unmittelbar wirken sie. Aufmerksamen Betrachterinnen und Betrachtern aber entgeht nicht, dass sich, gleich daneben, auf Fotografien oder bei Objekten ähnliche Vorgänge abspielen. Die gegenwärtige Ausstellung macht erstmals sichtbar, wie die Arbeiten der mehrfach ausgezeichneten Urnerin in Serien entstehen. Wie Nathalie Bissig Geschichte und Geschichten bildnerisch aufnimmt, variiert und mit den unterschiedlichsten Medien immer wieder anders auftauchen lässt.

Die Werkschau von Nathalie Bissig im Nidwaldner Museum Winkelriedhaus dauert noch bis zum 7. Februar 2021. Öffnungszeiten sind jeweils Mi 14-20 Uhr, Do-Sa 14-17 Uhr, So 11-17 Uhr.

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