Nach Erfolg in Hergiswil: VCS will mehr Strassen für Velofahrer sicherer machen

Die VCS-Sektion Nid- und Obwalden schlägt nach dem Erfolg in Hergiswil weitere Orte vor, wo eine Strasse mit Velostreifen aber ohne Mittellinie funktionieren könnte. Der Kanton ist für solche Ideen offen, betont aber, dass Kernfahrbahnen kein Allheilmittel seien.

Zéline Odermatt
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Weil der Platz eng ist, wird in auf der Seestrasse in Hergiswil definitiv eine Kernfahrbahn eingerichtet. Der Velostreifen ist nur dann einer, wenn Velos verkehren. (Bild: Markus von Rotz, 28. November 2018)

Weil der Platz eng ist, wird in auf der Seestrasse in Hergiswil definitiv eine Kernfahrbahn eingerichtet. Der Velostreifen ist nur dann einer, wenn Velos verkehren. (Bild: Markus von Rotz, 28. November 2018)

Das Pilotprojekt der Hergiswiler Seestrasse als Kernfahrbahn ist nicht nur für die Gemeinde und den Kanton eine Erfolgsgeschichte (wir berichteten). Auch der VCS freut sich über das Ergebnis des Tests einer Fahrbahn ohne Mittellinie, dafür mit Velostreifen. «Mit dem Kernfahrbahn-Testbetrieb in Hergiswil haben Gemeinde und Kanton einen Meilenstein gesetzt», sagt Daniel Daucourt, Präsident der VCS-Sektion Ob- und Nidwalden.

«Diese Massnahme wirkt gemäss wissenschaftlicher Untersuchung beruhigend auf den Verkehr. Auch werden so Velofahrer weniger bedrängt. Beides war dringend nötig auf der viel befahrenen Seestrasse, einer nationalen Veloroute und beliebten Velopendlerstrecke», erklärt Daucourt. Eine Kernfahrbahn kann als Lösung zur Anwendung kommen, wenn die Strasse für zwei Fahrbahnen und zwei Velostreifen nicht genügend breit ist. Es wird keine Mittellinie markiert und auf den Velostreifen sind wie üblich die Velofahrer vortrittsberechtigt. Die Autofahrer müssen bei Gegenverkehr mit dem Überholen warten.

In Hergiswil gab es überwiegend positive Rückmeldungen, nun soll die Kernfahrbahn sogar verlängert werden. «Fachleute haben bis anhin gedacht, man brauche für eine Kernfahrbahn eine Gesamtfahrbahnbreite von 7,50 bis 8,40 Metern. In Hergiswil wurde nun bewiesen, dass die Markierung auch auf einer schmaleren Strasse erfolgreich ist», so Daniel Daucourt. Dort unterschreitet die Strasse die Normwerte um rund einen Meter.

Massnahme wurde auch von Autofahrern akzeptiert

Nicht nur Velofahrer befürworteten die Massnahme in Hergiswil mehrheitlich. Auch 75 Prozent der Autofahrer gaben eine positive Rückmeldung. «Das ist hervorragend», sagt Daucourt. Die Trennung durch die Velostreifen-Markierungen erwirke ein besseres Zusammenspiel zwischen Autofahrer und Velofahrer. Es herrsche mehr Rücksicht aufeinander, der Verkehr werde sicherer und angenehmer. «Es ist das Wunder von Hergiswil», so Daucourt.

Nun sollen auch andere Nid- und Obwaldner Gemeinden von den Erkenntnissen in Hergiswil profitieren. «Ich würde es sehr begrüssen, wenn Kernfahrbahnen an weiteren Orten getestet oder umgesetzt werden», erklärt Daniel Daucourt. Gemeinsam mit Pro Velo hat der VCS deshalb Strassen ins Auge gefasst, die sich eignen könnten.

