Vor sechs Jahren überquerte er die nepalesische Grenze – jetzt leitet er ein Beschläge-Lager in Buochs

2014 flüchtete Tseten Dekyikangsar aus dem Tibet in die Schweiz. Im Sommer schliesst er seine Schreinerlehre bei «Frank Türen» gut ab, er wäre aber gerne noch besser gewesen.

Daniel Schwab / Apimedia
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Diesen Sommer schloss Tseten Dekyikangsar in Buochs die anspruchsvolle vierjährige Schreinerlehre ab.

Diesen Sommer schloss Tseten Dekyikangsar in Buochs die anspruchsvolle vierjährige Schreinerlehre ab.

Bild: Apimedia / PD

Die Freiheit der Bürger ist in Tibet eingeschränkt, ebenso die beruflichen Perspektiven für junge Menschen. Deshalb machte sich Tseten Dekyikangsar 2014 eines Nachts auf den Weg, um seine Heimat zu verlassen und in Europa ein neues Glück zu suchen. Schlepper brachten ihn über die nepalesische Grenze. Von der Hauptstadt Kathmandu aus ging's dann mit dem Flugzeug nach Mitteleuropa. Das Ticket hatte sein Onkel bezahlt. In welchem Land er damals landete, weiss Tseten nicht mehr. Nur noch, dass er letztlich mit dem Zug in die Schweiz kam und in Kreuzlingen Asyl beantragte.

Deutsch lernen mit Hilfe von Youtube

Von der Schweiz wusste er bis dahin gar nichts. Nach vier Monaten wurde Tseten ins Asylzentrum nach Stans überführt. In einer Kirchengemeinschaft lernte er die ersten Brocken Deutsch. Da ihn der Unterricht am Mittwochnachmittag aber zu wenig forderte, besuchte er zusätzlich eine Gratisschule. Nachdem er sich ein paar Franken angespart hatte, kaufte er sich ein günstiges Tablet, das er unter anderem dazu nutzte, um via Youtube sein Deutsch weiter zu verbessern.

Nach einem knappen Jahr in Stans traf dann die lang ersehnte Aufenthaltsbewilligung ein. Das erlaubte Tseten, vorübergehend in einem Kebab-Laden in Kriens zu arbeiten. Nach Beendigung der Schule – sein Deutsch-Niveau hatte er mittlerweile von A2 auf B2 verbessert – bekam er eine Allrounder-Stelle in einem Restaurant auf der Melchsee-Frutt. Ein schöner Erfolg zwar, aber nur ein Etappenziel.

Denn Tseten strebte nach einer fundierten Ausbildung. Da er über mehrjährige Berufserfahrung im Schreinereibetrieb seines Vaters verfügte, war die Berufswahl schnell getroffen. Frank Türen in Buochs lud den Tibeter auf dessen Bewerbung hin zu einem Schnuppertag und kurz darauf zu einer Schnupperwoche ein. Berufsbildner Dejan Stoimenov:

«Ich habe gleich erkannt, dass Tseten geschickt mit Holz umgehen kann.»

Da neben der Arbeitsqualität auch die Chemie stimmte, bekam der Tibeter im Sommer 2016 eine Lehrstelle als Schreiner EFZ. Das erste Lehrjahr sei sehr anstrengend gewesen, vor allem in der Schule, erinnert sich Tseten. «Wenn ich nach einem harten Arbeitstag nach Hause kam, musste ich noch kochen und bis spät abends für die Schule arbeiten.»

«Ich wollte eine 5,0»

Hin und wieder kamen bei Tseten Zweifel auf, ob eine vierjährige Lehre überhaupt zu schaffen sei. In diesen Momenten erinnerte er sich jeweils an seinen Vater, der ihm mit auf den Weg gab, sich hohe Ziele zu setzen und niemals aufzugeben. Auch Dejan Stoimenov ermutigte ihn: «Ich wusste, dass er die EFZ-Lehre schaffen wird», sagt der Berufsbildner. Und Tseten schaffte es tatsächlich: Diesen Sommer schloss er die Lehre mit der Gesamtnote 4,8 ab. Auf die Frage, ob er darauf stolz sei, meinte er: «Nicht ganz, ich wollte eine 5,0.»

Dank dieses grossen Erfolgs durfte Tseten bei Frank Türen bleiben. Der mittlerweile 36-Jährige arbeitet seit Sommer 2020 als Bankschreiner und leitet das Beschläge-Lager, wo er in erster Linie das Material für die Montage und Endfertigung rüstet. Dass ihm Frank Türen die Möglichkeit der Ausbildung sowie der Weiterbeschäftigung geboten hat, dafür ist er dem Unternehmen ewig dankbar. Möglichst bald möchte er jetzt etwas Geld auf die Seite legen, um seine Eltern in der Heimat zu unterstützen, denen er so viel zu verdanken hat.

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