Von Frauenkleidern an Wäscheleinen

Kolumnist Christian Hug sinniert in seinem «Ich meinti» über politisch korrekte Schaufenstergestaltung.

Christian Hug
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In meinem Auto hat es immer Kaugummis auf Vorrat, ich mag diese säureregulierenden Kaugummis mit Grüntee-Extrakt, die bubbeln nicht und schmecken fein. Letztens habe ich den letzten Gummi aufgebraucht, es war just am Frauenstreiktag, das weiss ich noch, weil im Radio grad Nachrichten zum Stand der Gleichstellung von Frau und Mann liefen. Kein Problem, dachte ich, in solchen Fällen kauft man einfach eine neue Packung.

Drum machte ich mich, wieder zu Hause, auf zur Apotheke meines Vertrauens, weil es meine Kaugummis nur dort zu kaufen gibt. Passend zum heissen Wetter war das Schaufenster zum Thema Sommer dekoriert: Ein Liegestuhl mit Seesternen, Antimückenmittel, Tabletten gegen Durchfall und Dragees gegen Verstopfung und sonderbarerweise auch Nikotinkaugummis für den Fall, dass jemand ausgerechnet am Strand das Rauchen aufgeben möchte. Alles im entspannten Bereich, dachte ich. Bloss die Wäscheleine, die quer durch das Schaufenster gezogen war, machte mich stutzig: Da hingen ein enorm knappes Badekleid, noch knappere Micro-Shorts, ein Damen-T-Shirt und ein Damen-Träger-Shirt. Alles Frauenkleider. Und alles auffallend winzig.

Diese Dekoration wäre mir bis vor kurzem überhaupt nicht als verdächtig aufgefallen. Aber haben wir nicht gerade eben am Frauenstreiktag gelernt, dass Frauen nicht mehr bloss als Lustobjekt dargestellt werden wollen? Und nun stand ich da vor diesem Schaufenster und wusste nicht, was mir diese superknappen Frauenhosen an der Wäscheleine bedeuten sollen.

Ich fragte eine der netten Verkäuferinnen im Laden, immerhin arbeiten dort ausschliesslich Frauen. «Ach», sagte sie, «da haben wir uns nichts weiter dabei gedacht.» Aha. War das jetzt die gute oder die schlechte Nachricht? Und warum hat es denn nicht wenigstens einen politisch korrekten Damenbadeanzug der Grösse XXL im Schaufenster – plus politisch korrekt mindestens ein Männerhemd? Und final die Frage: Darf man heutzutage überhaupt noch solche Schaufenster machen? Darüber zerbrach ich mir den Kopf. Und das ärgerte mich, weil ja jetzt von überallher mehr Bewusstsein gefordert wird und ich nicht den blassesten Schimmer hatte, wie ich dieses Schaufenster einordnen sollte. Und ich ärgerte mich noch mehr, dass ich mir solche Fragen ausgerechnet an einem Apothekenschaufenster stellte, wo es doch viel zu wenig Frauen in den Führungsetagen der Wirtschaft gibt.

Ich kaufte meine Kaugummis und brauchte Zerstreuung. Deshalb gönnte ich mir einen Verveine-Tee im Restaurant vis-à-vis und blätterte in der «Schweizer Illustrierten». Da war ein grosses Interview drin mit meiner Lieblings-Beatrice-Egli, die Arme hatte eine schwere Zeit mit Depressionen und so, und darüber wollte sie nun reden. Gesprochen hat sie mit einer Journalistin. Es war sozusagen ein vertrauliches Gespräch unter Frauen. Und die aller-allererste Frage ging so: «Beatrice Egli, was für ein Teint! Sie sehen fantastisch aus.»

Christian Hug, Journalist aus Stans, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.