So etwa die Beckenriederstrasse in Buochs, für deren Umgestaltung zurzeit vom Kanton und der Gemeinde ein Konzept ausgearbeitet wird (wir berichteten). Daucourt: «Eine Kernfahrbahn wäre dort vorteilhaft. Die Strecke ist eine nationale Veloroute und innerorts ist es schwierig, die Fahrbahn zu verbreitern.» Auch für Beckenried könne eine solche Strassengestaltung attraktiv sein.

Weitere mögliche Kernfahrbahnen sieht Daucourt auch in Stans. Er nennt die Buochser-, Engelberger-, Robert-Durrer-, und Stansstaderstrasse. Daucourt: «Die in Frage kommenden Strecken sollten von Velofahrern regelmässig befahren sein, sei es durch Pendler, Schüler, Touristen oder die lokale Bevölkerung.»

Optimierungsbedarf für die Verkehrssicherheit der Velofahrer sieht auch die Stanser Gemeinderätin Sarah Odermatt. «Bei Erneuerungsprojekten an unseren Gemeindestrassen verzichten wir daher auf eine markierte Mittellinie. Dies führt nachweislich zu einer Verbesserung der Verkehrssituation», sagt Odermatt.

«Kernfahrbahn ist 
kein Allheilmittel»

Die Kantonsingenieurin Stephanie von Samson bewertet die Rückmeldungen positiv: «Es freut uns natürlich sehr, dass Daniel Daucourt (VCS), und teilweise auch Gemeinden, Städte und Kantone Interesse an diesem Erfolg der umgesetzten Kernfahrbahn in Hergiswil zeigen.» Sie würden bei Bedarf sicher weiter mögliche Orte gemeinsam mit der Kantonspolizei und den Gemeinden prüfen. Von Samson sagt jedoch: 

«Die Kernfahrbahn ist jedoch kein Allheilmittel, das man überall anwenden kann.»

Man müsse dies im Einzelfall anschauen. Denn viele Strassen seien nicht geeignet, weil sie zu schmal für die Anwendung der Kernfahrbahn seien – so sei eigentlich auch die Kernfahrbahn in Hergiswil knapp bemessen. Die von Daucourt genannten Strassen seien alle schmaler als die Seestrasse in Hergiswil. «Die aufgeführten Strassen in Stans weisen zudem höhere Verkehrsmengen auf», so Stephanie von Samson. Und die Arbeiten zum Verkehrskonzept in Buochs seien gerade erst gestartet. Auch Odermatt sagt: «Die positiven Erfahrungen aus Hergiswil können nicht eins zu eins auf unsere Strassensituationen übertragen werden.»

Auf der Robert-Durrer- und der Stansstaderstrasse in Stans läuft zudem ab Mitte Juli bereits ein einjähriger Versuch mit einer neuen Verkehrsführung. Dort dürfen die Autofahrer bald auf einem Teil der Strecke nur noch in eine Richtung fahren. So soll eine Lösung für die Verkehrsprobleme auf der schmalen Robert-Durrer-Strasse gefunden werden. Velofahrer können dort weiterhin in beide Richtungen fahren. «Aus unserer Sicht sollte erst einmal der Versuchsbetrieb des Teil-Einbahnsystems abgewartet werden», sagt von Samson. Denn mit diesem werde eine mögliche Alternative geprüft. Sie fügt aber an: «Prinzipiell sind wir offen.»

Auch Gemeinderätin Sarah Odermatt will bei der Robert-Durrer-Strasse zunächst den Testbetrieb abwarten: «Mit den Erkenntnissen aus dem Versuchsbetrieb werden wir dann die weitere Planung vornehmen.» Und bei den anderen von Daucourt genannten Strassen habe man ein Interesse daran, an einer Verbesserung mitzuwirken, auch wenn diese als Kantonsstrassen nicht direkt von der Gemeinde betrieben werden. Odermatt: «Wir sind offen für alternative Strassenraumgestaltungen.»